Dirk – Baecker – Schmäh oder Jeder sein eigener Chauffeur

„die nächste Gesellschaft“

Mir wurde nahegelegt, Peter Sloterdijks neuestes Buch „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ – oder so ähnlich – zu besprechen, aber die Redaktion fand, ich sollte endlich begründen, wieso Dirk Baecker hier so elendig behandelt wurde. 

Natürlich sind gesetzte Professoren sensibel, auch wenn sie an Privatuniversitäten unterrichten und sich keine Sorgen um die Motivation ihrer Studenten zu machen brauchen, bezahlen diese doch Studiengebühren (1).

Es gibt eine eiserne Regel im Medienbetrieb: Wer sich Moden hingibt, wird an diesen gemessen. Entzieht sich jemand den Zeittendenzen, wird er auch nicht hineingezogen.

Wer sich aus dem von Niklas Luhmann streng umzäunten Gebiet der Soziologie wissentlich und gewollt als medialer Berater für Zeitthemen wie „Digitalisierung“, „Netzwerkgesellschaft“…… öffentlich anbietet und dem offensichtlichen Wahnsinn verfällt, Zukunftsprognosen unter  dem Titel „die nächste Gesellschaft“ im Volk zu verstreuen, der muss sich nicht wundern wenn ihm das um die Ohren fliegt. 

Der Begriff der Gesellschaft windet sich unter dem Attribut der „nächsten“.

Der Visionär

Wie Dirk Baecker selbst weiß, ist es es geschichtlich zu kurz gefasst, die Gesellschaft in vier Stufen: Spracherwerb, Schrift, Buchdruck, Computer einzuteilen.

Was im Rückblick noch als vereinfachendes Schema einen gewissen Reiz hat und produktiv sein kann, wird unhaltbar, wenn Spracherwerb, Zeichensprache und deren dauerhafte Fixierung, wie deren Einbindung in digitalisierte Kommunikation, wenn der Medienwechsel als die Bezugnahme für gesellschaftlichen Wandel angesehen wird.

N. Luhmann weist in dem, sein Werk krönenden Buch „Gesellschaft der Gesellschaft“, gleich zu Anfang (2) darauf hin, dass aus der Differenzierungsleistung der Systemtheorie geschichtlich keine klar abgrenzbaren Epochen und Gesellschaftsformen abzuleiten sind. 

Das würde der Ausdifferenzierung der Systemtheorie selbst widersprechen, hat sie doch den Anspruch, Vorgänge innerhalb dessen, was wir inzwischen Gesellschaft nennen , adäquat beschreiben zu können. 

Wenn die rückschauende Einteilung der Geschichte in vier Epochen nur ein anregender Schematismus für Laien sein kann, so ist die Projektion dieser Vergangenheitssicht in die Zukunft nur noch propagandistischer Futurismus!

So gesehen ist Dirk Baecker sein eigener Chauffeur in eine Zukunft, von der er uns erzählt, das sei auch unsere.

Eine „nächste Gesellschaft“ aus der Umstellung auf Digital abzuleiten suggeriert eine instrumentell-technische Intelligenz, die von sich aus Gesellschaft hervorbringen könnte. 

Stefan M. Seydel

Wenn dann Leute wie Stefan M. Seydel die Idee einer nächsten Gesellschaft übernehmen, bleibt nur noch ein optischer Futurismus zur Selbstmotivation über. 

Da kann Baecker noch so von offenen Möglichkeiten, von den verschiedenen Formen der Negation quasseln (die von ihm weitgehend mathematisch logisch, nicht philosophisch abgeleitet werden)(3). Die vielfältigen Einflussnahmen bei der Umgestaltung von Gesellschaften kann von diesem einen medialen Faktor aus schwerlich erfasst werden.

Im Rückblick kann es so aussehen und beschrieben werden, dass der Buchdruck Anlass, Ursprung, Auslöser des gesellschaftlichen Wandels war.

Die Vielfalt der Wirkungen von Geschichte in der Zeit und weit über die Zeiten hinaus wird in der Geschichtsschreibung immer wieder schematisiert, aber gerade an diesen Schemen, die sich überschneiden und immer wieder andere Perspektiven in den Vordergrund rücken, kann deren partielle Deutung erkannt werden.

Der Begriff der Gesellschaft, wie Luhmann ihn fasste,  windet sich geradezu gequält unter dem Attribut „die nächste“.

Das klingt, als gäbe es Gesellschaften, so wie es Ethnien und Kulturen gibt und gab. Als wäre die funktional differenzierte Gesellschaft eine Gesellschaftsform mit Ablaufdatum. Als wäre Gesellschaft nicht etwas, was sich durch soziales Handeln immer wieder neu herstellt! 

Für Luhmann gibt es auch Umbrüche, die zu einer weiteren Ausdifferenzierung des Sozialen führen, er war aber äußerst vorsichtig in seinen Aussagen dazu.

In der Exploration auf die Zukunft verweigerte er jegliche Prognostik, so mein laienhafter Eindruck.

Laut Dirk Baecker hat die französische Revolution die Gesellschaft verändert, aber, dass alle Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in der ausdifferenzierten Gesellschaft erfüllt sind…..?

Wo lebt denn der…..?

Dirk Baecker hat sich mit der Vorannahme einer „nächsten Gesellschaft“ dazu entschieden, die futuristischen Sehnsüchte der Menschen, im Gemenge mit der Angst vor ungewisser Zukunft, zu bedienen. 

Die Soziologie, wie sie N. Luhmann betrieb, ist ihm anscheinend zu langweilig und viel zu wenig erfolgversprechend. 

Und ist nicht offensichtlich, dass Berater in den Medien, in der Industrie und in der Politik gefragt sind, wieso sollte er sich diesen dann nicht andienen?      

Armin Nassehi betreibt das doch auch mit viel Erfolg? 

Nachdem wir die Fanfaren von Jericho vernommen haben, die eine bessere und gleichzeitig gefahrenvolle Zukunft ankündigen, hören wir auf das, was Dirk Baecker konkret vorzuschlagen hat. 

Und was hören wir da, zunächst den angestrengten Versuch, alle Erwartungen, die durch den Begriff der „nächsten Gesellschaft“ entstanden sind, wieder zurückzunehmen, so ganz will man sich bei den Kollegen der Systemtheorie auch nicht blamieren. Weiß Dirk Baecker doch genau, wie unvereinbar die prognostizierte Erwartung einer nächsten Gesellschaft mit dem Begriff von Gesellschaft nach Luhmann ist. 

Und welche konkreten Vorschläge kommen dann? Gehen diese über vage angedeutete Möglichkeiten hinaus, denen sofort ihr Gegenteil zugeordnet wird? 

Aber –  Neinsagen kann man immer, rät uns Dirk Baecker.

In Ankündigungen und Titeln könne man populistisch verfahren, nimmt Baecker an, in den Ausführungen muss man schon darauf achten, einen Minimum an wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit zu entsprechen.

Schauen die Kollegen doch genau, wie man sich aus dem Schlamassel, das man mit der „nächsten Gesellschaft“ angerichtet hat, wieder rausredet. 

Das Beste, in beschleunigter Fahrt zeitgeistige Nebelschwaden und viel Luhmannsprech zu verbreiten und einen formalen Überhang an Möglichkeiten zu verdampfen, damit ja niemand auf den Gedanken kommt, mit der Ausgangsthese seien unmögliche Zielkoordinaten eingegeben. 

Die realisierte Hoffnung eines Kolumbus Indien zu erreichen, hat auch dazu geführt, Amerika den Indianern wegzunehmen.  

Ob Kritik inhaltlich berechtigt ist, ist hier nicht unbedingt die Frage, dass jemand zu Kritik Anlass gibt, sehr wohl! 

Der Anlass meiner Kritik bezieht sich weniger auf Inhalte als auf die Darstellung, sind meine Kompetenzen auf dem Gebiet der Soziologie doch laienhaft. 

Die beschwörende Gestik des Vortrags, der Anspruch des Visionärs, diese deutsche Prediger-Ernsthaftigkeit, der Wille des Redners, alles wissen zu müssen und es im Griff zu behalten, daran setzt meine Kritik an.

Für mich ist jede Rede zuallererst ein Sprechen, das der Sprechende sich selbst sagt, dabei gibt es immer einen Anteil des Selbstgespräches und der Predigt, die an uns gerichtet ist, weil uns das unbedingt jetzt gesagt werden muss. 

Gelernt habe ich diese Betrachtungsweise durch Bertold Brechts und Samuel Becketts.

Von ihnen könnte Dirk Baecker in seinem allzu optimistischen Tatendrang noch einiges lernen, spricht er doch, wie wir alle, aus der Mülltonne und nicht aus dem Cockpit eines utopischen Fahrzeugs. 

GL

(1) so meinte D. Baecker in VORDENKEN :

(2)NL: „Gesellschaft der Gesellschaft“:  Kapitel II „Formen der Systemdifferenzierung“

(3) Vortrag 2019 :

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