Coronas realisierte Metaphysik

 Giorgio de Chirico 1888 – 1978

Gestern war einer der Werktage zwischen Weihnachten und Neujahr. Ein Tag, an dem – wie Statistiken sagen – üblicherweise das größte Geschäft im Handel gemacht wird, aber die Straßen Innsbrucks sind leer und die Geschäfte bleiben geschlossen. 

Die Fluchten der Straßen kippen, die Perspektiven sind mit ununterbrochenen Linien gezeichnet, nur vereinzelte Passanten stören die Leere, die in der Stadt endlich wieder die Herrschaft übernommen hat.

Der Weg durch die Stadt führt den „Münchner Baumeisterstil“ vor, mit seinen Erkerchen, Türmchen und Schießscharten. Gegenüber die Biedermeier- Bescheidenheit eines Gumphauses (1) in der Theresienstrasse. Die Nüchternheit einer Klosterfassade, die vor Jahrhunderten am Stadtrand lag, wartet jetzt eingezwängt zwischen Kirche und dem römisch-inspirierten Triumphbogen aus dem 18. Jhdert. auf Erlösung.

Keine Menschenansammlung auf Straße und Gehsteig, niemand drängt in die Eingänge der Geschäfte und Kaufhäuser, um Geschenke umzutauschen, zur Realisierung jener Wünsche, die sich um Weihnachten angesammelt haben und in diesen Tagen in Hochglanztüten ihrer Erfüllung harren.

Fasziniert gehe ich die Allee entlang, die vom Inn, am Hofgarten vorbei, direkt auf die Hofkirche hinführt. Das vormittägliche Licht der flach einstrahlenden Sonne wirft die Schatten der Bäume, als würden die Schattenäste am Asphalt haften.

Endlich ist die Hofburg ihrer historischen Last entbunden.  Heute ist sie nur eine der vielen Fassaden der Stadt, gleichberechtigt einsam wie das Gegenüber, das neulich fertiggestellte Haus der Musik.

Architektur hat endlich jene utopische Wirklichkeit angenommen, von der Architekten träumen:  Ein menschenleeren Friedhof aus Stein und Glas, den kein Treiben und Lärmen in seiner Erhabenheit stört. 

Endlich wirkt die ganze Stadt wie jene digital-simulierten  Fassadenentwürfen, in die eine kafkaesk verlorene Figuren eingefügt ist  oder Figurenpaare, die mich an „Wladimir und Estragon“ aus „Warten auf Godot“ erinnern. 

Im Lockdown zeigen unsere Städte, was vom Theater überbleibt, wenn das aktuelle Stück ausfällt. Wie belanglos  die leeren Öffnungen in den Fassaden klaffen, wie nüchtern die Schatten jede Lisene, jedes Gesims erscheinen lassen.  

Kein Theaterstück ist so spannend, wie der Bühnenraum  am Tag nach dem letzten Auftritt, oder am Tage vor der nächsten Premiere. 

Giorgio de Chirico soll die Idee für seine „Pittura metafisica“   aus Stadterlebnissen in München erhalten haben, berichten Biographen, was naheliegend ist, vergegenwärtigen wir uns die Rundbogen-Arkaden im dortigen Hofgarten.

Seine Stadtprospekte, die – aus heutiger Sicht- wie Städte im Lockdown erscheinen, sind leere Bühnen mit wenigen Figuren, die lange Schatten werfen. In seinen Städten markieren Stapelfiguren aus Schneider- und Künstlerateliers deren Plätze.

Der aus der Philosophie entliehene Begriff Metaphysik ist im Stilbegriff „Metaphysische Malerei“ irreführend, lenkt die Malerei uns doch nicht ins Himmlische, ins Ätherische, in begriffliche Abstraktionen, in Überzeitlichkeit.

In der Tradition des Stilllebens des 17. Jhdts. wird deutlich, wie unser Verständnis von Realität mit dem Stillstehen und dem Anhalten der Zeit, sowie der Schattenbildung durch Licht korrespondiert.  

Das Metaphorische der Malerei drängt uns geradezu in das Irdisch-stoffliche zurück und macht uns deutlich, dass diese Welt, auch wenn wir sie vermeintlich erzeugen, uns nicht braucht, sondern beherrscht.

Der Zustand der Angst – dem wir unter Corona ausgesetzt sind – geht auf das existenzielle Erschrecken zurück, das uns widerfährt, wenn wir begreifen, dass wir aus dem Paradies der träumenden Kindheit geworfen wurden und uns in einer nüchtern-fremden Welt der Sachlichkeit wiederfinden. 

Franz Radziwill 1895 – 1983

Franz Radziwill der Realisierer von Stadtbildern, in denen grau abbröckelnder Putz rote Ziegelwände freilegt, in der  

apokalyptische Himmelserscheinungen aufleuchten, Häuser ein erschreckendes Eigenleben führen, Landschaften irrlichtern und die See in Graugrün tobt, verweist auf die diese Gnadenlosigkeit der materiell-, stofflichen Welt. 

Auch die Pandemie stößt uns täglich gnadenlos vom hohen Ross. Wir erheben uns zu Demiurgen und Weltenbeherrschern, sogar in der Verkehrung der Weltzerstörung drückt sich dieser Hochmut aus. 

Rudolf Wacker 1893 – 1939 

Eine Gnadenlosigkeit, die uns auch der Vorarlberger Maler Rudolf Wacker vorführt, wenn er Kinderpuppen malt, die  von den Dramen des Lebens zeugen, wie Indizien von ungenannten Übergriffen, die – so wird behauptet – unter Corona erheblich zugenommen haben.

GL

(1) Gumpp, war eine bedeutende Familie von Baumeistern, Tischlern, Maler, Kupferstechern des 16. bis 18. Jahrhunderts in Tirol

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