offensichtlich verborgen

Kathedrale Palma de Mallorca, Öl auf Leinwand, 70/98, G. Lierschof, 2006

Es gab eine Zeit, in der die Bezeichnung, „naiver Realist“ oder „naiver Naturalist“ eine herablassende Geste gegenüber denjenigen war, die Natur als Regen, Steinschlag oder Hunger ansahen.

Die pauschale Herabwürdigung des „naiven Konstruktivisten“ würde gegenwärtig auf jene zutreffen, die stolz darauf sind, den Naturalismus überwunden zu haben und vermeinen, dass Sprache und Kommunikation völlig unabhängig von der Realität und der äußeren Welt funktionieren. Im Sprechen, sagen sie, haben wir keinen direkten Zugriff auf Dingen, Sachen, die Natur. Wir leben in der Blase der Sprache und können nur indirekt auf das Außen zugreifen.

Die Glorie erscheint als Corona

An den Arbeiten der Künstler können wir ablesen, dass sie der Auffassung sind, von all den Wirklichkeiten die die Welt ausmachen, können wir nur wenige bewusst erkennen und manipulativ beeinflussen.

Alles andere ist vorhanden und beeinflusst uns mehre, als wir es bestimmen können. 

Wir sehen, hören, schmecken, tasten, aber es bleibt für uns im Unbestimmten, im Verborgenen. Um am Verborgenen teilhaben zu können, malen, zeichnen, dichten, komponieren Künstler, erfinden Wissenschaftler Atome, Moleküle, finden Viren, Bakterien und streiten sich darüber, ob das, was sie erkannt haben, auch das ist wofür sie es halten.

Wolkenbildung.  John Constable  1776–1837

Von dem offensichtlich Verborgenen erzählen Landschaftsbilder und  Blumenstillleben. Die Lichtmalerei der Impressionisten erzählt von der Pracht des Sichtbaren. Porträts erzählen vom Wunder des menschlichen Antlitzes, das uns in  Verantwortung setzt (1).

Fördertürme Hilla und Bernd Becher

Stadtbilder und Industriebilder (2) zeigen, was wir selbst geschaffen haben, entgleitet uns. Ganze Epochen und Stile zeigen mit ihren unterschiedlichen 

Albrecht Dürer, seine Mutter, Kohlezeichnung 1514

Darstellungsformen, dass das „Wie“ bedeutender ist als das „Was“. In der Darstellung wird das Unbegreifliche realisiert.

Auch die Musik zeigt uns, wie aus Schwingungen die Vorstellung eines kosmisch Ganzen entwickelt wird. Je überzeugender das Unfassbare orchestral oder choral hörbar gemacht wird, umso deutlicher wird uns, dass das Ganzes sich nur in der Vorstellung erschließt.

Die gewaltige Schönheit von Chor und Orchester, das Licht, die Farben und die Räume, die sich in Kathedralen eröffnen, ist nichts anderes als eine Übung, sich durch diese Pracht nicht (-nur) beeindrucken zu lassen (4).

Überragende Schönheit führt uns vor, was wir alles nicht erfassen können, uns nicht aneignen können aber trotzdem an ihr teilhaben dürfen. Die Religionen nennt es Glorie oder die Herrlichkeit Gottes, die Romantik die Erhabenheit der Natur. Im 19. Jhdt. ereignete sich die Schönheit in der Oper, im 20.Jhdt. im Krieg (5), Hiroschima erlebte die gewaltige Schönheit des Atompilzes und jetzt erscheint die Glorie als Corona! (6) 

Exkurs  Sprache

Die Kybernetik, das Programmieren, die digitalen Schreibweisen der Welt verführen dazu, den „naiven Konstruktivismus“ als einzig funktionierendes Weltbild anzuerkennen.

Mit dem Schweizer Linguisten Ferdinand de Saussure und dem folgenden „linguistic turn“ waren scheinbar alle begrifflichen Voraussetzungen geschaffen, um Zeichen und Bezeichnetes klar zu trennen und um offenzulegen, dass in der Sprache Dinge Namen sind, Eigenschaften Worte und die Beziehung der Dinge sprachliche Relationen, dass die Welt aus Kommunikation und nichts als Kommunikation besteht (7).

Ohne die Naturwissenschaften die unser  Sprachverständnis bereits im Vorfeld „verdorben“ hatten, gäbe es keine Linguistik nach de Saussure. 

Am Entstehen der Differenz hat die Naturwissenschaft wesentlichen Anteil, ist ihr Leben und täglich Brot doch das produktive  Missverhältnis zwischen Zeichen und Bezeichnetem, zwischen Theorie und Experiment.

Ohne die Aufklärung und den Begriff der Vernunft gäbe es die Differenz von Fakt und Lüge nicht, der die Linguistik auf die Spur kam. Lüge war vordem eine ethisch-religiöse Einheit und keine die sich beweisen ließ! 

Der Begriff der Differenz, der heute uneingeschränkt herrscht, ist ein Produkt der Aufklärung. Das Gegenbild von  Differenz ist Verbindung, Verzweigung, Assoziation, Bild, Mythos.

Differenz behauptet sogar, diesem Verbindenden vorauszugehen, denn ohne Trennung kann nichts verbunden werden. Wenn Differenz das vorher Verbundene radikal abtrennt, kann die versuchte Verbindung kränkeln.

Vor dem 18. Jhdt. ging es in der Sprache der Mythen und Erzählungen, der Gebete, Gesänge , Anrufungen, Lobpreisungen, der Dramen, Tragödien, Fabeln, der philosophischen Dialoge, Aphorismen, Maxime und Logiken, der Novellen und Romane noch nicht darum, ob Don Quichot wirklich gelebt hat, ob Shakespeares Richard, Platons Sokrates oder Christus wirklich reale geschichtliche Figuren waren, ob eine Alraune ein Geist oder eine Pflanze ist, ob Engel real existieren oder nicht, ob „sanguis“ oder „Merkur“ das Blut im Menschen, der Planet am Himmel oder ein Gemütszustand ist.

Ab wann kann überhaupt geschichtlich von Kommunikation in unserem Sinn gesprochen werden? Ab Konrad Zuse und der Erfindung des Computers, ab Edison und der Erfindung der Glühlampe, ab dem Wiener Kongress…..? 

Der Dichter vermutet  

Sukzessive wurde aus einer Sprache, mit der die Götter zu uns sprachen, das, was wir heute Kommunikation nennen. 

Sprache war ursprünglich nicht dazu da uns untereinander verständigen zu können, sondern uns mit den Göttern, mit den Mächten der Natur zu arrangieren. 

Der Andere sprach und hörte mit und wagte sich erst spät in Widerspruch zu den Mächten, die in der Sprache gegenwärtig waren. 

Einen kümmerlichen Reste der Sprache der Götter erkennen wir, wenn heute Spracherwerbs gelingt und dies zu einem sozialen Aufstieg mit akademischen Würden führt.

Sprachursprünglich wandten wir uns lautmalerisch an Götter und Naturmächte, um diese opfernd, werbend und listenreich zu überzeugen, uns gewogen zu sein. 

Im Laufe der Opfergeschichte eigneten wir uns das Opfertier Stück für Stück wieder an. Zuerst nahmen wir den Göttern die Knochen, dann das Beinfleisch und am Schluss den ganzen Ochsen oder Esel und überließen den Göttern nur die Innereien. 

So eigneten wir uns über Worte und (Rechts-)Sätze  Raum, Besitz, Eigentum, Materie, Geld, Gold und Fähigkeiten der anderen an. Über diese definierten Rechtsverhältnisse mussten wir uns verständigen, woraus Kommunikation im heutigen Sinn entstand. 

Erst im 19. Jahrhundert kam der Begriff des Realismus auf. In der Malerei, wie in der Prosa wurde dieser zum Maßstab: Madam Bovary erhielt ein bürgerliches Leben, Emil Zola beschrieb die Welt der „pauvreté“. Der Maler Gustave Courbet malte nur Flecken – so sagte er selbst – ob daraus ein Gesicht oder die Scham einer Frau wurde, war ihm einerlei, denn alles sei gleichwertige Realität.

Bevor wir zwischen Signifikant und Signifikanz unterschieden, sprachen wir Wesenhaftes an: den Baum, das Blatt, den Zeisig, den Nordwind, Gestern oder Morgen, Nähe und Ferne, Qualitäten und Zustände… Im Wort wurde das Wesen gerufen, das Wort war vom Wesen nicht zu trennen. 

Die Sprache vermittelte zwischen der Vielfalt, des  Unbekannten und den Menschen. Nicht die Differenz,  sondern die Ähnlichkeit von Laut und Wesen war gegeben.

In der Kunst und in der Liebe erahnen wir noch dieses Selbstverständnis im Umgang mit dem Unfassbare, der Überlegenheit der Götter und der Natur.

Tirol-alpin und sein Mehrwert

In Tirol haben wir Gemeinden, die über mehr Steine, Felsen, Berge und Wald verfügen, als über besiedelbares und bebaubares Gebiet. Der Wald, der Wildbestand und die Berge werden wirtschaftlich-touristisch genützt und doch ist und war uns die Überlegenheit der Natur gegenwärtig. Das hatte zur Folge, dass wir für unsere Existenz mehr leisten und findiger sein mussten, um überleben zu können.    

Edward Theodore Compton : „Courmayeur im Aostatal (Montblanc)“, Grisaille-Gouache, 75 x 62 cm

Regional ist das Verhältnis von Natur und Kultur verschieden, aber immer zeigt sich ein deutliches Gefälle, von der die Kulturen in Mythen, Märchen, Erzählungen, Gesängen und in der Lautausformung der Dialekte zeugen.

Die Auffassung von Karl Marx, die Natur sei weitgehend von Menschenhand geformt, zieht sich bis in die Gegenwart, die als Anthropozän bezeichnet wird.   

Aus Sicht einer geistigen Ökonomie ist der Anteil des Menschen an den Wirkkräften von Natur und Geschichte weit geringer, als aus dem Blickwinkel eines demiurgischen Menschen, der Welt und Natur völlig durchgestaltet.

GL

(1) Siehe den franz. Philosophen Emmanuel Levinas

(2) Fotos von Hilla und Bernd Becher 

(3) Der vorausgehende Nominalismusstreit hat die Begriffe dafür aufbereitet.

(4)  Bernhard von Clairvaux lehnte den Glanz und die Pracht der Gotik ab und forderte romanische Schlichtheit, während  Abt Sugar von Saint-Denis Glanz und Glorie bevorzugte.

(5) siehe den Film: „Apocalypse Now“1979 von Francis Ford Coppola 

(6) der Komponist Karlheinz Stockhausen bezeichnete „Nine Eleven“ als großes Kunstwerk und wurde für diese unmoralische Äußerung gehasst.

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