Finale 3

in Richtung Befindlichkeitsästhetik

Luhmann als Serienkiller

KdG, Kapitel 7, Abschnitte V bis VIII

Niklas Luhmann hat in „Kunst der Gesellschaft“ einer hoch abstrakten Begrifflichkeit vertraut. Obwohl es in der Kunst weitgehend auf sinnliche Konkretheit ankommt, hat er es geschafft in schwindelnder Abstraktionshöhe Klärendes über Kunst herauszufinden.

Nur sehr selten werden von ihm Werke aus der Bildenden Kunst, dem Tanz oder dem Theater detailliert eingebracht. Während Literatur und Architektur gelegentlich vorkommen, werden vorwiegend metasprachliche Texte zitiert.

Trotzdem ist es verblüffend, wie seine Abstraktionen auf einzelne Kunstwerke anwendbar sind, was ich in den letzten Artikeln hier immer wieder vorführte. (1). 

In den letzten Abschnitten des Buches geht es um die neueren Kunstentwicklungen seiner Zeit, um die Postmoderne und die Konzeptkunst, die ihren Zenit in den 70er Jahren erreichten und die er wiederholt zitiert.

Interessant ist, wie die systemtheoretische Methode mit Selbst- und Fremdreferenz, mit Inklusion und Exklusion, sich dem Zeitphänomen der „Postmoderne“ anpasst.(2)

Luhmann verwendet im gesamten Werk weitgehend Quellen, die „über“ Kunst sprechen, die „Theorien der Kunst“ angehören. Dabei kommt Luhmann wiederholt zum selben Ergebnis: 

Die einzelnen realen Kunstwerke sind die eigentlich Selbstbeschreibungen der Kunst!

Philip Guston „Line“ 1978

Betrachten wir von diesem Ergebnis her das Werk KdG, müsste es viel konkreter auf einzelne Kunstwerke der verschiedenen Epochen eingehen und so etwas wie soziologische Kunstwissenschaft werden.

Stellen, in denen Luhmann, z.B. Christo paraphrasiert: „Wenn Dinge ihre Unterschiede und ihre Grenzen nicht mehr legitimieren können, müssen sie eingepackt werden“ (S 484 Fußnote 220), würden verstärkt in den Focus rücken.

Wieweit die systemtheoretische Begrifflichkeit uns etwas an die Hand gibt, um die Kunst über die Lebenszeit Luhmanns und über unsere Gegenwart hinaus erfassen zu können, das zu ergründen wird wirklich spannend. Von mir wird es hierzu nur Hinweise geben können.

 

Moderne

Per Kirkeby, „Ohne Titel“. 2006. Ol auf Leinwand. 200 x 300 cm

Vorab: „Postmoderne“ war nicht ein Stil nach der Moderne, wie der Name suggeriert. Die Moderne ist so etwas wie eine Einheit, vergleichbar dem Barock 

oder der Renaissance. Die Moderne ist kein Stil im Sinne einer Stileinheit oder eines Ismus im Sinne einer rudimentären Geisteshaltung. Sie hat den Anspruch, ein Weltbild zu repräsentieren in einzelnen Kunstwerken, einzelner KünstlerInnen. 

Die „Postmoderne“ ist innerhalb der Moderne ein Zeitabschnitt, der keinen nur annähernd so umfassenden Kosmos wie die Moderne selbst, behaupten kann. 

Die Postmoderne ist innerhalb der Moderne nicht mehr, als einzelne Arbeiten von James Ensor, Otto Meyer-Amden, Bertold Brecht, Philip Gaston, Louise Bourgeois, Francis Picabia, Georgia O´Keefe, Per Kirkeby, Lucian Freud oder Pina Bausch.

Otto Meyer-Amden „Vorbereitung“ 1928

  _

Die Anwendung der systemtheoretischen Methode auf die Moderne – in Bezug auf das Ende der Kunst – erscheint so passend, dass man verführt sein könnte anzunehmen, es gäbe ein Kunstsystem mit einer deutlichen Grenze, mit einem Innen und einem Außen, von dem es sich so unabhängig wie möglich macht und als autonom agierendes System erscheint.

Das „Ende der Kunst“ – hieße systemtheoretisch: das Äußere der Kunst in diese hineinzunehmen –  gehört zur Tradition der Moderne, als ob die Garantie bestehe, nach diesem Ende komme noch ein Ende,  usw. das hieße es gehe immer so weiter…solange die Kunst autonom wäre und es ein eigenes Kunstsystem gäbe – sofern es eines gäbe.

James Ensor „Der Tod und die Masken“ 1897

 

Genauer betrachtet gab es das Ende auch früher schon, wovon die vielen absehbaren Stilwechsel zeugen. Der Unterschied zur Gegenwart ist, was früher Jahrzehnte, Jahrhunderte dauerte, kann heute an einem Tag geschehen, ja sogar gleichzeitig mehrfach nebeneinander.

Auch der Stilpluralismus der „Postmoderne“ war in der gesamten Geschichte gang und gäbe. Wieviele eklektizistische Zeitspannen, von der Antike bis heute, (3) hat die Kunstgeschichte definiert, die sie als Wendezeit bezeichnete? 

Elitär – populär

Francis Picabia „La résistance“ um 1943

.

Elitär – systemtheoretisch „abgegrenzt“ – war Kunst immer schon, aber so elitär, so eklatant geschlossen, wie in der Moderne, war Kunst nie. In der Moderne wuchs sich die Kunst zu einer einzigen Kommunikationsverweigerungs-Maschinerie aus.

Der sich parallel ausbildende Einfluss der Medien und der Verflechtung von Politik und Medien stellte die Kunst in Konkurrenz zu den Medien.

Es gab früher schon Beispiele für Kommunikationsverweigerung in der Kunst: z.B musste der Papst, gegen alle Etikett zu Michelangelo aufs Gerüst hinaufsteigen, 

aber dass ein Künstler ( Sigmar Polke) den Museumsdirektor, der ihm gerade eine Personale ausgerichtet hat, bei der Eröffnung vor allen Besuchern bespuckt, ist wohl erst Ende des zwanzigsten Jahrhunderts möglich. 

– Künstler, die auf Fragen von JournalistInnen nicht antworten, ihnen sofort Manipulation unterstellten, sich jeglicher Erklärung verweigert, sich politisch inkorrekt verhalten (Peter Handke), 

– Scheiße in Dosen als Kunst verkauft ( Piero Manzoni 1961),

– Bilder zurückzieht und das Honorar zurückgibt, obwohl der Künstler sich das Geld dafür leihen muss (Marc Rothko), 

– den Kunstförderer und den Juroren, die ihm gerade den hoch dotierten Petrarca-Preis zugesprochen hatten, auf das wildeste beschimpft (Herbert Achternbusch), 

– beim Fernsehauftritt zur besten Sendezeit über Minuten schweigt und damit den Sender und den Zuschauer völlig irritiert (Joseph Beuys), 

 – das gesamtes Privatleben und das der Freunden öffentlich macht ( Sophie Calle),   

 – Anleitungen zur Selbst und Fremd-Manipulation als Concept veröffentlicht ( Vito Acconci), 

– die Provenience eines Monet-Bildes detailliert verfolgt und die Besitzer sowie deren Kauf- und Verkaufspreise öffentlich macht (Hans Haake),

– ein sich selbstzerstörendes Bild zur Versteigerung einbringt und durch diese Teilzerstörung eine immense Preissteigerung  erreicht ( Banksy 18.10.2018),

– all das und noch viel mehr sind Ausdruck einer scheinbar selbstzerstörerischen Autonomie der Kunst, für die es keine Grenzen mehr gibt. 

Eine Moderne, die wie die Götterdämmerung, ihr eigenes Ende in die Kunst hineinnimmt. 

Dieses Phänomen der Moderne zu beschreiben, dafür besitzt die Systemtheorie wirklich das nötige Werkzeug: Die Definition der Grenze des Systems und deren Umwelt.

Etwas verharmlosend wurde dieses „Ende der Kunst“ auch Temporalisierung genannt. 

„Tramstop“ (1976) von Beuys auf der 37. Biennale von Venedig existierte nur für die Dauer der Ausstellung, danach abgebaut liegt sie heute – wie in einem Depot abgelegt – in Ausstellungen und Museen.

Günter Lierschof baute 1973 für eine Ausstellung in der Galerie Krinzinger eine „Sprachschale“ aus Gips, die in vier Teilen gefertigt war und im Galerieraum zusammengegossen wurde. Nach Ende der Ausstellung hätte die Schale auf Grund ihrer Große, zerschnitten oder zerschlagen werden müssen, letzteres geschah.

Beispiele dieser Art des „Endes der Kunst“ – wo an einem Kunstwerk exemplarisch die radikale Abgrenzung von Kunst vorgeführt wird – gäbe es einige anzuführen. 

___________

Die geahndeten ( Otto Mühl) und nicht geahndeten sexuellen Übergriffe ( Ludwig Kirchner, Egon Schiele) und die „Me too – Übergriffe“  auf kuratorische Arbeit von Museen, wie die geforderte Abhängung des Bildes  „Thérèse, träumend“ von 1938, des Malers Balthus im Metropolitan Museum in New York.   

Auch das ist Ausdruck der Autonomie der Kunst, der zum guten Ton und zur gepflegten A-Moral der Kunst gehörte, heute aber immer wieder moralisch belegt wird. 

Wo früher die Kunst als un- oder a-moralisch und provozierend galt, setzen heute die Medien mit Grenzüberschreitungen und unausgesprochenen Allianzen mit der Politik an. Diese medialen Macht verzwergt die Kunst zum Schrebergartendasein.

Auch das eine ( negativ-) Wirkung des „erweiterten entgrenzten Kunstbegriffs“. 

Ende der Kunst –

Ende der Systemtheorie ?

Dazu Luhmann: 

„Wie das Paradox von Kunst und Nichtkunst im Kunstsystem selbst aufgelöst sein kann.“(S 506)

Oder: 

„Mehr als irgendeinem anderen Funktionssystem scheint es der Kunst zu gelingen …..die moderne Gesellschaft in der modernen Gesellschaft  darzustellen.“ (S 497/498)

So toll wie dies auch klingen mag, aber wäre das nicht für alle Kunstepochen zutreffend?

Und das Finale seiner Argumentation:

„Je anspruchsvoller ……das Formproblem gestellt ist, desto unwahrscheinlicher die Kommunikation und desto eindrucksvoller das Zeugnis, das ein Kunstwerk, der im Kunstsystem prozessierenden Realität, ausstellt“ (S 504/ 505)

Mit dem Lob für die Moderene Kunst, beste Kommunikationsverweigerung zu sein, 

kippt

Luhmann auch die (seine) These, dass Gesellschaft und Kommunikation ein und dasselbe seien.

Oder: 

Wann ist Kommunikationsverweigerung keine Kommunikation mehr? (4) 

Die Beispiele oben zeigen auf, wie Kunst sich metasprachlicher Kommunikation absolut verweigert.  

Dass sich diese Verweigerung auch gegen die Kunst selbst wenden kann, sahen wir an Beispielen von Künstlerinnen die ihre eigenen Arbeiten vernichten und diese Vernichtung als Kunst bezeichnen. 

Eine Kollegin (Judith Clemens), sprengt regelmäßig ihre Ton-Skulpturen in die Luft und der berühmte Jean Tinguely hat eine Maschine gebaut, die sich selbst zerstört.

Diese Zerstörung kann als Innovation der Kunst ausgelegt werden, somit Kommunikation sein: Der  Künstler bestimmt, ob Form Gültigkeit hat. 

Verharrt aber Kunst retardierend an ihrem Ende, an ihrer Grenze, könnte dies wirklich ihr Ende bedeuten. Zumindest für die KünstlerInnen, die dies konsequent betreiben, wie Marcel Duchamp, der mit Kunst aufhörte und nur mehr Schach spielte.

Eine Konsequenz, die Joseph Beuys nicht beeindruckte und ihn zur gewagten Schlussfolgerung führte – jeder Mensch ein Künstler –  an der bis heute die Kunst nicht zur Ruhe kommt: Siehe die 15. Documenta.

Selbst – Fremdreferenz

Mit diesem Gegensatzpaar versucht die Systemtheorie das Verhältnis der Kunst zur Gesellschaft und zu anderen Bereichen ( Systeme genannt) beschreibbar zu machen. 

Selbst- und Fremdreferenz sind auch geeignet, um eine Abkapselung der Kunst in ihrer eigenen Autonomie zu beschreiben. Um dies zu können, muss die Systemtheorie nicht einmal ihre Überzeugung aufgeben, dass nur innerhalb eines Systems verhandelt werden kann, wie dessen Umwelt gesehen wird. 

System und Umwelt stehen unter denselben Bedingungen durch strukturelle Kopplungen. z.B.: Die Schwerkraft, die gemeinsame Luft zum Atmen, das Klima, die Energien und Ressourcen betreffen soziale Systeme und deren Umwelt gleichermaßen. Auch Schrift, Sprache und Medien bestimmen System und Umwelt. (5)

Kunst hatte über die schöne und gute Form im 17./18./19. Jahrhundert einen fließenden Übergang zur Moral ( im Benehmen und der Etikette ) gefunden. Diese Brücke hat die Moderne Kunst weitgehend abgebrochen und die Fortführung von Moral und Schönheit der Mode überlassen. (6)

Politik und Moral dringen heute über den Zwang zur Political Correctness und über politischen Aktivismus verstärkt in die Kunst ein und beschränken deren Autonomie, oder die Autonomie der Kunst definiert sich gerade neu? 

Das Bauhaus berief sich auf die „Kathedrale als Gesamtkunstwerk“, es war aber klar, dass ein säkularisiert-sozialistisches Gesamtkunstwerk anvisiert wurde. 

In den letzten 20 Jahren häufen sich Arbeiten von Künstlern, die es als Ehre ansehen, ihre Werke wieder in Kirchen zu platzieren. (  Mark Rothkos Chapel in Houston, Textas, / Gerhard Richter in Köln / Sigmar Polke im Grossmünster, Zürich / Günter Lierschof in Grainau, Bayern )  

Die Kunst lässt bewusst Fremdreferenzen zu, gibt freiwillig ihre Autonomie auf, oder sie bestätigt ihre Autonomie, indem sie zeigt, wie sie diese auch in einem fremdbestimmten Rahmen behalten kann?

Ironie und…

„Ironie“, wie „Selbstironie“, ein inzwischen voll anerkanntes Merkmal der Romantik (10), hat in der Moderne zu neuer Radikalität gefunden. 

Francis Picabia, Sigmar Polke, Maria Lassnig, Martin Kippenberger, Schlingensief, Lilly Fischer, Jonathan Meese, und und 

haben den Spott auf Traditionen und Techniken ihrer KollegInnen und die Verspottung von Kultgesten auf die Spitze getrieben und sie so kultiviert, dass das, was vordem Kabarett war, jetzt als „große Kunst“ gesehen wird.

Ironie nimmt – systemtheoretisch gesprochen – die Fremdreferenz in die Kunst hinein und eignet sich die Außensicht über formale rhetorische Mittel „operational“ an.

Diese Form der Erzeugung von „Realität“ der Kunst innerhalb von Kunst ist Ironie. Ironie ist nur eine „Realität“, die in der Moderne ausgebildet wurde: 

Die Mittel der Übertreibung, der Verharmlosung, des Schrillen, der Weich- oder Scharfzeichnung, der Ablenkung, das Aufbauen von Popanzen, von blutsaugenden Monstern, von Apocalypsen und anderen Angst- und Kriegswelten, von picksüßen Paradiesgärtchen, von comic-hafter Verniedlichung,  von Nackheit und Nüchterheit erkalteter Welten, von Verschleierung, von Fragmentierung bis zu Welt als Staffage ……sind nur einige der vielen (operationalen)  Techniken der Kunst, die Welt zu beschreiben.  

Die Moderne hatte diese Techniken neben der Ironie und Satire ausgebildet und den Medien, der Politik, der Wirtschaft überlassen, so dass sie von diesen seit längerem besser beherrscht werden, als von der Kunst selbst, die inzwischen akademisch beschränkt ist.

Lucien Freud, Eva Schlegel, Yayoi Kusama, Christo und Jeanne- Claude, Milo Moiré, Pipilotti Rist, Jim Jarmusch, Fernando Botero, Niki de Saint Phalle, Annie Leibovitz… 

sind einige Beispiele, die in ihren Werken in diese Techniken anwandten.

Der Satz von Joseph Beuys – „jeder Mensch ein Künstler“ – wird auf perverse Weise durch Olena Selenska in der Vogue bestätigt. Der Künstler Wolodymyr Selenskyi, auch Präsident der Ukraine und seine Frau nehmen den Sarkasmus der Moderne für sich in Anspruch und passen sich so in einer Reihe von Vorgängern ( Berlusconi, Obama, Ronald Reagan…) ein, für die Politik und Schauspiel eins war und unsere Demokratien zu Mediokratien karikierten.

Der erweiterte Kunstbegriff – jeder Mensch ein Künstler – hat eine sehr gefährliche Seite, wenn man sich die Macht der Medien, die Weltbilder der Menschen zu bestimmen, vergegenwärtigt.

First Lady Olena Selenska  fotografiert von …..für die „Vogue“. 

„gegenständlich – abstrakt“

Mit dem Gegensatzpaar „gegenständlich – abstrakt“ wurde in der Kunst das systemtheoretische Begriffspaar „Selbst- und Fremdreferenz“ abgehandelt.

Um systemtheoretisch zu denken: 

Die Einheit der Differenz von „gegenständlich – abstrakt“ ist in der Moderne die Abstraktion, von der her der Gegensatz untersucht wird. 

Die, vor der Moderne längst bekannten abstrakten Dimensionen einer Zeichnung werden in der Moderne von der Gegenstands-Zeichnung abgelöst und als ein für sich gültiges (nichtnormatives) Regelwerk innerhalb der Kunst operativ durchgespielt. Bei Kandinsky beispielhaft zu beobachten.

Damit konnte die scheinbare Abhängigkeit der Kunst von den Formgegebenheiten – der Gegenständlichkeit der äußeren Welt – abgelöst, und die Eigenständigkeit der Kunst betont werden.

Luhmanns typische systemtheoretische Schlussfolgerung:

„Realität könnte dabei nach wie vor als Widerstand definiert werden, aber nicht als Widerstand der Außenwelt gegen den Zugriff des Erkennens und Handelns, sondern als Widerstand von Systemoperation gegen Systemoperation im selben System“ ( S 504)

oder:

„Die dadurch (durch Autonomie) entstehende Überfülle kommunikativer Möglichkeiten kann nur im System selbst bearbeitet und auf Form gebracht werden.“ (S 505)

In der Realität wird der Vorgang über Geschmacksurteile abgehandelt. 

Betrachten wir Versteigerungen für Gegenwartskunst in Auktionshäusern, sehen wir deutlich was als „modern“ angesehen wird. Ein „Irgendetwas“ das wie „abstrakt“ aussieht, ist neben Provenienz und „kunstmarkterprobt“ ein wesentliches Kriterium der Auswahl. 

Im Museumsquartier in Wien, wo das „Mumok“ mit vorwiegend abstrakter Kunst, gegenüber dem Leopoldmuseum, mit vorwiegend gegenständlicher Kunst steht, wird diese Zweiheit besonders deutlich.

Als die Übernahme der Sammlung Leopold durch den Staat Österreich zur Diskussion stand, wurde scharf dagegen argumentiert: Die Sammlung Leopold habe sich auf den Appendix gegenständlicher Kunst konzentriert und repräsentiere nicht die Moderne!

Luhmann der Serienkiller

Dieses Retardieren, dieses immer wieder Zurückkehren an den Tatort, diese Besessenheit wieder und wieder zu System und Umwelt zurückzukehren, dieser Differenz wieder und wieder noch eine Unterscheidung abzuringen ….?

Sigmund Freud hätte Luhmann (und mich als dem, der ihm hier an den Fersen klebt) höchstwahrscheinlich als Zwangsneurotiker eingestuft. 

Ein Witz für Systemtheoretiker:  Wie unterscheidet sich Luhmann von einem Serienkiller?

Er hinterlässt keine verstümmelten Leichen außer Systemtheoretiker, ansonsten verhält er sich genau gleich: 

Er begeht immer wieder dieselbe Tat. Alles, was er anfasst, wird systemtheoretisch vernichtet und ist so langweilig wie eine Netflixserie, die immer mit denselben Mitteln um sich selbst kreist. 

Und am Ende sagt Luhmann:

„Von Anfang an ist Selbstbeschreibung ein paradoxes Unterfangen. Denn das Beobachten und Beschreiben setzt eine Differenz voraus zwischen dem Beobachter / Beschreiber und seinem Gegenstand ; aber die Absicht der Selbstbeschreibung negiert genau diese Differenz.“( S 487)

Sigmar Polke „Reihenbild III“ 1968

Kurz davor benennt er dies als sinnloseste aller sinnlosen Sisyphusarbeiten: 

„Wenn das aber bedeuten soll: die Differenz von Fremdreferenz und Selbstreferenz als Einheit zu formulieren, läuft das auf die Invisibilisierung einer fundamentalen Paradoxie hinaus, nämlich der Paradoxie der Einheit des Verschiedenen, auf die Systemparadoxie der Einheit der Differenz von System und Umwelt.“( S 486)

Was nichts anderes heißt wie:

Entweder gibt es Systeme oder nicht und 

wenn Du diese aber annimmst, sei Dir gewiss, Du wirst Dich im Kreise drehen, der Stein wird immer wieder den Berg hinunterrollen…

Wer, außer einem Wahnsinniger, konfrontiert sich  – wissenden Auges – mit so etwas? 

So gesehen ist klar, wieso Luhmann das letzte Kapitel in Kunst der Gesellschaft „Selbstbeschreibung“ nennt. 

Er hätte es auch:

„Suizid auf Raten – eine Netflixserie“, 

nennen können.

Untertitel: 

„Wie bringe ich meine eigene Theorie um, so langsam und schmerzvoll als möglich.“

Wäre Luhmann öfter von der Metaebene abgewichen und direkt auf Kunstwerke eingegangen, was seine Theorie nahelegt, wäre der Vorgang schmerzloser abgelaufen. 

Ob auch produktiver, bleibt offen..?

Luhmann bezieht sich mehr auf die Metaebene von Kunsttheorien und weniger direkt auf KünstlerInnen und deren Werke: 

Allen voran Franz Kafka, Claude Simon, Samuel Beckett, Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Peter Handke, Herta Müller, Tomas Tranströmer, Francis Picabia, Philip Guston, Georgia O´Keefe, Sigmar Polke oder Martin Kippenberger  …..

die ich als „postmodern“ bezeichnen würde, die sich aber mit keiner intertextuellen Methode der Postmoderne fassen lassen.   

Diese KünstlerInnen liquidieren sich im eigenen Stil, indem sie diesen konsequent durchziehen, sie benötigten dazu keine Systemtheorie. 

Neben der Fülle und Tiefe der vielen Einzel-Weltentwürfe der Moderne erscheint die „postmoderne Architektur“ wie eine Scheußlichkeit mit Ablaufdatum. (7)

Als böswilliges Beispiel für eine misslungene systhemtheoretische Exkursion eignet sich der Geschmacksausreiser „postmoderne Architektur“ vorzüglich.

Haas-Haus in Wien, von Hans Hollein (1990). Nach zehn Jahren standen die Geschäfte am besten Standort in Wien leer, unvermietbar!

Das Gewicht, das Luhmann der Postmoderne im Text zuweist, spricht nicht gerade für die systemtheoretische Methode und ihrer Anwendung auf Kunst.

War hier die Faszination des Theoretischen reizvoller als das künstlerische Gespür erlaubt? (9)

Gegenüber den postmodernen Ruinen wären die Pseudoruinen des Klassizismus und der Romantik als Mahnmale für: „Das einzig mögliche Ganze ist das Fragment“ (Bazon Brock) brauchbarer. Sie stehen heute noch, während viele postmoderne Bauten abgerissen wurde!

Bayreuth, „Römisches Theater“ in der Eremitage (pseudoantikes Monument, 1743)

_____________

Hier könnte mein Text zu „Kunst der Gesellschaft“ – als Fragment – enden, (8) müsste nicht, nächste Woche, abschließend noch ein persönlich gehaltener Rück- und Vorausblick angefügt werden. 

GL

(1) Auf Missverständnisse, die durch Luhmanns Wortwahl entstehen, ist wiederholt hingewiesen worden.

(2) Luhmann erwähnt am Rande die „Konzeptkunst“ und die „art and language group“. Mittels der Systemtheorie auf diese genauer einzugehen könnte produktiv sein.

Weiters wäre für die Systemtheorie spannend, dass die „Konzeptkunst“ eine Neukonzeption der operativen Leistungen des Kunstsystems – mit einer Art Zufallssystem – vornahm, und so die Autonomie des Kunstsystems festigte. 

Systemtheoretisch ist dabei nicht nur Mittelung ( Selbstreferenz) erzeugt worden, sondern auch der Informationsbegriff (Fremdreferenz) wird konsequent in der Konzeptkunst neu fasste. Ihre Art die Welt, über zeitlich rhythmisierte Konzepte zu befragen, ist das Neue. Sie stellt sich dadurch gleichwertig neben wissenschaftliche Operationen….dies nur als Hinweis. 

(3 Spätantike, Manierismus, Rokoko, der englische Flamboyanstil der Gotik, Klassizismus, Gründerstil…..

(4) Sobald jemand die Kraft aufbringen muss gegen Kommunikation Kommunikationsverweigerung durchzusetzen, steht Kommunikation still…..Wenn Kommunikation durch normierte Regularien, Verordnungen, Tabus unterbunden wird….Das Axiom von Paul Watzlawick „Es gibt nicht nicht Kommunikation“ klingt verführerisch allgemein, kann aber falsch interpretiert werden: Als ob es Nicht-Kommunikation nicht gäbe!

(5) werden in der Systemtheorie aber nicht als strukturelle Kopplung geführt – oder?

(6) Carl Lagerfeld wollte, da er ein hervorragender Zeichner war, an der Kunsthochschule in Hamburg Kunst studieren. Von Butlar, der damalige Präsident riet ihm nach Paris zu gehen, um dort bei den Modeschöpfern zu lernen. Der Modeschöpfer wurde dann von Oswald Oberhuber an die Angewandte berufen, damit die Kunststudenten der 70er Jahre von seinem Können profitieren konnten . (Berichtete von Bazon Brock)

(7) Luhmann führt die Architektur als für die Postmoderne beispielhaft an. Er meint, über Architektur das Prinzip der Postmoderne geeignet erklären zu können (S483).

(8) Was im Abstand von über 20 Jahren selbstverständlich leichter zu bewerten ist!

(9) Ich möchte hier abschließend dem #lesemontag danken. Die Teilnehmer und ihr Verständnis und Nicht-Verständnis von „Kunst und Gesellschaft“, an dem sie jeden Montag arbeiten, hat mich angeregt, Luhmanns Buch zur Kunst ganz genau zu studieren.  

 (10) Siehe Rüdiger Safranski „Romantik“

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