RELIGION: ein Fehlen, das vermisst wird?

Die Kirchen waren im ersten, wie im zweiten Lockdown brave Gefolgsleute des Staates, führten – vergleichbar einer Putzfrau – alle Maßnahmen brav aus und darüber hinaus hatten sie nicht viel zur Pandemie zu sagen.

Lag der Beitrag der Kirchen in einer Zeit, die alle Menschen physisch und psychisch schwer belastete, darin lediglich, phantasievolle Abstandhalter an Kirchenbänken anzubringen und Gottesdienste per Video zu übertragen?

Endlich haben wir keine Menschen mehr in den Kirchen, aber Hunderttausende versammeln sich im Internet und auf den Straßen von Berlin und Leipzig, die alle mehr oder weniger spirituell bewegt zu sein scheinen und

äußerst skeptisch gegenüber 

allen offiziellen medizinischen Daten, 

naturferner Medizin, 

dem manipulativen Staat, 

den Medien, die als Vollstrecker staatlicher Verordnungen auftreten,  

der Pharmaindustrie, die Wissenschaft manipuliert, 

sowie allen digitalen Techniken gegenüber,

die uns beeinflussen! 

Diese kritischen Massen werfen den Befürwortern der Maßnahmen Gesundheitsdiktatur, ja einen Gesundheitsfaschismus vor, der einen autoritären Staat mit Hilfe von

Health-Care-Strategien und digitaler Nano-Technik hervorbringt. 

Vom Weltwirtschaftsforum ( WWF), zusammen mit Bill Gates und Prinz Charles wurde schon 2019 „The Great Reset“ geplant um die Pandemie als Vorwand  einzusetzen, so lautet ihr Vorwurf.

Wenn wir uns aus dem Gewusel der Streitenden erheben, hören wir immer wieder Aussagen wie jene, die Gesundheit habe zur Zeit jene Stellung im Sozialen, die bisher die Religion hatte (1).

Daraus ergeben sich einige Fragen:

Übernimmt die Wissenschaft Funktionen, die vorher der Religion zugewiesen waren? (2)

Hat die Wissenschaft die Grenze zur Religion überschritten? (3)

Übernimmt der Staat soziale Aufgaben die von der Religion abgedeckt werden sollten? (4)

Ähnlich wie der Staat auch Aufgaben der Wirtschaft zu übernahm. (5)

Können Kirchen die Rolle der Religion in unserer Gesellschaft überhaupt noch erfüllen? 

Haben spirituelle Strömungen, zusammen mit Psychologie und Coaching die sozialen Aufgaben der Kirchen nicht längst übernommen?  

Die soziale Aufgabe der Religion

Zuerst sollte die Aufgabe der Religionen in der Gesellschaft angesprochen werden:

Sehr verkürzt gesagt, geben Religionen auch Antworten auf die Kontingenz menschlichen Handelns und Wissens.

Auf die Grenzen menschlichen Handelns und Wissens werden wir gerade jetzt gestoßen. Gegen diese Mauern rennen wir an, ob wir dahinter etwas ahnen oder nicht.

Die Aufgabe der Religion hat auch mit den Fragen des Todes im Leben zu tun, mit den Grenzen, die uns unsere Gebrechlichkeit, unsere Verletzlichkeit, unser Immunsystem setzt.

Aufgaben der Religionen waren seit jeher, Formen, Rituale und Theologien anzubieten, um angesichts dieser Grenzen 

Gefühle, Bewusstsein und Anweisungen zur Verfügung zu haben, um mit dem Unfassbaren, Irrealen und Absurden, dem Numinosen und Göttlichen umgehen zu können.

Sind Alltags- und Arbeitswelt auch eine Art Religion?

Haben nicht Moral, Gesetze, Lebens- und Arbeitskulturen, die den Alltag – vom Arbeitsplatz über das Kochrezept bis zum Beipackzettel der Medikamente  – bestimmen, vergleichbare soziale Funktionen? 

Helfen uns die vorgegebenen Strukturen und Rhythmen des Lebens, der Tages- und Jahreszeiten, Feiertage, Urlaubs- und Arbeitszeit nicht selbst über das Unfassbare hinweg? 

Die Attraktivität der muslimischen Religionen, die vergleichbar mit der jüdischen keinen Unterschied zwischen Moral, Lebensregeln, staatlichen Gesetzen und religiösen Praktiken kennen, lässt vielleicht erahnen, wonach sich unsere Gesellschaft aktuell sehnt.

Höre ich mir zur Zeit im ORF das Mittagsjournal an, bin ich immer wieder erstaunt wie gut gelaunt und beflissen bemüht sich alle geben, um ihrer Rolle als durchführende und ausführende Krisenbewältiger korrekt zu entsprechen.

Aber auch die Kritiker der Regulative sind bis zu vernagelter Uneinsichtigkeit bemüht, ihre Rolle als Gegner zu erfüllen.

Endlich gibt es wieder ganz reale Dinge zu bewältigen. Wie in Krisen- und Kriegssituationen erwacht ein neuartiger Gemeinschaftssinn!

Vom Gebot über das Gesetz zur Moral

Gesellschaften, die von christlichen Religionen geprägt wurden, haben im Laufe ihrer Geschichte das „Du darfst nicht!“ der Gesetze, vom „Du sollst nicht!“ religiöser Gebote zu unterscheiden gelernt. 

Damit wurde die Religion als ein eigener Bereich aus dem sozialen Ganzen ausdifferenziert, die vormals in Gottesstaaten eine Einheit bildete.

Religiöse Gebote, die gemeinschaftlich verbindliche Handlungsnormen prägten und zur moralischen Ächtung bestimmter Handlungen dienten, wurde ausdifferenziert und durch Verordnungen und Gesetze rechtlich regelbar(4).

So entwickelten sich drei Ebenen

– die Gebote ( religiös bedingt)-

– die Gesetze, Verordnungen, Institutionen und 

– die Ethik und Moral, 

die sich in der Folge als Meinung, moralisches Urteilen und Bewertung weiter entwickeln konnte.

Nehmen wir als Beispiel das Gebot: 

„Du sollst nicht töten“

Wie uns der Existenzialismus lehrt, wird das Tötungsverbot bereits bei der Geburt ad absurdum geführt: 

Immer schon gab es Lebend- Fehl- und Totgeburten und heute stehen lebend geborene Kinder abgetriebenen gegenüber!   

Mit jedem Atemzug, den ich mache, nehme ich anderen die Luft, was ich esse, bekommen andere nicht, wir töten Tiere und züchten Monokulturen.

Amoralisch gesehen ist dies das Paradox hinter dem Tötungsverbot.

Im positiven Recht wird die Urteilsfindung so operationalisiert, dass sie von Moral und Schuld entkoppelt werden kann, nur die korrekte Abwicklung des Verfahrens garantiert die Gültigkeit des Urteils.  

Die Rechtsordnung des positiven Rechts regelt operational Verstöße gegen soziale Verhaltensnormen und erfüllt so eine gesellschaftliche Funktion, ohne moralische Urteile.

Moralische Urteile haben die Wirkung, dass sie gute von bösen scheiden. 

Diejenigen, die der eigenen moralischen Auffassung entsprechen, werden eingeschlossen (inkludiert), die nicht Gleichgesinnten werden ausgeschlossen (exkludiert) (7).

Das Paradebeispiel für dieses moralische Paradoxon ist der „Glaube an Gott“: 

Von allen Gottesgläubigen wird behauptet, Gott sei überall und wirke in allem, gleichzeitig wird derjenige ausgeschlossen, der nicht an den eigenen Gott glaubt. 

Das Paradoxon der Psychologie, die mit ihrer Ich- Konstruktion alle äußeren Einflüsse auf das Ich zurückführt, belastet das Ich dermaßen, dass dieses sich selbst moralisch Schuld zuweisen muss. 

In dieser Selbstüberlastung, der extremen Inklusion, muss dann meist ein äußerer, ein entlastender Schuldiger gefunden werden.

Pandemie und die Tugenden 

Die Entscheidung der (WHO), die Infektion durch COVID-19  als Pandemie einzuschätzen und diese damit für die Weltgemeinschaft verbindlich zu setzen, mit all den Konsequenzen, die so eine Entscheidung in den Nationen auslöst, kann auch als Ausdifferenzierung ursprünglich religiöser Gebote verstanden werden.   

Hygienemaßnahmen wie Händewaschen usw., waren immer schon wesentlicher Bestandteile religiöser Gebote.

Mit den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie trägt der verdorrte Begriffsbaum der Tugenden und Untugenden wieder frische Früchte. 

Die mediale Aufspaltung in Befürworter ( Leitmedien) und Kritiker ( soziale Medien) wirkt geradezu wie ein Düngemittel auf die Triebkraft der Tugenden: 

subtropische (Hochmut),  

conspiratio( Verschwörung),

sóphron (Verständigkeit), 

humilitas (Demut)

fides (Vertrauen)

continentia (Genügsamkeit).

Misstrauen, Bosheit, Hass und Unversöhnlichkeit auf der einen Seite – Staatstreue, Durchhaltevermögen, Vertrauen und Gefügigkeit entwickeln auf der anderen Seite wundersame Blüten. 

Was können wir daraus lernen? Sind das  Vorzeichen für weitere soziale Differenzierungen und Differenzen, oder gar Anzeichen tektonischer Verschiebungen im Sozialen?

Bedarf es heute noch einer Kirche für das religiöse Bedürfnis der Menschen? 

Dass die Medien Aufgaben der Religionen verstärken, haben die Religionen in ihrer Geschichte leidlich erfahren: 

Der Bilderstreit (8 Jhdt) hat die Christliche Kirche in den östlichen und den westlichen Weg geteilt und der Bildersturm hat in der Renaissance zur Kirchenspaltung geführt? 

Bedarf es überhaupt noch einer Kirche, um das religiöse Bedürfnis der Menschen gegenwärtig stillen zu können? 

Vermutlich würde jeder aufgeklärte Mensch diese Frage spontan mit Nein beantworten. Es tauchen jedoch  Bedenken auf, wie diese:

Genügt es, sich aus allen Religionen etwas rauszupicken, was unsere Seelenlage gerade benötigt? 

Genügt es, medizinische und ernährungstechnische Heilverfahren aus den verschiedenen Kulturen anzuwenden? 

Tut es Genüge, den einen oder andere Kalenderspruch zu kennen, oder eine Maxime zu zitieren, um in Grenzsituationen des Leben zu recht kommen und einen  Sinn im Leben zu finden? 

Können wir uns in Sinnfragen auf Räucherstäbchen und  Buddhastatuen reduzieren ?  

Bedarf es täglich eingeübter Haltungen, um Grenzerfahrungen des Lebens gewachsen zu sein?

Unzählig könnten diese Fragen fortgesetzt werden und alle machen deutlich, dass Religionen immer die Hermetik des Unbegreiflichen – jeweils in ihrer eigenen Ausprägung – umfassen.  

Um als Religion im Sozialen „zu funktionieren“, muss sie alle Fragen des Jenseitigen an sich ziehen, bzw. sich mit ihnen verbinden. 

Da wären die Künste und Wissenschaften, die gelernt haben, mit dem Transzendenten, dem Widersprüchlichen und Ausgeschlossenem umzugehen und mit der Gunst der Phantasie zu spielen (8).

Zur Angst 

Sobald die Grenzen des menschlich Möglichen überschritten sind, wie in dieser Pandemie offensichtlich, setzt Angst ein. 

So ist nicht verwunderlich, wenn die Verwendung dieses Wortes zur Zeit eine Hochkonjunktur erfährt. 

Dem Staat wird vorgeworfen, er würde mit seinen Nachrichten und Vorhersagen Angst verbreiten. 

Aber auch viele Menschen sprechen ganz persönlich von ihren Ängsten, die angesichts all der Unsicherheiten in ihnen aufsteigt.

Mir persönlich geht es unter Corona ganz anders. Ich verstehe diese Ängste, nur, meine Befindlichkeit ist dem konträr.

Für mich wirkt Corona befreiend. Corona hat für mich ein Fenster geöffnet, das sonst verschlossen war.

Die Welt zeigt jetzt Eigenschaften, die sonst verdeckt sind.

Auch wenn das Auftauchende erschreckend ist, ängstigen mich offen gelegte Probleme weniger, als im Alltag vor sich hinschwelende. 

„Normale“ Zeiten beunruhigen mich mehr ! 

Wenn ich in die glatten Gesichter der Politiker schaue, ihre täglichen Ausflüchte höre, die permanente Manipulation öffentlicher Meinungen beobachte, bekomme ich Angst.

Denn ich spüre, wie Existenz gefährdenden Problematiken verharmlost und negiert werden, um uns dumme Bürger nicht zu beunruhigen (9).

GL

(1) Artikel von Prof. Dr. Steffen Roth: https://ssrn.com/abstract=3737429

(2)die der Welterklärung, der Begründung, der Rationalisierung von Handlungen.

(3)mit der Atomphysik? Fragten sich selbst Physiker .

(4) Kritiker der Maßnahmen kritisieren den Staat, der sich anmaßt das Leben und den Tod all seiner Bürger beherrschen zu wollen.

(5)Unter Corona wird die Wirtschaft – ähnlich im Krieg und bei Katastrophen – zur Staatswirtschaft 

(6) In der franz. Revolution vollzogen / der Laizistische Staat Frankreich ist Ausdruck dieser Entwicklung!  

(7) Alles was ich hier über funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft schreibe, ist den Werken Niklas Luhmanns entnommen. 

(8) Ein kurzer Überblick auf die Kunstgeschichte, von der Ikonenmalerei über die Renaissance bis zur Romantik und Moderne, Maler wie Odelin Redon, Alfred Kubin, Caspar David Friedrich, oder Musiker wie Johann Sebastian Bach, Olivier Messiaen oder Arvo Bert machen deutlich welche Schönheiten Grenzerfahrungen entwickeln können.    

(9) Wie zB. Die Frage der Geldpolitik, die in den letzten Bundestagswahlen in der BRD und in A völlig ausgeblendet wurde, obwohl spätestens seit 2008 klar ist, dass der Überhang an Wirtschaftskapital die Realwirtschaft gefährdet.

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