Framing und Produktplatzierung bei Franz von Defregger

DENKALARM zur aktuellen Ausstellung im Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck

Ab jetzt wissen wir’s, die Halbwertszeit für Kunstvermittlung  ist mit 50 Jahren anzusetzen. 
Solange dauerte es, bis das Ferdinandeum auf dem Stand der Wissenschaft anlangte, den wir ab 1969 an der HFBK Hamburg bei Bazon Brock und durch Ausstellungen von Werner Hoffmann an der Kunsthalle Hamburg kennenlernen durften(1)


Weder die  Ausstellung „Moderne in Tirol“(2018), noch  „Kunst-Ideologie-Verfolgung“ (2019) waren annähernd auf dem wissenschaftlichen Stand, wie die aktuelle Ausstellung, „Defregger, Mythos-Missbrauch-Moderne“  im Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck.


Endlich wird auch in Tirol Kunst so vermittelt, dass sie für jene Zeitgenossenschaft interessant sein kann, die über Bilder eine vertiefte Einsicht in die Gegenwart und ihrer vielfach verzweigten Vergangenheiten vermittelt bekommen möchte. 


Das Phänomen Defregger eignet sich, wie die Ausstellung zeigt, hervorragend das historisch gewachsene Bild „Des Tirolers“, der „Freiheitskämpfe“, der sozialen Rolle der Frau wie der Geschichte des Tourismus zu thematisieren.
Defregger hat mit seinen Klischees das Bild der  Freiheitskämpfe und „des Tirolers“  geprägt.

Aber nicht die Tiroler haben dieses Geschichtsbild von sich entwickelt, sondern seit der Romantik und den Nationalbewegungen ist dieses Bild aus der damaligen Welt zu uns gekommen. 
Letztlich ist das Bild des Tirolers die Fortführung der „Ländlichen Idyllen“  aus der  Barockzeit, deren Grundlage  die Sehnsucht nach dem einfachen Landleben ist, das schon der römische Dichter Horaz besang und das durch Defregger im Gewand der nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts erneuert wurde. 

Das Bild von Andreas Hofer hätte ebenso gut im Vorzimmer von Winston Churchill hängen können, bewunderte er doch, wie alle Führer nationaler Bewegungen Andreas Hofer, der für die Freiheit des Landes,  so deren Auffassung, sich den Franzosen entgegenstellte.
Dass die Nationalsozialisten ihn dann für sich vereinnahmten, war längst historisch aufbereitet. 


Auch wenn Franz Defregger den im „Landhausstil“ gekleideten junge Mann in der dunklen Stube mit den verschämt lachenden Mägden dargestellt hat, verfügt auch dieses Bildmotiv über eine lange ikonographische Tradition.


Überzeugend wird in der Ausstellung das Verhältnis von Bild und Reproduktion herausgearbeitet. Gerade Defregger, der für seine Originalität und Authentizität berühmt ist, konnte Reproduktionen geschickt einsetzen. Das macht ihn zu einem Modernen, auch wenn der den in Barbizon erlernten Malstil nur „im privaten“ einsetzte.  Plötzlich werden, wie bei Degas, die Gesichtsphysiognomien unwichtig und verschwimmen zu gleichwertigen Farbflecken im Bildganzen.


Für die Zeitgenossen äußerst interessant ist auch das Verhältnis der Nationalsozialisten zu Defregger: Wieder einmal wird deutlich, wie vielschichtig Bilder sind und ein Bild keineswegs dadurch entwertet wird, weil es im Vorzimmer von Adolf Hitler hing oder Nationalsozialisten den Maler sammelten.
Auch die von vielen Widersprüchen durchsetzte Beziehung  zwischen Tirol und Bayern wird angedeutet, war doch die „Münchner Schule“ von dem revolutionären Franzosen Gustav Courbet  initiiert, dessen Realismus auch Masstab für Defregger blieb. 


Der Befreiungskampf gegen die Franzosen wird durch eine Maltechnik dargestellt, die Defregger von den Franzosen übernommen hatte – für Dialektiker eine wahre Denkfreude! 


Dazu kommt, dass Defregger seinerseits bemüht war, den Konflikt zwischen Bayern und Tirol soweit möglich zu neutralisieren, ersetzte er doch all die Bayern, die in Wirklichkeit die Mehrheit der Truppen ausmachten, die Tirol brandschatzend durchzogen, durch Franzosen. 


Diese Manipulation von Geschichte hat eine lange Tradition die gerade Piloty – Defreggers Vorgänger an der Akademie in München – meisterlich beherrschte. Deshalb galt die Historienmalerei als die Krönung der Malkunst.


Heute wird in der Politik so etwas Framing, und Wording genannt. Die Manipulatoren wissen Worte so einzusetzen, wissen Bilder so zu verwenden, dass ihre Auffassung von Welt zur allgemein verbindlichen Wirklichkeit wird und so zur Sprech- und Denkgewohnheit aller gerinnt. 


Franz Defreggers Bildfindungen gehen ganz in die Richtung jener Manipulation, die unser Medienzeitalters bis zur Perfektion ausbaut.


Mit dem Plakat eines „Moren“ eine Defreggerausstellung anzukündigen und in der Ausstellung die Genderfrage zu stellen, irritierte mich anfänglich. Die KuratorInnen überzeugten aber, es lassen sich die Geschlechterrollen der zeit mittels Defreggers Bilder hervorragend charakterisieren. 
Das ethnologische Interesse mit den widersprüchlichsten ( kolonialen) Interessen und Wünschen gehört auch unbedingt in die Zeit Defreggers, wie uns Syberberg mit seiner „Deutschen Trilogie“ und  besonders mit dem Teil über Karl May deutlich machten konnte.


Der modebewusste Defregger


Der Realismus des Franz von Defregger, mit seinen Charakterköpfen nähert sich der Karikatur. 
Die tiroler Ausgabe von Courbet tat so, als ob in Tirol die jungen Burschen und Mädchen zu jeder Tages- und Nachtzeit in sonntäglicher Tracht herausgeputzt waren, als ob sie ein alpin-höfisches Personal des Märchenkönigs Ludwig darstellten, oder als Modepuppen für die neueste Trachtenkollektion dienen sollten.


Heute nennen wir das Produktwerbung in Bild und Film.


Es war München doch noch gelungen, sich Tirol anzueignen und wenn nicht kriegerisch, so über eine Kulturtechnik, über Bilder ländlicher Idyllen. Die als Vorboten jene BMW- und VW-Blechlawinen ankündigten die sich durch Nord- und Südtirol schlängelten, damit endlich jeder die Wirklichkeit hinter den Bildern selbst erleben durfte, sie demokratisch konsumiert werden konnte.  


Dass die ehrgeizigen KuratorInnen so viele Werke für die Ausstellung organisierten, kommt der Ausstellung sehr zugute. 
Dass viel zu viele Bilder in zu enge labyrinthisch angeordnete Räume gepresst wurden, bedauerten wir auch schon bei früheren Ausstellungen.


Die fehlenden Räumlichkeiten, durch eine sich stilistisch  anbiedernde  Ausstellungsarchitektur wettzumachen, gelang in den vorigen Ausstellungen schon nicht und fühlt sich mit roher Holzbalkendecke und dem Schema  Rundbogen-Wandelgang à la Münchner Akademie auch nicht besser an. 
GL

(1) Für diese meine Arroganz schäme ich mich keineswegs, jahrzehntelang wurden Ausstellungen auf einem nicht zeitgemäßem Stand vermittelt. Die jetzige Ausstellung weist jedoch in eine sehr positive Richtung


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