Systemtheorie wozu?

KdG Kapitel 5 

„The Floating Piers“, eine temporäre Installation  von Christo und Jeanne-Claude am Lago d‚Iseo

„Selbstorganisation: Codierung und Programmierung“

Hier geht es nicht um Computerprogramme, sondern Luhmann hat die Begriffe der Kybernetik übernommen, um sich mittels Codierung und Programmierung der Kunst zu nähern.

„Selbstorganisation verdankt ihre Möglichkeit, ihren Spielraum der Ausdifferenzierung des Systems. Entsprechend beobachtet die Kunst sich selbst mit Hilfe der Unterscheidung von realer und fiktionaler Realität.“ (S 301) 

Nur, was machen wir, wenn die fiktionale Kunst in der Verbesserung des realen Klimas einer Stadt besteht, wie bei der „7000 Eichen Aktion“ von Beuys in Kassel? 

Nach Luhmann hat das Wesentliche der 7000 Eichen, die Verbesserung des Stadtklimas, mit der Kunst des Kunstwerkes nichts zu tun.

Haben wir hier ein systemtheoretisches Dilemma?

Wenn die Kunst der Kunst darin besteht, Ungereimtheiten in der Universitätsverwaltung aufzuzeigen, und mit der Besetzung des Sekretariats der Akademie in Düsseldorf 1973 darauf künstlerisch reagiert wird, wäre das – nach  Luhmann – noch Kunst, oder eine politische Aktion?

Besetzung des Sekretariats der Akademie in Düsseldorf 

Da stellt sich die systemtheoretische Frage:

Wieso muss „Kunst als System“ überhaupt  angenommen werden? 

Wenn genau diese Annahme das Wesentliche aus der Kunst ausschließt?

Besteht die Annahme eines Kunstsystems nur in der systemtheoretischen Konsequenz? 

Brauchen wir ein Kunstsystem, damit Kunst ein Platz in der Gesellschaft zugewiesen werden kann? 

Hat Kunst das nicht schon selbst erledigt und ist der Weg dahin nicht bereits Kunst- Kultur- und Sozialgeschichte?

Und weiter mit dummen Fragen: 

Wozu braucht jemand einen binären Code und die Annahme einer Programmierung in der Kunst? 

Um ins Museum zu kommen? 

Um ein Bild von Rothko besser verstehen zu können? Um Erfolg mit Bildern zu haben?

Um als Künstler und Kunstliebhaber zu wissen, wie der Kunstbetrieb funktioniert?

Um Kunst von Wissenschaft, von Religion oder einem Event zu unterscheiden? 

Um sein Denken zu trainieren? Das ist das einzige Argument, das mich herausfordert.

Letztlich ist der Code – wie Luhmann sagt – durch die „Welt“ selbst verdeckt, wieso sollten wir dann einen annehmen?

„…denn das Kunstwerk kann natürlich nicht sich selbst als gelungen und die Welt als misslungen bezeichnen“ (S 334).

Obwohl: Es gibt genug Kunst, die nur entstanden ist, weil der Autor, der Maler die Welt ohne Kunst nicht ertragen konnte..?

„Die Selbstprogrammierung des Kunstwerkes ist dann die Form, in der zum Ausdruck kommt, daß dies so ist und daß die Welt als Bedingung der Einführung von Unterscheidungen unsichtbar bleibt – welche operativen Anweisungen auch immer durch die Programme gegeben werden.“(S 335)  

Es geht scheinbar doch, die Welt als misslungen zu bezeichnen, verdecke ich doch durch meine Sicht immer die Welt! 

Wir machen das Ganze, um Kunst von Wissenschaft zu unterscheiden, Herr Luhmann? 

Dass Wissenschaft beleidigend langweilig und theoretisch verödet und käuflich ist, das zu erkennen braucht es sicher keine Kunst. Dafür machen HochschullehrerInnen mit ihren Powerpoint- Vorlesungen und ihren Expertisen für die Politik schon selbst genug Werbung.

Komme ich mit den von Luhmann erarbeiteten Differenzierungen besser mit Kunst zurecht?

Als Künstler sicher nicht! 

Oder dient „Kunst der Gesellschaft“ nur dazu, die hochabstrakte Systemtheorie des Sozialen an Kunst empirisch zu überprüfen, um diese Theorie einer Belastungsprobe zu unterziehen?

War nicht schon bei „Liebe der Gesellschaft“ die Verwunderung groß, wie ein Soziologe,

 mit Schwerpunkt Systemtheorie, sich diesem gefühlsbetontem Thema widmen kann? (1)

Ist ein Code Kot, schlammiger Schmutz?

So gehts los: 

„Die grundlegende Struktur, die durch Operationen des Systems produziert und reproduziert wird, nennen wir im typischen Fall der Funktionssysteme einen Code.“ 

Luhmann fährt dann mit dem ganzen Begriffsapparat der Systemtheorie auf, mit Codierung und Programmierung, um nach komplizierten methodischen Verrenkungen zugeben zu müssen: in der Kunst gibt es keinen binären Präferenzcode, der angegeben werden kann, obwohl alle Kennzeichen für einen binären Code vorhanden sind. 

Vorher wird behauptet, „der Code (erfülle) durch seine binäre Struktur und seine Geschlossenheit eine unentbehrliche Funktion für die Ausdifferenzierung von Funktionssystemen“( S304)  

So geht sich der Präferenzcode „schön/hässlich“, laut Luhmann nie ganz aus und auch „passend/nichtpassend“ passt nicht.

Alle Vorkehrungen sind getroffen und alle „Konditionierungen… die entscheiden, welcher Wert unter welchen Bedingungen zu wählen ist… bilden ein sich selbst organisierendes System“ (S 305),  

aber der binären Code ist nicht zu finden..?.

Alle sozialen Systeme verfügen über binäre Codes, die Kunst hat diesen auch, aber an der Kunst ist dieses „Fortpflanzungsorgan“ nicht eindeutig zu erkennen…? 

Das heißt für Luhmann aber nicht, Kunst könnte mit den systemtheoretischen Methoden nicht als System erkannt werden.

„Es ist demnach gar nicht vorzustellen, daß ein Kunstsystem ohne Codierung entstehen könnte.“( S 305) 

„Das Besondere des Kunstsystems zu anderen Systemen liegt weniger im Namen der Codeworte, als vielmehr darin, dass die Asymmetrisierung ( Konditionierung, Zeitbildung und Zeitverbrauch) weitgehend dem einzelnen Kunstwerk selbst obliegt..“ 

„Bei aller Schwierigkeit, den Codewerten der Kunst einen überzeugenden Namen zu geben, muss man auf alle Fälle Codeprobleme und Referenzprobleme ( Kunst oder Nichtkunst) unterscheiden..“

„Dabei hat die Einheit der Unterscheidung Selbstreferenz/Fremdreferenz die Funktion, dem System als Vorstellung der Welt zu genügen“, die aber durch sich selbst verdeckt wird, so Luhmann. 

Das hieße bezogen auf die 7000 Eichen-Aktion: Wir und der Künstler verdecken mit Kunst unsere Illusion, die Stadtluft zu verbessern. Kunst ist die  „verdeckte… Differenz zwischen System und Umwelt“ (S 306).

7000 Eichen – als Eschen in der Dörnbergstraße, Pflanzjahr: 1987 (2019)

Denn Umwelt ist für Luhmann die Illusion oder Fiktion des Künstlers, mit der Pflanzung der 7000 Eichen irgend etwas für die Umwelt bewirken zu können. 

Nach Luhmann hat auch diese Aktion nur etwas mit Kunst zu tun. 

Was auch stimmt, 

nur eben eine Kunst, die nichts mehr mit jener autonomen bürgerlichen Kunst zu tun hat, von der Luhmann spricht!

„Das Kunstsystem muss codiert sein, es muss einen eigenen, im System nicht überbietbaren Code voraussetzen können, weil anders es nicht gelingt.“..“wäre alles akzeptabel und nicht unakzeptabel, wäre es nicht möglich, Kunst von Nichtkunst zu unterscheiden“(S 307) 

Marcel Duchamp

Angesichts der Entwicklung seit Marcel Duchamp ist zu fragen: 

Wie sollen Code und Programm funktionieren – die nach Luhmann ausschließlich selbstrefferenziell, autonom erstellt werden – wenn in der modernen Kunst alle nur möglichen Techniken als Kunst angewandt werden: 

Kunst kann heute eine Malerei von Kirkeby sein, eine Fotografie von Hilla & Bernd Becher, ein Passstück von Fanz West, eine Glasplastik von Kiki Kogelnik, ein Bild von Keith Haring, oder von Banksy, eine Eisenplastik von Richard Serra, ein Tanz von Trisha Braun, die Zahlenreihen von Hanna Darboven, die Compiuter-regenerierte Architektur von Zaha Hadid,  sowie ein Gedicht von Tomas Tranströmer.

Es gibt heute keine moderne Technik, die nicht Kunst werden könnte. Damit ist alles, was gegenwärtig Technik ist, Teil des Progragramms, das nach Luhmann der Codierung zur Differenzierung dient.

Codierung schön/hässlich

Vor der Moderne gab es nur die Codierung schön/hässlich und hilflose Versuche, über Geschmack den Gegensatz auszudifferenzieren, so Luhmann.

Programmieren setzt erst mit dem Diktat der Neuheit ein, die ab dem 17. Jhdt immer mehr den Kunstdiskurs bestimmt und so dem binären Code eine Hilfskonstruktion zur Seite stellt, damit dieser jeweils begründet werden kann.

Die Letzteinheit – so schließt Luhmann – für die Zuordnung der beiden Theorieansätze Codierung, Programmierung, ist das einzelne Kunstwerk

Wenn nun Luhmann auf Seite 331 behauptet:

„…das einzelne Kunstwerk sei ein autopoetisches, sich selbst erzeugendes System. Man kann jedoch sagen: es konstruiert die Bedingungen seiner eigenen Entscheidungsmöglichkeiten. Oder: es beobachtet sich selbst. Oder vielleicht genauer: es sei nur als Selbstbeobachtung beobachtbar“

So reproduziert er den Kunstbegriff der Romantik und formuliert gleichzeitig etwas, das heute auf alle Tätigkeiten auszudehnen wäre. 

Denn genau diese Autonomie wird von jedem Kindergärtner, von jedem Elektroinstallateur, von jedem Polizisten erwartet. Von Managern, Politikern, Wissenschaftlern erst recht!

Bleibt dann letztlich nur eine willkürlich gesetzte  Systemgrenze für die Kunst?

Das Missverständnis, dem Luhmann hier aufsitzt, ist auch an den üblichen Miss-Interpretationen von „Fountain“, dem Urinoir von M. Duchamp abzulesen. 

Das Urinoir wurde von Duchamp nicht ausgestellt, um den Kunstkontext einer Belastung auszusetzen – wie gerne angenommen – sondern Marcel Duchamp wollte deutlich machen, dass die Formfindungen der Industrie ebenso raffiniert sind, wie die Plastiken seines damals weltweit bekannten Bildhauer-Bruders Raimond Duchamp-Villon.

Es ging dabei weniger darum, die Grenzen der Kunst auszureizen, als darum, deutlich zu machen, dass das Primat der Form-Gestaltung ab Beginn des 20ten Jahrhunderts nicht mehr den Begründungskern der Kunst bilden kann.

Alle Kriterien, die Luhmann für die Autonomie der Kunst auf die Beine stellt, sind damit auf alle anderen Tätigkeiten in der modernen Welt umzulegen und nicht mehr als identitätsbildende Sonderleistung der Kunst anzusehen.

Evolutionär nimmt Luhmann an, dass das autonom-werden des Rechts, der Wirtschaft und der anderen Bereiche der Modernen Gesellschaft die Autonomie der Kunst befördert hat .

Die gesamtgesellschaftliche Bewegung zur Autonomien befördert die jeweilige Eigenständigkeit der Systeme, so Luhmann. Dass dies aber zu einer gleichzeitigen Deregulierung bzw. Auflösung von Systemen führen kann, spricht Luhmann auch darüber? Mir sind dazu keine Äußerungen bekannt.

Marcel Duchamp hatte mit seinen „ready mades“ alle Argumente von Luhmann, die er verwendet, um eine Autonomie der Kunst zu begründen, ad absurdum geführt. 

Weder Form, noch die Außenseite der Form, sind die Faktoren, aus denen sich die Autonomie-Leistung der Kunst, „nach Marcel Duchamp“, begründen ließen.

Der Satz von Beuys: „jeder Mensch ein Künstler“, war die logische Konsequenz aus den ready-mades von Duchamp, sagte Beuys selbst.

„Fountain“

Die Fehlinterpretationen von M. Duchamps „Pissoir“ konzentrierte sich nur auf den Kontext, auf die Grenzen des Systems, nicht darauf, wofür der Kontext gebraucht wurde, um Unterschied ( hier geformtes Kunstwerk) und Nicht-Unterschied (geformtes Industrieprodukt)  als das nicht mehr Verschiedene zu kennzeichnen.

Luhmanns Behauptung, die „ Form-Gestaltung“- dieses romantische Kunstprojekt – bilde den Kern der Autonomie der Kunst, stimmt nach Duchamp und nach Beuys so nicht mehr!

Jeder Mensch kann jetzt Kunst machen, das Privileg einer Sonderbegabung, einer Sonderleistung, die nur die Kunst erbringen könnte, ist seitdem nicht mehr gegeben. 

Wieso Kunst nach dem erweiterten Kunstbegriff trotzdem seine Berechtigung haben kann, ist an den unterschiedlichsten Ansätzen der Gegenwartskunst zu beobachten. Deren Schwierigkeiten, für sich einen neuen Autonomiebegriff, neben dem erweiterten Kunstbegriff zu finden, ist allerorts zu bemerken. (2)

Der erweiterte Kunstbegriff 

versus 

autonome Kunst

Wozu muss in Bezug auf Kunst überhaupt von einem System gesprochen werden?

Ich finde dafür in der empirischen Wirklichkeit wenig Argumente, außer dem, dass es einen Weg gab, der evolutionär auszumachen ist, der dazu führte, dass heute der Kunst unbestritten eine eigenständige Sicht der Welt zuerkannt wird, von der andere lernen können. 

Die junge Kunststudentin, den jungen Künstler oder Austellungsbesucher interessiert die Autonomie der Kunst nicht, sie machen Kunst, beobachten sie, verbreiten sie. 

Privilegien werden selbstverständlich, sind sie einmal sozialisiert, darüber muss nicht mehr groß gesprochen werden. Sobald aber eine Idee wie der erweiterte Kunstbegriff aufkommt, der alle Grenzen sprengt, werden die Rehe und Elefanten unruhig und bleiben unruhig!

Es kann dann für die Kunstaspiranten interessant werden, was auf der Strecke zur autonomen Kunst verloren gegangen ist. Nicht was erreicht wurde ist interessant, sondern das, was sich der autonomen, ausdifferenzierten, funktionalen Gesamtgesellschaft entzieht! 

Die Annahme eines Systems?  Vielleicht ist sie für den Kunstbetrieb sinnvoll. Ich weiß es nicht, ich bin kein Soziologe?

Für den Künstler der Gegenwart genügt die romantische Kunstidee nicht mehr, sein Autonomiebegriff ist ein anderer geworden.

Die Künstler leben heute in einer Doppelfunktion, sie müssen autonom sein, um den erweiterten Kunstbegriff zu füttern. Ihn zu füttern ist ihre Autonomie und nicht mehr ausschließlich die Formfrage, hinter der sie nicht zurückbleiben wollen. Die eigenständige Form wird als selbstverständlich vorausgesetzt! 

Kunst – Kultur

Luhmann charakterisiert den „Kunstbetrieb“ (Ist nicht Kunstsystem) folgendermaßen: Er ist nicht ganz Kunst und nicht ganz dessen Umwelt. Bazon Brock (3) charakterisiert den Kunstbetrieb als eine Art Vorsortier- , eine Aufwärm- und Abkühlfunktion, als Purgatorium, als Limbo. 

Genau genommen müsste der ganze Kulturbereich – so meine Sicht – in diesen Übergangsbereich hineingenommen werden und müsste von der Kunst ganz abgekoppelt sein.

Theater, Bibliotheken, Kunsthochschulen, Germanistikinstitute, Kunst und Kulturförderung, Sammlungen, Theater, Opern- und Musikvereins-Säle, der Gesangsverein, die Verlage und ihre Förderung, Kunst- und Musikerziehung ….all das braucht es, damit eine (kulturelle) Grundstruktur gewährleistet ist. 

Mit Kunst hat das alles gar nichts zu tun, auch wenn wir hoffen, dass da und dort auch Kunst auftauchen kann. 

Eher verhindert Kultur die Kunst, hat sie doch genug damit zu tun, den Betrieb aufrecht zu erhalten. An sich ist Kultur konservativ, auch wenn sie „Junge Kunst“, Premieren usw mit hinein nimmt und gegenwärtig oft mit Neuheiten ihre konservative Struktur zu verdecken sucht, verhindert diese Scout-Funktion der Kultur eher Kunst, als dass sie diese fördert.( 4) 

Bachmannpreis 2022

Was an Kunst innerhalb der Kultur vorkommt, muss hart gegen diese erarbeitet werden. 

Im Kulturbereich könnten systemtheoretische Ansätze für das Management angebracht sein, aber in der Kunst..?

Was mir beim Lesen auffiel. 

Um die Idee des Systems aufrecht erhalten zu können, muss die einmal gefasste Konstruktion ziemlich manövriert werden, soll sie auf Kunst angewandt werden. 

Ich frage mich ob sich der Theorieaufwand, im Verhältnis zu dem, was er der Kunst bringt, lohnt.

Meiner Ansicht nach bringt er der Kunst nicht mehr, als anderenorts schon gesagt wurde. Luhmann entspricht den Erwartungen der Bildungsbürger seit der Zeit der Romantik.

Für die Betrachtung der Systeme bringt die Betrachtung der Kunst als System scheinbar einiges wie nebenbei erweitert die Kunst den Systembegriff so, dass dieser an seine Grenzen stößt. 

Jede neue Kunst sprengt gewissermaßen ihr System. 

Wortgewandt deutet auch Luhmann die Grenzen seiner Systemtheorie an.

Luhmann würde nie sagen, er wäre mit der Systemtheorie an der Kunst gescheitert, denn er konnte dieses „Scheitern“ für seine Theorie produktiv nutzen! 

In der Kunst musste Ausdifferenzierung unweigerlich an ihr Ende gelangen. 

Luhmann scheint seinem Konzept der „Programmierung“ selbst nicht ganz über den Weg zu trauen:

„Die Lösung liegt in einer Differenzierung von Codierung und Programmierung. Der Code kann als binärer Schematismus stabil gehalten werden, während alles, was die Programmfunktion der richtigen Zuordnung der Codewerte erfüllt, dem Wechsel , dem Zeitgeist , dem Neuheitsgebot überlassen bleiben kann…….Wie immer es sonst ist: (hängt er flapsig an seine Ausführung an) Neuheit ist jedenfalls Abweichung.“ (S 327)

Aus-differenziert

„Wenn man der Vorstellung folgt, dass Operationssequenzen ständig zugleich positive und negative Konnotationen mitführen, ohne dass diese anders als an der Rekursivität des Operierens erkennbar werden – also nicht als télos und nicht als Regel – liegt es nahe, den Code als Aggregatausdruck dieser mitlaufenden Bewegung aufzufassen.“ (S 316)  

Wer bestimmt, ob wir immer nur positiv oder negativ bewerten? 

Der überwiegende Teil des Lebens besteht aus schmierig gleitenden Übergängen, aus Metaphern und Metonymie, und nicht aus klaren ja/nein Bewertungen.   

Menschen, die mit der Welt zurechtkommen wollen, hüten sich bewusst vor Be-Wertungen – sie arbeiten gerade nicht mit dem „Aggregatausdruck einer mitlaufenden Bewegung“! 

Auch ein Künstler wird sich beim Arbeiten aller ja/ nein Codierungen enthalten, im Gegenteil, er muss sich geschmeidig halten, damit er sich für Mögliches öffnet. Er/Sie wird allzu simplifizierende schön/hässlich Bewertungen vermeiden. 

Das Problem an Luhmanns Theorieansatz ist nicht die fehlende Genauigkeit, sondern dessen Übergenauigkeit. 

„Hundeversteher“ GL

Ich zweifle an, ob dadurch die manifeste Unschärfe der Alltagskommunikation und der Kunst erfasst werden kann, denn diese ist alles andere als präzise, stimmig, genau. Klaren Grenzen geht sie, wo sie nur kann, aus dem Weg. Das Ungefähre, Zweideutige, Ungenaue sind deren ( Feucht-) Gebiete.

Sprache ist im Normalfall Quasseln, Plappern, Reden, damit die Leere gefüllt und Verbindung zwischen Menschen und der Welt hergestellt wird. Sprache ist zuerst und letztlich immer auch die (ver-) bindende Magie des Sprechens. Im Performativen des Sprechaktes ist auch eine gehörige aber verdeckte Portion Selbstsuggestion eingebaut. Die Magie der Dinge, der naive Realismus der sprachlich ( wie künstlerisch) vermittelt wird, bestimmt Alltagssprache. (5) Sprechen ist weitgehend eine Form der Selbstvergewisserung der Welt, indem gefragt wird: Ist Welt im Sprechen, Tun, Denken, Empfinden, Wahrnehmen und: „Siehst Du das nicht auch so?“

Erst irgendwann und an wenigen Plätzen hat Sprache den Anspruch an Genauigkeit und Rationalität, wie wir ihn hier hochzuhalten suchen, der aber auch schnell wieder verloren gehen kann. (6)

„Trennen“, „Unterscheiden“ sind die Grundbausteine der Theorie von Luhmann in der er Systeme voraussetzt. Seine Konstruktion ist so dicht gebaut, dass sobald diese Methode sich der Kunst zuwendet, es irgendwann eng wird, es zu erstarren beginnt. 

Früher wurde „das Trennen“ noch als analytisch bezeichnet und es gab ein Wissen um die Diabolik dieser zerteilenden Verfahren (7)

Luhmanns Zweiseiten-Theorie mit dem marked- und unmarked- space ist phänomenologisch betrachtet  keine eindeutig analytische, nur trennende Methode, da sie darauf achtet, was im Trennen abgegrenzt wird und dieses Abgegrenzte (und dessen Umwelt) in die Beobachtung einbezieht. 

Trotzdem bleibt das Skalpell ihr Emblem.  

Verbinden versus Unterscheiden

Meine laienhafte These ist, dass Kunst primär mit Verbinden, Binden zu tun hat und erst in zweiter Linie mit Unterscheiden und Grenzen ziehen.

Systemtheorie unterscheidet zuerst und bindet das Unterschiedene dann wieder ein. Ich vermute, Systemtheorie ist viel intellektueller ( begrifflich) gebaut als Kunst, die „naiv“ auf Wahrnehmung beruht und begriffliches und bewertendes Denken  aufweicht.

Was Luhmann der Kunst zuschreibt und wovon die Soziologie lernen könnte (so Luhmann in seiner Vorlesung zur Verabschiedung in Bielefeld),ist sich von der Welt ein Bild zu machen. Die Kunst ( und Religion) hat die Fähigkeit im Bilden zu binden, zu verdichten.(8)

Auch die Alltagssprache, diese basale Form der Kommunikation hat ein grandioses Reservoir an Verbindungsmöglichkeiten. 

Was den Dialekt, die Sprache der Jugend, den Witz und das Entlastende der Alltags-Sprache ausmacht, ist die gleitende Bedeutung der Metonymie

Hierzu Gerhard Polt:

„Wir hamma heuer mal so eine Weltreise g’macht.

Aber ich sag’s Ihnen gleich wia’s is: da fahrma nimmer hin.“

Örtlichkeit und Zeitlichkeit trennt unsere Aufmerksamkeit unsere Wahrnehmung, Worte trennen, ja Laute selbst sind getrennt und werden verbunden. All das und mehr sind aber nicht Differenzierungen, die vorausgehen. Das „Dasein“ ist getrennt, hätten wir nicht das Bindende und Trennende der Sprache, der Religionen, der Kunst, der Ideologien und Erzählungen, wir wären im Getrennten verloren, lehrt uns der Existenzialismus.

An der Gefahr, ins Beliebige abzustürzen, setzt Kunst an. Ist sie nicht eine Meisterin im Verbinden, im Komponieren, im Zusammenklang? Erst wenn verbunden ist, kann getrennt, vom anderem unterschieden, differenziert werden.

Bild aus dem Netz

Ist das nicht das Problem jeder Theorie, hinkt sie nicht immer hinter dem her, was sie beschreibt?

Das Verbinden stellt gleichzeitig Differenz her, etwas zu malen ist etwas ganz anderes als zu dichten oder ein Lied zu singen.

Luhmann kann noch so viel Beobachter übereinander stapeln, er kann das nicht wiedererlangen, was das Bindende der AlltagsSprache und der Kunst schon geleistet haben?

Oder anders gesagt: Indem nachträglich eine mögliche Ausdifferenzierung nachgezeichnet wird und die Grenzziehung zwischen System und Umwelt als Denkmodell bindend ist, muss getrennt werden, wo gar nichts zu trennen ist. 

Im Trennen verliert das Bindende seine Kraft, entfernen wir uns im Abstrahieren vom Wahrnehmen. 

evolutionärer Druck

In der Systemtheorie entsteht ein Art evolutionärer Druck und jene Strukturen, die sich nicht (systematisch) ausdifferenzieren lassen, fallen aus dem Blickfeld. Sie kennen keine Differenzierung, drängen diese ab, verstecken sich unter deren Oberfläche und bestimmen so, trotz evolutionärer Differenzierung, unser Leben untergründig. 

Die ursprünglich performative Funktion der Sprache durchdringt unsere ausdifferenzierte Welt immer noch. Sie kennt die andere Seite nicht, lässt Beobachtung der Beobachtung nicht zu, ist für deren Bewusstseins-Strukturen nicht zugänglich. Im Gegenteil, von Beobachtern bedrängt kapselt sie sich nur noch mehr ab.

Die eine Seite, der marked space kommt in Atavismen gar nicht vor, es gibt darin nur einen unmarked space. Die evolutionär entstandenen Strukturen und Systeme werden parasitär  durchsetzen,  von kriminell/hierarchisch und latent anarchischen Strukturen unterwandert. 

Unter Brücken leben…in Innsbruck gesichtet GL

Familie, Geschlechterrollen, Generationen, Fortpflanzung, Ethnien, Kulturen, Religionen,  Wissenschaften. Territorien, Natur, Triebhaftigkeit, Sinnlichkeit, Emotionalität sind einige der Themenkreise, die permanent hinter der sozial ausdifferenzierten Evolution hinterherstolpern, oder diese, wie die Natur-Wissenschaft vor sich hertreiben. 

Diese Phänomene können mit der „funktional differenzierten Gesellschaft“, mit der „next Society“ nicht, oder nur dürftig gefasst werden. 

GL

  1. Dass das Buch dann so ertragreich ausfiel, ist vielleicht genau diese ungewöhnlichen Herangehensweise und den akribischen Literaturstudien zu verdanken.

(2) Siehe zB die heurige Documenta 15 in Kassel. 

https://www.hessenschau.de/kultur/erster-rundgang-zwischen-aktivismus-und-tee-trinken—die-documenta-15-in-kassel,documenta-aktivismus-100.html

(3) Siehe Bazon Brock zum Unterschied Kunst Kultur

(4) könnte an der Vergabe von Preisen für junge Kunst gut nachgezeichnet werden.Der Betrieb reproduziert sich nur selbst, die immer gleichen Preisträger werden gelistet, die jenen Kriterien entsprechen, die die Juroren und Kandidaten an denselben Hochschulen erlernten.

https://bachmannpreis.orf.at/stories/teamautoren22/

(5) „Allen Programmen der Kunst liegt voraus das Wunder der Wiedererkennbarkeit.“ beginnt Luhmann Abschnitt II aus Kapitel 5., mit der „die Sicherung der Welt“ (S 318/19) erlangt wird. 

(6) Luhmann ist das selbstverständlich nicht entgangen. Er erwähnt Platons „ dihaíresis“…im griechischen Wort „dihaíresis“ ist Zugreifen, Einteilen und Unterscheiden nicht möglich zu unterscheiden“ (S319).im weiteren verweist er auf die „Amplifikation… weil sie Verallgemeinerungen testet und erfolgreiche Verallgemeinerungen als „Gemeinplätze“ festhält“(S 320). Beide Begriffe, „dihaíresis“ und „Amplifikation“ – vermute ich – weisen auf jene Funktion der Sprache, der ich hier eine Stimme zu geben suche.

(7) siehe Faust II von J. W. Goethe.

(8) Nicht umsonst wird Poesie Dichtung genannt und es gab Zeiten in denen die Dichtung als Königsdisziplin der Kunst angesehen wurde.

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