Corona-Hysterie leicht gemacht

Fördertürme, Hilla & Bernd Becher, 1971 (1)

Lese ich im Abstand einiger Tagen meine hier veröffentlichten Texte, kommen sie mir dürftig und gleichzeitig inhaltlich überbordend vor. Es fehlt mir die prosaische Weite, der poetische Klang. Wie schwer verdauliche Nüsse liegen die Inhalte im Gedärm der Texte.

Meine Boshaftigkeiten hingegen, für die ich gerügt werde, bereue ich nicht, bin ich da doch wie ein Kind, das mit den Puppen spielt, die ihm das Medientheater zur Verfügung stellt. Wenn ich jenen Soziologen, in deren Theorie der Mensch gar nicht vorkommt, anders einkleide und ihnen die Rollen von Künstlern zuweise, ist das nicht unmenschlich, sondern nur Spiel, wie Kinder & Künstler das eben so machen.

Der hysterische Sozialkörper

Der Begriff der Hysterie, den ich im Artikel „Ist Pandemie männlich“ (2) schon aufgriff, eignet sich gut, um den Zustand der Gesellschaften unter Corona zu veranschaulichen.

Fassen wir das Soziale im Bild eines lebendigen Körpers – ich bin beileibe nicht der erste, der dieses Bild zeichnet (3) – und diesen mit dem menschlichen Körper vergleiche, so kann die Dünnhäutigkeit, unter der das Soziale gerade krankt, deutlich sichtbar werden.

Egal, welche neuesten Informationen aus den Labors, aus statistischen Bundesämtern, aus den biochemischen Instituten und von deren Kapazitäten kommen, sie sorgen für Aufregung und erzeugen augenblicklich bei den auf Handeln programmierten Politikern für Aktionismus. 

Das – gerade von den Oppositionen – viel kritisierte Ruckelnde vor und zurück, das heute so, morgen nochmal anders der Anweisungen, Einschränkungen und Maßnahmen ist gut mit einem Menschen vergleichbar, der völlig übertrieben auf kleinste hysterische Anzeichen reagiert. 

Bei geringem Kopfdruck hat er einen Tumor, bei schlechtem Wetter wird die Autofahrt sicher in einem Unfall enden und beim Antippen der Schulter wird er einem Schreikrampf ausgesetzt sein. 

All die Schleusen, Abdichtungen, Dumpf – und Dummheiten, die Unachtsamkeiten und die Ignoranz, die uns davor schützte, bei jeder Kleinigkeit in Aufruhr versetzt zu werden, funktionieren bei Hysterie nicht. Die Ausgewogenheit zwischen zu vernachlässigenden und ernstzunehmenden Zeichen, wie Fieber, Übelkeit, Schmerz und Unwohlsein, über die unser gesunder Körper verfügt, ist im hysterischen Zustand außer Rand und Band. 

Wir sprechen vom „Blank-liegen-der-Nerven“, als wären diese durch einen Unfall, einen Eingriff oder eine tückische Krankheit von ihren schützenden Hüllen freigelegt und allen äußeren Einflüssen ausgesetzt. 

Im sozialen Körper, um in dem Bild zu bleiben, können wir die Nerven mit dem, was wir Vernunft, Rationalität oder wissenschaftliche Einsicht nennen, vergleichen. 

Während vor Corona ein Impfstoff über Jahre getestet, bevor er eingesetzt wurde, die Mutation eines Coronavirus wie die sogenannte „Englische“ oder „Südafrikanische“ längeren Beobachtungen ausgesetzt worden wäre, muss jetzt auf Grund eines „zweckrationalen“ Handlungszwangs, sofort reagiert werden.

Die Selbstverpflichtung der Politik in Form der Vorgabe, dem Coronavirus Herr zu werden, hat Corona mit dem Sein oder Nichtsein der Politik verknüpft und sie in das engmaschige Netz zweckrationaler Begründungen verstrickt.

An diese herrliche Selbstüberhebung gekettet gibt es kein Entfliehen: Die zweckrationalen Rädchen zwischen Ansteckung, Erkrankung, Betten und oder Personalkapazitäten der Kliniken und Todeszahlen  

drehen sich und drehen sich und drehen sich …

immer schneller!

In dem Schrei gegen „Zuviel Staat“ hören wir noch das Echo des vor Jahren laut vernommen Rufes nach Transparenz und gläsernen Institutionen.

Corona als Ausdruck eines rationalistischen Irrwegs, der von den Ägyptern bis in die Genwart führt, versucht der Medienphilosoph Jochen Kirchhoff zu ergründen. Es geht aber nicht darum, eine Denkart anzuprangern, ohne die kein Ausweg gefunden werden kann, denn auch der Ausweg ist wiederum selbst zweckrationales Denken wie M. Heidegger in seinem Werk „Die Technik und die Kehre“ uns darlegte (4). 

Bild Jochen Kirchhoff, Naturphilosophie

Eine weitere interessante Figur, die zu dieser Thematik passt, tummelt sich im Netz und erregt Aufmerksamkeit: Paul Schreyer, der Journalist,  hatte sich ausführlich mit den verschiedenen Übungen auseinandergesetzt, die der Pandemie in Form strategischer Spiele vorausgingen.

Seine informativ gehaltenen Beiträge lassen weitgehend offen, was die imaginierten zukünftigen Realitäten mit der jetzt eintretenden Pandemie zu tun haben. So öffnet er alle Türen für Verschwörungstheorien, er zeigt aber damit auch auf, wie ahistorisch zweckrationales Handeln sein kann und  ein gespenstisches Leben außerhalb von Zeit führt. Von daher ist es tauglich für vorbereitende Übung. Wie weit diese dann in der real eintretenden Situation helfen ist anzuzweifeln, da bei genauer Sicht, die Realität wieder eine ganz andere ist. 

Paul Schreyer, Journalist

Das Dilemma der „Dialektik der Vernunft“

In dieser späten Phase von Corona zeigt sich das Dilemma der „Dialektik der Vernunft“,  die immer mehr Klarheit, Bewältigbarkeit absehbarer Möglichkeiten und Anschlussfähigkeiten fordert, um dem Schicksal, dem Glück  der Hoffnung, Gott und dem Tod den ersten Rang streitig zu machen. Bereits der Staatsrechtler Carl Schnitt führte arrogant aus: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.

So stellt sich die Frage, wie Politik aus diesem Kreislauf herauskommen soll und was der soziale Körper ( sofern der so genannt werden darf) braucht, um jene Dumpheit wiederzuerlangen, der den Alltag zu jenem sorgenvollen Kommen und Gehen macht, in dem sich Absehbarkeit, Bewältigbarkeit und Nachlässigkeit die Waage halten und in der Maßnahmen nicht zur Disziplinierung werden. 

Die Frage, die sich hier stellt, bezieht sich auf ein offensichtlich Fehlendes im sozialen Ganzen, das zu dieser Durchlässigkeit, zu dieser hysterischen Überempfindlichkeit führte.

Was haben wir nicht eingeübt, das uns jetzt, wie selbstverständlich geholfen hätte, gelassener, bedächtiger, verhältnismäßiger und weniger hysterisch mit Risiken umzugehen?

Was fehlt der modernen Gesellschaft, um mit solchen Umweltkatastrophen – um eine solche handelt es sich – in Zukunft angemessen umgehen zu können? 

Hat es etwas mit der Funktion der Religion in der Gesellschaft zu tun? 

Die Religionen waren in der bisherigen Geschichte die Spezialisten für die erwärmenden Bekleidungen der nackten Erde in dem eiskalten Kosmos der Gestirne.

GL


(1) Ich habe bei Hilla Becher an der HfBK Hamburg Fotografie erlernt. In Erinnerung und Dankbarkeit dafür habe ich hier das zweite Mal eines ihrer Bilder gezeigt.

(2) https://luhmannsschwarzehefte.wordpress.com/2020/12/15/ist-pandemie-mannlich/

(3) der auf Schelling, Schleiermacher und Hegel zurückgehende Begriff des Organismus für das Staatsgefüge wurde von R. Steiner aufgegriffen, um die Idee der Dreigliederung des sozialen Gebildes zu beschreiben, die als Vorläufer der Systemtheorie N. Luhmanns angesehen werden könnte. 

(4) „Die Technik und die Kehre“ Martin Heidegger 1949/50

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