Peter Sloterdijk – Erzähler und Medienstar

Peter Sloterdijk

Die Frage der Redaktion war, soll ich eine Stufe tiefer als im letzten Beitrag steigen, und mich über Jochen Kirchhoff, Gunnar Kaiser und Paul Schreyer lustig machen, oder darf ich mich an Peter Sloterdijks Geist erfreuen und damit eine Vertikalspannung aufbauen?  

Persönliches

Es muss im Jahre 1973 gewesen sein, als in den Vorlesungen von Bazon Brock an der HfBK in Hamburg ein junger Mann im maßgeschneidertem rotorangen Anzug, gefolgt von weiteren Baghwananhängern auftauchte und für Furore sorgte. Wahrscheinlich Peter Sloterdijk, der damals in Hamburg seine Doktorarbeit schrieb und seine ersten Begegnungen mit Bazon Brock hatte.

Viele Jahre später lag auf dem Schreibtisch  einer Lehrerkollegin „Der Zauberbaum – Die Entstehung der Psychoanalyse im Jahr 1785“, Sloterdijks erster „Roman“,  den die Kollegin mir empfahl: „Das ist ganz in deinem Sinne“ meinte sie, mehr als hineingelesen habe ich aber nicht. 

Die nächste Begegnung: Der einzige meiner Schüler, der trotz aller Warnungen in Wien an der Akademie Kunst studiert hat, erzählte mir: „Da ist ein Professor, der einfach vor uns auf einem Stuhl sitzt und stundenlang frei redet! Wie er spricht, erinnert er mich an dich.“

Womit er vielleicht sagen wollte, der redet auch so viel, baut unendliche Sätze und, obwohl man ihm fasziniert zuhört, weiß man am Schluss nicht, worauf er hinaus wollte.

Der eigentliche Durchbruch Sloterdijks geschah, wie er selbst berichtet 1999, als durch ein Fax seine „Regeln für den Menschenpark“  von Schloß Elmau aus in alle Welt versendet wurden. 

Das entging niemanden, der damals Zeitungen las, war die Erregung um die bioethischen Implikationen von Titel und Text doch riesengroß.

Sloterdijk der Medienstar

Kein stylischer Medienberater hat Sloterdijk zu dem gemacht, der er heute in der Öffentlichkeit ist. Er braucht sicher jemanden, der seine Termine koordiniert, aber niemanden, der für ihn Termine akquiriert, oder ihn berät wie er sich kleiden und medial zu verhalten hat.

An Sloterdijks würde jeder Medienberater scheitern!

Sogar die besten Stylisten der Fernsehanstalten sind an Peters Frisur gescheitert. Neulich, in einem Interview, mit einem aufgeregten Spiegelredakteur sahen wir:

Peterchen hat wieder etwas an Gewicht zugelegt. Das Hemd um den Bauch spannte etwas. So bekamen wir einen Exkurs über das Buch „Du musst dein Leben ändern“, in dem er von Rilkes Betrachtung eines Torsos ausging, der Rilke die Idee vermittelte, sein Leben zu ändern –  auch Einsichten in Peterchens eigenenTorso, inclusive Nabelschau erlaubte.

Früher hatten wir schon öfter von ihm gehört, dass er Napoleons tage-  ja nächtelange Ritte bewunderte, denen er auf der Tour der France radfahrend nachzueifern suchte. Dabei hat er dann meist zehn Kilo abgenommen!

Auch Frauen gegenüber dürfen wir deren Aussehen nicht erwähnen, so kommt es natürlich auch bei einem Philosophen nicht auf dessen Aussehen an, sondern nur auf seinen sprühenden Geist.

Über diesen verfügt Peter Sloterdijk wahrlich, ist ihm doch Nietzsches Idee einer Philosophie, die nur sich selbst zu überzeugen sucht, Gewohnheit geworden. 

Scheherazade

Seine Art der bildhaften Erzählung, in der er mit der vielschichtigen Bedeutung von Worten gewagte Manöver durch die unterschiedlichsten Gewässer des sozialen Lebens und der Geschichte unternimmt, lassen dem Zuhörer genügend Offenheit. Der Überbringer der Botschaften selbst erscheint nicht als der Wissende, der mit Fingern auf Unheil und Ursache zeigt.

Er verfügt über die Gabe der heiteren Erzählung, wie die „Scheherazade“ aus Tausendundeinernacht. Wie bekannt, musste sie, um ihr Leben zu erhalten, unaufhörlich weitererzählen. Ähnliches betreibt Sloterdijk bis heute, und obwohl er mehr als drei  Kinder = Bücher, in der Zeit zeugte, ist er immer noch nicht erlöst worden. 

Ähnliches berichtet auch Bazon Brock, der als Kind, auf der Flucht nur überlebte, weil er sich und seiner Umwelt unentwegt belebende Storys erzählte (1).

Wahrheit und die Frage der Schönheit

Peter Sloterdijk weiß von sich, dass er nicht gerade ein Adonis ist. Im jugendlichen Alter reichte ein roter Anzug und das Aussehen eines Holländers aus dem 17. Jahrhundert. In Wien, als Körperumfang und Seitenzahl der Bücher immer größer wurden, bedurfte es anderer Rollen: 

Könnte die Rolle des Golem passen? 

Dazu war er zu normal und zu sichtbar.

Fjodor Karamasow aus Fjodor Michailowitsch Dostojewskis „die Brüder Karamasow“ könnte auch passen, ist Sloterdijk doch ebenso amoralisch, aber ein solch böser Patriarch würde er sicher nicht sein wollen.

„Ulrich“ die Hauptfigur aus „der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil würde ihm aus moralischer und literarischer  Sicht zustehen, aber um Ulrich werden zu können ist Sloterdijk doch zu sehr Rumtreiber, dieser Figur fehlen die Abenteur des Seemannes Joseph Conrad.

Die Schönheit der persischen Scheherazade hat er nicht, aber deren Hartnäckigkeit und Voraussicht.

So nahm er die eigenwillige Rolle eines unaufgeregt erregbaren Staubwedels an, der aus dem Sternenstaub vergangener Epochen zu lesen weiß:

mit verwaschener Stimme und Lippen, die die Worte hörbar abschmecken, bevor sie diese, in die nötige Länge gezogen, dem Munde entweichen lassen. 

Dazu diese gewitzten Äuglein, die intelligenten über der heruntergezogenen Brille aufblitzen und mitteilen: 

„Was es nicht gibt, phantasieren ich herbei und seht, so unbrauchbar ist das alles nicht!“

Eines der zehn Bücher

Eines der zehn Bücher (2), die er wirklich gelesen hat, ist:  „ Il Decamerone“ von Giovanni Boccaccio: 

Er liebt die Anzüglichkeit dieser Novellen und überzieht ihre geschichtliche Wirkung so übermäßig, dass ihm möglich wird, die mediale Ereigniskultur unserer Zeit mit diesen Novellen zusammenzudenken. 

Die wohlhabende Jugend von Florenz war 1350 von der Pest aufs Land geflüchtet und sie erzählt sich dort Geschichten über Geistliche und deren Buhlschaften, die alle Tabus der Zeit brachen. 

Dazu passend verteidigt Sloterdijk philosophisch die Rhetoriker und Sophisten, die sich mehr um die sprachlichen Mittel kümmern, als dass sie sich, wie die Platoniker ausschließlich der Wahrheit vergewissern wollen.

Begriffs-Staub-Wedel

Seine mäandernden Assoziationen zu „Blasen“ und „Sphären“ wurden bildliche Pendants zu den Theorien der Strukturen und Systeme. Obwohl sie sich auch an die Kybernetik anlehnen, ermöglichen sie weitere  Assoziationen, als die Systemtheorie N. Luhmanns.

Den Begriff der „Immunität“ verwendete Peter Sloterdijk bereits vor er in Mode kam, um auszudrücken, wie in unserer medialen Welt Nachrichten, Geschichten und Ereignisse ansteckend wirken, ansteckend eingesetzt werden und wir dagegen Immunitäten in einem inneren Haushalt aufbauen können. 

Die dazu herbeifantasierten Bilder der Wutbank und der Aufmerksamkeits-Konten fassen in ihrer Absurdität die Phänomene zutreffender, als es Systemanalysen, Umfragen von Meinungsforschern und Aussagen von Politologen und Medientheortikern vermögen.

Das Zusammenwirken von kritischen Einsichten in die Medienwelt und sein poetisches Sprachvermögen lassen ihn schwierigste Zusammenhänge in einfache Bildern fassen, die jeder sofort verstehen kann. 

Dies scheint den medialen Erfolg dieses einprägsam nuschelig sprechenden Philosophen auszumachen. 

Kritik an Medien und Medienstar?

Obwohl er den Medien dauernd sagt, wie sehr sie emotional manipulieren, lieben sie ihn. 

Mit der Konstruktion der Novelle, die unsere Bedürfnisse nach Unterhaltung stillen, hat er ein jenseits aller Moral liegendes Potential und Kapital entdeckt, für das Medienvertreterinnen ihn schätzen. 

Hat er diese doch vor dem Fluch, „die Wahrheiten und nichts als die Wahrheiten zu sagen“ befreit und ihnen ihr schlechtes Gewissen genommen, sie betrieben nur seichte Unterhaltung, der Sloterdijk sehr wohl Tiefe zu entlocken vermag. 

Wie wurde die Ära bezeichnet, als wir in Hamburg studierten? 

PopArt? 

Diese war schon vorbei, sie wirkte und wirkt noch immer, wie wir an Sloterdijk sehen, den das Ideal, das Komplizierte populär zu machen, immer noch antreibt.  

GL

(1) Bazon Brock  „Lustmarsch durchs Theoriegelände“ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG 

zum 70. Geburtstag von Bazon Brock 

mit einem Vorwort von Peter Sloterdijk

(2) Eine Äußerung von Bazon Brock aus der Erinnerung wiedergegeben: „Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass er/sie maximal zehn Bücher wirklich gelesen hat, diese dafür mehrmals!“

1 Kommentar zu „Peter Sloterdijk – Erzähler und Medienstar“

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