Welche Schatten wirft Corona ?

Ich wiederhole hier nicht, was anderorts schon gesagt wurde. Hier wird eine ungewöhnliche Sichtweise gepflegt.

Ja, wir haben in den letzten acht Monaten viel gelernt, wissen faktisch viel mehr über das Virus, die Kritik der „Coronaleugner“ ( blödes Wort) hat die Statistiken und deren Parameter genauer gemacht, wir müssen im Herbst nicht mehr einen gesamtnationalen Lockdown ausrufen, sondern können bei steigenden Zahlen regional, institutionell und personenbezogen viel differenzierter handeln –

aber Wissen wir wirklich, auf welchem Stand der Erkenntnisse wir uns mit COVID-19 und seiner Auswirkung auf das Gesundheitswesen, auf Wissenschaft und Gesellschaft befinden? 

Wir konzentrieren uns darauf, wann ist jemand infiziert, wieviele und wer ist erkrankt, wie sind die Krankheitsverläufe und wie hoch ist die Mortalität. 

Alle diese Zahlen und Statistiken dienen Politikern und deren Beratern differenzierte (zur Zeit regionaldifferenzierte)    Maßnahmen für bestimmte Zeitspannen zu erlassen, um dann zu sehen, ob diese verschärft oder ausgesetzt werden können.

Eines sollte dabei nicht aus den Augen verloren werden,  bei all den Zahlen und Statistiken handelt es sich um angenommene mögliche Szenarien, von denen kein Wissenschaftler behaupten kann, sie würden mehr aussagen, als die bisherigen Zahlen erschließen. Angenommen wird für die Zukunft eine Steigerung der Ansteckungen, der Erkrankungen, der schweren Verläufe und der Todesfälle.

Wir handeln aufgrund einer angenommen Möglichkeit, die – soweit als möglich – mit Zahlen abgesichert wurde, aber immer Szenario bleibt

Die Krux unserer gegenwärtigen Situation ist die zunehmende Rationalität mit der wir uns dem Phänomen Corona näher.  So wird die Illusion verstärkt, wir könnten das Virus in den Griff bekommen und damit auch seine gesellschaftlichen Auswirkungen zurückdrängen.

Der Marker für diese Illusion ist das Wort „Impfung“, das in der Diskussion immer an der Stelle verwendet wird, wo ein Ausweg aus der Krise gesucht wird. 

Dass sich an die Stelle der „Impfung“ jetzt oft ein sachlich begründeter Fatalismus gesetzt hat, „Da kommen wir lange nicht mehr raus“, ist – nach meiner Sicht – eher positiv realistisch zu bewerten.

Die Vorstellung der Bewältigung der Krise steigt und diese Rationalität erzeugt eine Abstumpfung gegenüber der Tatsache an: Mit der Zunahme der Fakten findet gleichzeitig eine Zunahme ihrer Kontrafaktizität statt (1).

Je mehr wir vermeintlich wissen, umso leichter verlieren wir aus dem Auge, was wir nicht wissen. 

Kein Wissenschaftler – der sein Metier kennt – würde behaupten, das Virus ist so gefährlich wie die Fakten vermuten lassen, er wird immer unterscheiden müssen zwischen dem, was Realität ist und was seine Sicht der Wirklichkeit ist! 

Das Wissen über das Nichtwissen (1) wird vergessen, da der Druck auf die Wissenschaften gegenwärtig so groß ist.

Jede abweichende Meinung wird von den staatstragenden Medien und ihren Journalisten eliminiert oder in die Schmuddelecke verfrachtet. 

Zum Kontrafaktischen gesellt sich der sensible Bereich der wirklichen und der subjektiv empfundenen Freiheitsrechte, die durch die Coronamaßnahmen wesentlich eingeschränkt werden. 

Das Kontrafaktische wird durch den zunehmenden Vertauensverlust der BürgerInnen (3) verstärkt, die allen Maßnahmen der Regierungen gegenüber äußerst skeptisch geworden sind.

Auch das durch die Coronamaßnahmen wiedergewonnene  Vertrauen in die Regierungen gehört in die Dialektik von Fakt und Kontrafakt.

Im Wirtschaftlichen, in den Beziehungen der Menschen, im Beruflichen, im Familiären finden zur Zeit große Verwerfungen statt und die individuelle  Psyche ist in Coronazeiten überfordert und zum zerreißen gespannt.

Die Rationalität und scheinbar aufgeklärt lichte Klarheit im Umgang mit Corona wirft diese kontrafaktischen Schatten.

GL

(1) Je mehr wir wissen, umso weniger wissen wir, denn mit jedem Wissen eröffnen sich auch Bereiche, die uns vorher nicht zugänglich waren. Die negativ ausgegrenzten Bereiche (Kontrafakte) erscheinen, indem etwas ( das Faktum) eingegrenzt wird. 

Ältere Denkschulen, die sich auf G.F.W. Hegel berufen, haben es als „Inneren Widerspruch“ bezeichnet, was suggeriert, dass dieser in dem Phänomen selbst enthalten ist und dieser Widerspruch freigelegt werden sollte. 

Neue Denkschulen: Spencer Braun, N.Luhmann, B.Brock formulieren das über Einschließung ( Wissen), die eine Differenz zum Ausgeschlossenen ( Nichtwissen) erzeugt. 

(3)  Ein Vertrauensverlust in die Politik, der seit den 80er Jahren mit  M.Thatcher, R. Reagen & G.Schröder einsetzte.

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