„Die Grenzen der Kommunikation“ oder


„Wie Franz Erhard Walther eine veränderte Sicht auf die Coronamaßnahmen ermöglicht.“

Als F. E. Walther in den 60er Jahren seinen 1. Werksatz erarbeitete, ahnte niemand, dass er mit diesen Arbeiten Corona auf den Punkt gebracht haben wird.

Vor 60 Jahren war er mit seinen benutzbaren Objekten und  den dazu gehörenden, klar formulierten sowie spielerischen  Anweisungen dem Phänomen der Körperlichkeit und der menschlichen Beziehungen in Raum und Zeit auf der Spur. 

Der erste Werksatz umfasst 58 Objekte, die aus groben Baumwollstoffen gefertigt waren und die F. E. Walther dem Publikum, mit seinen Anweisungen versehen, zur Verfügung stellte. 

Soweit ich mich erinnern kann, war nur er derjenige, der die Benützung anleitete und in den sachgemäßen Gebrauch der Objekte einwies. Diese Anweisungen bezogen sich auf zeitliche Abläufe, Körperhaltung und Hinweisen auf körperliche und psychische Zustände, die wahrnehmbar werden.

Franz Erhard zeichnete seine eigene Erfahrung während der Benutzung in Texten und Diagrammen auf und fügte sie den Objekten in Ausstellungen und in Buchform (1) bei. 

Die Einbeziehung des Betrachters in das Werk war damals für Walther selbst und uns, seine Schüler (2), das wesentlich Neue. 

Dass er hiermit nicht nur innerhalb der Kunst einen Schritt nach vorne vollzogen hatte, sondern auch einen Beitrag für das Soziologische erbrachte, war uns damals noch nicht offensichtlich. 

Aus heutiger Sicht, wo Demonstrationen von Menschen in Parks stattfinden, die anmuten, als wären diese nach Anweisungen Franz Ehrhards erfolgt (3), stellt sich die Frage, was haben diese Inszenierungen des Künstlers mit unserer gegenwärtigen Situation zu tun? 

Eines ist offensichtlich: Bei den Coronamaßnahmen sowie in den Arbeiten von F. E. Walther geht es um den Abstand zwischen Menschen wie deren Zeitdimension ( zehn Tage Quarantäne).. 

Das auf Körper bezogene Werkkonzept stellt Module zur Verfügung, die variabel sind. Das entspricht in etwa unserer Erfahrung, die erlernt hat, wie selbstverständlich mit digital geframten Sozialplattformen ( FB, Twitter, YouTube) umzugehen (4). 

Der Vergleich der spielerischen Inszenierungen mit den aktuellen Demonstrationen für/gegen Corona kann den emotional belasteten Umgang mit zeitlich-räumlichen Vorgaben, die zur Zeit unser Leben bestimmen, etwas neutralisieren.

Wir erleben die das alltägliche soziale Leben durchziehenden und bestimmenden räumlich-zeitlichen Vorgaben eher als Freiheitsberaubung, denn als Grundlage möglicher Freiheit.

Das Soziale aus alt-neuer Sicht der Kunst:

Schauen wir von heute aus auf die „Geißelung Christi“ von  Piero della Francesca oder auf das Fresko „Der Zinsgroschen“ von Massagio in der Brancacci- Kapelle in Florenz (5), erkennen wir, wie alt das Thema der Proportion körperlicher Zwischenräume ist. Dieses Wesen des Sozialen zu erfassen und darzustellen ist ein wesentlicher Charakteristikum der Kunst.  

F. E. Walther verwies uns im Studium u. a. auf Auguste Rodins „Bürger von Calais“. Auch in dieser Skulptur kommt es mehr auf das Zusammenspiel der Figuren als auf die Einzelfiguren an. 

Alberto Giacomettis Skulptur „La Clairière“ von 1950 zeigt uns ebenso, wie wesentlich Abstände und die Größenverhältnisse für die Sicht des Ganzen sind (6). 

Auch die in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi 1974 entdeckten Fragmente der sagenumwobenen chinesischen „Terrakotta- Armee“ sind für unsere Frage des Sozialen in der Kunst interessant. Die 8000 Figuren verweisen auf eine der ältesten Aufgaben der Kunst, die weniger im Einzelportrait und der Einzelfigur, sondern im Ensembles besteht, wodurch die jeweilige soziale Ordnung gezeigt wird (7).

Diese wenigen Beispiele sollen die neue-alte Aufgabe der Kunst, Sozialgebilde zu inszenieren und ins Bild zu setzen, aufzeigen.

Eine Aufgabe, der auch Franz Ehrhard durch seine Inszenierung charakteristischer Beziehungsmodelle gefolgt ist und die er systematisch performativ durchgespielt hat. 

Kunst stellt das Soziale dar / Soziologie formuliert die Theorie der Sozialsysteme:

Der Hinweis auf das Werk von Walther, in dem Module für soziales Geschehen zur Verfügung gestellt werden, weist auf eine Nähe zur Systemtheorie Niklas Luhmanns hin. Hier werden soziale Systeme untersucht und das Individuum wird getrennt davon als „Nutzer“ behandelt.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Künstler und dem Soziologen besteht in der Grundkonzeption: 

Für Walther vervollständigt sich das Werk erst durch den Benutzer, während bei Luhmann Sozialsysteme und Organisationen ganz unabhängig von Individuen existieren!    

In den 70er Jahren war die Soziologie auf dem Stand, der  sich am Streit Habermas vs. Luhmann aufzeigen lässt (8) . 

Verkürzt könnte die damals behandelte Frage in dem Satz zusammengefasst werden: Müssen wir das Handeln und Erleben, deren Begründung und Kritik, letztlich dem  individuellen Menschen zurechnen (Habermas)  oder der  Kommunikation, die systemgeleitet sich quasi selbst organisiert ( Luhmann)?

F. E. Walther hatte damals, unabhängig von dieser Fachdiskussion, seine Antwort aus der Kunst heraus gegeben: Was die beiden konträren Auffassungen ( Habermass/Luhmann) verbindet, ist die Kunst, deren Träger – trotz Kunstsystem – immer noch die Menschen sind! 

 Corona aus Sicht der Kunst?

Was ändert sich in unserer Sicht auf Corona durch Walthers Arbeiten?

Ich kann die als Zwang erlebten Maßnahmen ( nächtliche Ausgangssperren, Schließung der Kinos und der Theater, nur eine Person darf zu Besuch kommen …) wie Anweisungen, Rezepte, Verbote und Gebote ansehen, wie  wir sie sonst aus dem täglichen Leben kennen: 

„Wechseln Sie bitte die Fahrbahn!“ 

„Einbahnstraße!“

„Bedecken Sie bitte Ihr Haupt in der Synagoge!“

„Rühren Sie ein geschlagenes Eiweiß dem Teig unter!“

„Abfahrtszeit 9:35, Ankunft 12:27“

„Melden Sie sich bitte an, Sie werden der Reihe nach aufgerufen!“

Oder proportional:

Das Verhältnis von Stiegenhöhe zu Stiegentiefe, 

die Raumhöhe, 

Raumgröße, 

Größe der Fenster,

das Konfektionmaß,

Stadt- und Verkehrsplanung,

Termine,

Aktualitäten,

Theaterprogramme,

……..

All das beeinflusst unser soziales Leben wesentlich. Diese Bedingtheiten gehen aber im Alltag unter, bis sie aus dem Kontinuum der Zeit als Sonderfall herausfallen. 

Erst dann werden sie als Vorgaben sozialer Kontaktnahme deutlich.

F. E. Walther lässt diese zeitlich-räumlichen und materiellen Bedingungen als Teil der „Sozialen Skulptur“ (9) erscheinen, die, wie das Wort Skulptur ausdrückt, gestaltet werden können.

Die Anweisungen Walthers, deren Nachvollzug zur Kunst führt ( zumindest sieht Walthers Werkbegriff das vor) , haben Ähnlichkeit mit den Regeln des Abstandhaltens, des Maskentragens und der Quarantäne.

Dieselben Regeln und Vorgaben, mit denen sich viele schwer tun, regen andere zum kreativen Umgang an (10).

Auch uns erging es in den 70 er Jahren ähnlich: Bei  Vorführungen, zum Beispiel auf der Documenta, fragten wir  uns, wieweit diese Vorgaben Walthers der Freiheit der Kunst widersprechen.

F. E. Walther war in den Angaben und bei der Einhaltung seiner Maßnahmen streng, er duldete keine  Abweichungen von diesen Vorgaben, wodurch natürlich unser Widerspruchsgeist herausfordert wurde.

Aus heutiger Sicht nimmt Walther in seinem Werksatz eine stoische Haltung gegenüber Regeln und Anordnungen ein, denen sich zu widersetzen nicht sinnvoll ist, deren Einhaltung Voraussetzung für einen spielerischen Umgang sein kann.  

In dem Spiel mit temporär unabänderlichen Vorgaben entsteht Kommunikation! 

Bezogen auf Corona,  sind die Maßnahmen – trotz Zweifel  an deren Begründbarkeit – Bedingungen des sozialen Miteinander. Ähnlich wie ein Stein, der im Weg steht, sind diese Vorgaben weitgehend der Beeinflussung entzogen. 

Oder anders gesagt, einmal gesetzt, können sie nur wieder abgeschafft oder außer Kraft gesetzt werden. Kommunizieren können wir nur über sie hinweg.

Die Regeln selbst kommunizieren sich ohne Kommunikation, da ihnen Reziprozität (zumindest zeitweise) fehlt, die für Kommunikation grundlegend ist. 

Entziehen sich die räumlich-zeitlich gesetzten Bedingungen des Sozialen nicht weitgehend der Kommunikation? 

Natürlich kann über deren Sinnhaftigkeit diskutiert werden. 

Die Frage ist, ob eine Diskussion über gesetzte Maßgaben sinnvoll ist, arten doch die Auseinandersetzungen immer wieder völlig aus . 

Noch einmal zur Kunst: 

In dem Film  „Letztes Jahr in Marienbad“ von Alain Resnais, aus dem Jahr 1961  (nach einem Roman von Alain Robbe-Grillet) wird uns vorgeführt, wie Raum und Zeit jenseits der kommunikativen Möglichkeiten wirksam werden.

Das Unaussprechbare ist Allain Robbe-Grillets Thema, sowie das Franz Kafkas.

Beide Schriftsteller behandeln die Anwesenheit sprachlich nicht fassbarer Realitäten, die das Soziale tiefgreifend beeinflussen, aber sprachlich nicht zu fassen sind. Sie entziehen sich der Kommunikation.

Die Kunst der Schriftsteller besteht gerade darin, das Unbeschreibbare sprachlich zu fassen, die permanente Anwesenheit des Abwesenden aufzuzeigen! 

Oder anders gesagt, sie zeigt die Grenzen der Kommunikation.

GL

(1) „Franz Erhard Walther, Diagramme zum ersten Werksatz“ Kunstraum München 1976, Fotos Timm Rautert

(2) Wir, Lilli Fischer, Michael Lingner und unter anderen ich gehörten zur ersten Garnitur der Waltherklasse an der HfBK in Hamburg. Wir konnten live miterleben, wie Walther jenen  „Werkbegriff“ erarbeitet hat, der sein weiteres Lebenswerk bestimmen sollte, das mit der Verleihung des „Goldenen Löwen“ der Biennale von Venedig (2017) gekrönt worden war. Die viel genannten Schüler Walthers wie Martin Kippenberger und Rebecca Horn waren damals eher  Zaungäste und Tino Sehgal, Christian Jankowski, Santiago Sierra zählen zur späteren Generationen seiner Schüler. 

(3) Bezogen auf Franz Erhards Arbeiten erscheinen Demonstrationen der Art nicht mehr als Anti-Coronademos, sondern als Demos die, ohne zu bewerten, uns die Situation vergegenwärtigen! 

(4)„Mit seinem modularen Werkkonzept, in dem jedes Element nur vorläufiger Teil eines nie abschließbaren Werks ist, hat Walther das digitale Orientierungsgefühl vorweggenommen, in dem keine Setzung abschließend ist und Inhalte fortwährend den Kontext wechseln.“

Zitiert aus der FAZ vom 17.05.2017, Kolja Reichert: „Sie dürfen sich anlehnen!“

(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zinsgroschen_(Masaccio)

(6) https://www.artlog.net/de/kunstbulletin-6-2018/ferdinand-hodler-alberto-giacometti-neue-visionen

(7) https://de.wikipedia.org/wiki/Mausoleum_Qin_Shihuangdis

(8) Habermas, Jürgen/Luhmann, Niklas (1971). Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie.

(9) Walther rekrutiert den Begriff der „Sozialen Plastik“ für seine Arbeit und wies jede Verbindung zum Kunstverständnis von J. Beuys strikt zurück. Ich konnte das so nie nachvollziehen, was meinem Lehrer Walther sehr erbost hat! 

(10) wozu auch die unzähligen selbsternannten Coronakritiker aus den sozialen Medien zu zählen wären!

1 Kommentar zu „„Die Grenzen der Kommunikation“ oder“

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