reloaded

„Kunst der Gesellschaft“ 

von Niklas Luhmann

Dass wir die Welt so sehen, wie uns gelehrt wurde die Welt zu sehen, mag irgendwie stimmen,

dass wir über die Welt sprechen, wie unsere Sprache über die Welt spricht, das könnten wir denken, würde es die Welt nicht zu sehr in Sprachen und Kulturen teilen.

Dass die Welt so ist, wie wir uns über sie verständigen (können), ist die Annahme, mit der Luhmann unser Verhältnis zur Welt beschreibt.

Niklas Luhmann ist angetreten, uns den Homo Soziologos beizubringen. Er hat einen Riesen-Schlund aufgetan, der alles, was bisher brav Philosophie, Anthropologie, Soziologie, Zeichentheorie, Linguistik und Psychologie war, in sich verschlang. Ausgespuckt hat er stattdessen Worte, Termini, Logiken, eine Sprache des Denkens, die mit Paradoxen durchsetzt ist, an dem Intellektuelle, wie Höllenhund sich an ausgezehrten Menschenleibern laben. 

Andere, die sich mit solchen sprachlichen Verwirrspielen nicht herumschlagen wollen, habe sich den „marked space“ einfach auf den Leib tätowiert  und den „unmarked space“ der luftigen und wässrigen Atmosphäre überlassen, die sich daran nicht hält, da mit Schadstoffen durchsetzt.  

Wie jeder die Welt sieht, für sich, und wie wir uns darüber austauschen, diesen Unterschied sieht Niklas Luhmann wohl.

Kann es mir aber möglichen sein, die Welt ohne mich, meinen Körper, meine Psyche und meine geistige Kondition, als reine Beobachter zu beobachten? 

Das mutet Luhmann dem Leser von „Kunst und Gesellschaft“ zu. Er nimmt an, ohne die Individualität des Menschen, ohne dessen psychische Verfassung, ohne dessen geistige Kondition, das Entstehen von Kunst, sowie die Betrachtung von Kunst sauber beschreiben zu können.

Luhmann mutet dem Leser zu, von allem, was ihn ausmacht abzusehen um ausschließlich Kommunikation zu beobachten.

Was bei Maschinen noch funktionieren mag, geht das auch beim Menschen? Ist so ein sauberes Verfahren – in dem von Operationen gesprochen wird (1) – überhaupt möglich?

Meines Erachtens kann das nicht gelingen, da jeder Leser seine Psyche, seinen Bewusstseinsstand in sein Bild von Welt mit hineinnimmt. Luhmann meint,  gereinigt vom Menschen uns Kommunikation näher bringen zu können und ganze Scharen von Luhmannianern nehmen das, völlig unkritisch, wie einen Glauben an .

Die Erfahrung im Umgang mit Technik (2) hat uns gezeigt, Technik existiert an-sich auch völlig unabhängig von unserer Psyche (3), trotzdem hat unsere Psyche nichts so beeinflusst wie die moderne Technik. Technik an-sich existiert, aber nicht einmal der spezialisierte Techniker kann diese isoliert wahrnehmen. Auch er wird irgendwann etwas von sozialem Nutzen faseln. Wir werden nicht von heute auf morgen alle Autos abschaffen können, auch wenn es technisch möglich wäre? Wir werden immer noch mit dem Internet arbeiten und sozialen Medien nutzen, wenn diese längst der Auffassung sind manipulieren zu können.

Autobahnverschlingungen

Liest der kritische Betrachter diesen späten Text von Luhmann über Kunst, fragt er sich:

Ist die Betrachtung von Kunst nichts anderes als wie praktisch gewordene Erkenntnistheorie? Die sich bei Luhmann nicht als solche zu erkennen gibt, aber auf den Leser hin gelesen, Luhmanns Text nichts anderes als wie Erkenntnistheorie ist (4)  

Gehen wir ins Museum, in eine Ausstellung, in das Atelier eines Künstlers, um uns vom Künstler vorführen zu lassen wie wir die Welt sehen und erkennen? 

Indem wir, vermittelt durch das Kunstwerk, über die Beobachtung zweiter Ordnung Wahrnehmung wahrnehmen und so erkennen, wie Welt vermittelt wird – so wie Luhmann das beschreibt?  

CD Friedrich: Wanderer über dem Nebelmeer 

Ja, diese Sicht auf Kunst gab und gibt es (5), aber ist das alles, was zu Kunst zu sagen wäre?

Entsteht Kunst so, als ob der Künstler ein Bild von Welt vermitteln wollte?

Luhmann kommt zur Kunst über die Beschreibung von Recht, Wissenschaft, Religion. 

In dem Text zur Kunst werden alle vorher erarbeiteten basalen Begriffe noch einmal auf die Probe gestellt, aber unweigerlich stellen sie sich im Text über Kunst auf den Kopf: 

Die Zweiseitentheorie kann nicht mehr zwei getrennte Seiten behalten, wird sie auf die Entstehung von Kunst angewandt. 

Der differenztheoretische Denkansatz erweist sich als eindimensional und viel zu simpel, sobald die Zeit ins Spiel gebracht wird. 

„Marked und unmarked space“ erweisen sich als zu markig gefasst.(6) 

Luhmann sieht das nicht als Scheitern seiner Thesen, wenn er auf den Seiten 120-22 alle möglichen Kapriolen schlägt, um seine Grundthesen aufrecht zu erhalten. 

An der Stelle, wo das Individuum ins Spiel kommen müsste vergesellschaftet er den Künstler als „Beobachter zweiter Ordnung“ und führt das Funktionssystem Kunst ein.

In Luhmanns Beschreibung der Kunst wird das Individuum ausgegrenzt, wie schon zuvor in Recht, Wirtschaft, Religion. Das fällt dort nicht so auf wie in der Kunst, für die das Individuum entscheidend ist. Individuum wird hier „der Beobachter zweiter Ordnung“ – schon bei den Wörtern zuckt jeder Poet zusammen, als hätte jemand mit den Fingernägeln übers Blechdach gekratzt. 

Bei Luhmann ist das Individuum des Künstlers ein Autor. Sein Bewusstsein, sein Psyche ist vergesellschaftet (7). Er existiert nur als Konstrukt eines „Beobachters zweiter Ordnung“. Nur so bereinigt, kann er in Kommunikation aufgehen. 

Die Idee von System und Umwelt, die tragenden Säulen der Systemtheorie, wäre gescheitert, hätte Luhmann hier das Individuum eingeführt. Der Mensch gehört laut Luhmann zur Umwelt der sozialen Systeme, so kann es in der Kunst kein Individuum geben. Es kann nur die Rolle des Künstlers in Form der Signatur abgeben, mit der dieser das Bild kennzeichnet (markiert) .

Indem er unbegründet (8) das Funktionssystem Kunst einführt, kann Luhmann das Kommunikativ-Spielerische der Kunst fassen.

„The medium is the massage“ stimmt nicht nur, nicht immer!

Menschen schauen Kunst an, um sich auch mit sich selbst zu konfrontieren nicht um nachzuvollziehen, WIE Welt kommuniziert. 

Menschen versuchen im Betrachten von Kunst zu verstehen, wie ein in-der-Welt-Sein existenziell möglich ist. Ein Für-Sich, das sich selbst kommuniziert (Meditation, Gebet, Selbstgespräch) und mit sonst nichts und niemanden. 

Das nannten und nennen wir das Individuum, die Würde des Menschen! 

So wird auf diesem Weg auch die Vermittlung der Welt vermittelt, und jeder schaut sich selbst zu, wie er/sie zuschauend und tätig in der Welt steht. 

Das geht nicht über den zweiten, dritten Beobachter. Der Zweite, der Dritte usw. ist immer schon, oder noch immer nur „der Erste“, der Mensch – dem Psychologie und Philosophie die Bindekraft des Individuums zuschreiben, die nie vollständig in Kommunikation aufgeht! 

Über den, vom Menschen getrennten Beobachter mag es gelingen, Beobachtungsvorgänge differenziert beschreiben zu können, um damit den Entwicklungsschritt zur Autonomie der Kunst nachvollziehbar zu machen. 

Der Vorgang des Kunstmachens ist über den „Beobachter des Beobachters“ – über Kommunikation – schwer zu fassen.

Der von Luhmann beschriebene „operative Vorgang“ über Form, die immer eine markierte und eine unmarkierte Seite besitzt und deren wechselseitige Beobachtung Künstler wie Betrachter eint, fehlt jenes Kunstwollen, der Kunstentwurf (das Ganze), ohne die Kunst nicht zur Kunst werden kann. Am Kunstwollen orientieren sich beide, Künstler wie Betrachter, so meine These! 

Wenn wir der Beschreibung der Rezeption von Kunst durch Luhmann noch weitgehend folgen können, so scheitert er mit der differenztheoretischen Beschreibung des Kunstmachens. 

Würde der Künstler so vorgehen, wie es Luhmann mit seiner Zweiseitentheorie beschreibt, wären Bilder, Gedichte, Musikstücke so hölzern wie die Carmina Burano von Carl Orff. Bilder würden aussehen wie nachgeahmter „abstrakter Expressionismus“, oder wie nachgeäffte  „informelle Malerei“, oder wie ein PopArt Bild, das mit einem Puzzlespiel verwechselt wird.

Der differenztheoretische Denkansatz, den Luhmann benötigt, um an Kommunikation anschließen zu können, ist abgrenzend, analytisch, funktional, zu sehr Theorie-Bausteinen, um das Latente, Valente, Fragile, den äquilibristischen Prozess von Kunst und dessen Gesamtanspruch fassen zu können (zu wollen).

Andy Warhol „Dance Diagram“

Im Sinne Haideggers: Die Lichtung verdunkelt sich, sobald sich jemand ihr mit Beil und Kettensäge nähert.

Interessant an der Betrachtung von Luhmann ist:  

Wenn ich mit seiner Differenz-Brille versehen durch die Welt gehe, sehe ich nur Differenz: Alles muss, bevor ich es erkennen kann, bevor ich darüber sprechen kann, unterschieden und bezeichnet werden. Bezeichne ich etwas, grenzt sich folglich Unbezeichnetes ab. Das scheint logisch und stimmig!

Lege ich die differenztheoretische Brille ab, sehe ich alles verbunden, miteinander verwoben, zusammen-klingend, schwingend, Spannung erzeugend, gerade in Gegensätzen. Unterschiede zeigen sich erst in einem Zusammenhang, in einem Ganzem, in Einheiten, vor einem Hintergrund. 

Schaue ich die Berge in Hinblick auf Farbigkeit an, unterscheidet sich anderes als wiewenn ich das Wetter beobachte.  

Wassily Kandinsky „Murnau – Blick über den Staffelsee„ 1902

Das Unterscheiden bedarf als Voraussetzung des Verbundenen. Nur vor dem Hintergrund von Verbundenheit lässt sich unterscheiden. Wie E. Husserl sagen würde, die Welt ist immer schon da!

Bevor Worte, Namen, Sätze sich vom Wahrgenommenen lösen können, ist die Wahrnehmung eine spannende – sprachlich noch undifferenzierte – Einheit. 

Öffne ich am Morgen die Augen, ist die Welt als Ganzes (spannend) da, ich muss sie mir nicht erst sukzessiv über Unterscheidungen und Bezeichnungen erschließen, alles ist da, auch wenn ich im Moment nur eine Tasse Kaffee genieße. 

Will ich der Spannung auf den Grund gehen, trenne ich den grell leuchtenden Pilz ab, gebe ihm einen Namen (9), untersuche ihn, erkenne seine Rhizome, und sehe wie er mit dem faulenden Baum verbunden ist.

(9) Leuchtpilz Panellus stipticus,

Höre ich die Laute der Sprache, schaue auf die Zeichen, mit denen die Sprache fixiert wird, schaue mir Worte, Sätze, Gedichte, Erzählungen an, lese Essays oder wissenschaftliche Texte, schaue mir die Bilder der Museen an, überall zeigen sich mir zuerst Resonanzen, erst dann finden sich Worte, die etwas absondern, sich aber noch nicht abtrennen, sondern die Verbindung zwischen Zeichen und Bezeichnetem latent halten. 

Das Verbunden-Sein bleibt auch erhalten, wenn das Wort sich von der Natur, vom Kosmos absondert. Erhalten bleibt die Beziehung von Zeichen und Bezeichnetem, da nur Menschen über Worte verfügen und Worte auf den Umgang mit Natur wirken.

Diese Zeichen und Bilder schaffen abgesondert so etwas wie eine eigene Natur, einen eigenen Kosmos und suchen Einklang zum Abgetrennten. Diese Resonanz wird dann Poesie, Wahrheit, Schönheit oder Glaube genannt.

Die sezierend analytische, differenztheoretische Methode der Wissenschaft, der sich Luhmann bedient, war und ist Teil der Kunst. Kunst balanciert  zwischen dem Ganzen und dem Getrennten und hält die Spannung. 

Leonardo Da Vinci

„Spannung“ ist ein Begriff, der sich von Beginn bis zum Abschluss eines Kunstwerkes zieht. Differenz ist ein zweitrangiger Vorgang,  – der wie von Luhmann angewandt –  zu einer Wissenschaft der Kunst führen kann, aber nicht zu Kunst.

Nicht verwunderlich, dass Luhmann die Beschreibung des sukzessiven Aufbaus eines Kunstwerkes auf Seite 122 um jene Einheit erweitert, von der der Künstler ausgeht, die als Gleichzeitigkeit eines davor und danach beschrieben wird. 

Außerirdisch wirds, wenn Luhmann dem Beobachter  eine „Kognitionsperspektive“ (10) zuweist, damit dieser Erleben und Handeln, unterscheiden kann. Das klingt, wie wenn ein Außerirdischer von „Alice im Wunderland“ das Mensch-Sein erlernen möchte, ihm aber nicht mitgeteilt wurde, dass Menschen leiden und Leiden ein wesentlicher Teil des menschlichen Lebens ist.

Der „zweite Beobachter“: Alice im Wunderland erreicht China

Wenn schon Unterscheidung, wäre für die Kunst eher der Begriff der „Différence“ zutreffend, der von mir gewählte (11)  charakterisiert ein einmalig, selten auftretendes Ereignis.

„Différence“ schafft nicht jene scharfe Abgrenzung eines „marked / unmarked space“, sondern eröffnet  Verwunderung über Abgründe und Untiefen die sich auftun, wenn der Schleier des gewohnt Alltäglichen deutlich/undeutlich aufreißt. 

Der Hintergrund bzw. die Resonanz, die den Riss sichtbar werden lässt sich nie ganz zeigt. Die Kunst in ihrer Spannung weist auf das Fehlende hin. 

„Der RISS“ KünstlerIn aus Internet

 

 GL

(1)“Operation“ ein unmöglicher Begriff um Tätigkeiten, Handlungen beschreiben zu können. Operieren tun Ärzte und das Militär nicht Künstler.

(2) siehe Martin Heidegger und die  Technik 

(3) Der Vorwurf von Habermas, Luhmann betreibe Sozialtechnologie könnte, auch aus diesem Vergleich heraus, in den Blick genommen werden? 

(4) Luhmann versucht sich von Ontologie, von Zeichentheorie, von der Phänomenologie, von der alteuropäischen Tradition abzusetzen, zumindest betont er diese Absetzbewegung dauernd. Nimmt der Leser nicht an, dass ihm gerade die Welt erklärt wird – was das Normale ist – und nicht nur Wahrnehmung, Beobachtung, Unterscheidung, Bezeichnung ausschließlich in Hinblick auf Kommunikation? Ließt er nicht immer alles in Hinblick auf den Seinsgehalt, d.h. ließt er nicht alles immer auch ontisch? 

(5) Einige Kuratoren versuchen immer noch thematischen Ausstellungen wie „das Gesamtkunstwerk“ von Szemann nachzueifern und mögen sich dabei auch als Künstler fühlen. Harald Szemann selbst hat seine Welt-Interpretationen aber nie als Kunst angesehen. Er geriet auich mit den Kunstentwürfen der ausgestellten Künstler in Konflikt.

(6) was hier so salopp geschrieben steht muss in weiteren Texten erläutert werden

(7) Ja sie hören richtig, hier geschieht etwas, dem Sozialismus Vergleichbares!

(8) Das stimmt nicht ganz, da er den Beginn des geschlossenen autonomen Kunstsystems geschichtlich zur Zeit die Renaissance anordnete. Dies könnte aber genauso zur Begründung dienen, dem Individuum jene bedeutende Rolle in der Kunst einzuräumen, die es meines Erachtens hat.

(10) Kdg Seite 130 oben 

(11) Différence“ist nicht identisch mit dem Begriff, den Derrida verwendet, eher können wir ihn Lacan andichten oder er könnte aus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust stammen. Er ist eine Variante der Alethea bei M. Heidegger

2 Kommentare zu „reloaded“

  1. „Die Kunst erweitern? Nein.
    Sondern geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei.“
    Paul Celan – Dankrede zum Büchnerpreis 1960

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