Albertina Modern: „The Beginning“ – in der Stunde Null

aus dem Intro Video zu „The Beginning“ Wien, Albertina Modern

Albertina Modern – Eine Ausstellungskritik

Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder:  

„The Beginning“ – in der Stunde Null

Die Stunde Null – nach Beendigung des 2. Weltkrieges – dauerte laut Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder bis in die 80iger Jahre. 

In einem kurzen Intro (1) zu „The Beginning“ weist er uns auf seine Interpretationshohheit hin, die die Albertina auf Grunde ihres internationalen Rufs und als Bundesmuseum besitzt. Er beweist diese seine Kompetenz, indem er ausführt:

„Alle Kunst nach 45 ist als Reaktion auf den Ständestaat und auf die Schrecken des Nationalsozialismus zu verstehen.“

Solche zeitgeschichtlichen Großentwürfe stimmen den Zuhörer skeptisch, trifft der Satz doch irgendwie zu. 

Wird dieser aber durch die folgende Behauptung überhöht: 

„Die Stunde Null erstreckt sich – in Österreich – bis in die 80iger Jahre“

fragt sich der kritische Hörer: 

Was will er damit sagen? 

Dass die ÖVP mit ihren Bünden zu den Gestrigen gehört?

Dass es für die Künstler der Zeit nur ein Thema gab: Faschismus und Ständestaat? 

Beschäftigte das wirklich die Künstler der Nachkriegszeit? 

Waren diese nicht eher dauernd damit beschäftigt, gehört, gesehen, wahrgenommen zu werden? 

Den Faschismus aufzuarbeiten ist längst keine Gewähr, nicht selbst in dessen Nähe zu geraten ( Otto Mühl)!

In einem Nebensatz wird dann auf die eigentliche zentrale Frage hingewiesen, die – wenn schon unbedingt eine zeitgeschichtliche Aussage gemacht werden muss – für diese Ausstellung konstituierend sein könnte, nämlich auf 

„die konservative Umgebung, auch in der Kunstszene, auf die die Künstler nach 45 reagierten“ und auf „das Nachleben des Dritten Reiches in der Zweiten Republik“. 

aus dem Intro Video zu „The Beginning“ Wien, Albertina Modern

Aber die Erwähnung des Schreckens des National

sozialismus ist dann schon effektvoller, als der Hinweis auf die völlig verlogene Kunst- und Kulturszene im Österreich der 50er und 60er Jahre.

Diese hochgelobte Ausstellung ( meines Erachtens völlig berechtigt) hat einen englischen Titel: „The Beginning“,

der im Gegensatz zur obigen Ausstellungsrhetorik auf einen Neu-Anfang und nicht auf eine Reaktion vergangener Gegenwart hinweist (2).

Wie sollte es einen Neuanfang geben, wenn alles Neue eingebremst wurde! 

Eben nur als Protest! 

Lobenswert ist, dass – bisherige – gegenseitig sich ausschließende Positionen in dieser ÜberschauAusstellung  vereint sind. 

Der von den Aktionisten, Abstrakten und konzeptionell Arbeitenden belächelte Hundertwasser, sowie Hausner, Fuchs, Lehmden und Brauer werden neben Hollegha, Helnwein, Vali Export und Arnulf Rainer gezeigt und alle werden gleichwertig behandelt. 

Das war vor zwei Jahrzehnten, als das Museum Leopold eröffnet wurde, so noch nicht möglich! 

Dass diese Zusammenstellung – z.B. Oberhuber neben Hundertwasser – anordnet, oder die Integration von West in den Feminismus zu einer Karambolage führen muss, ist dann eben so….

Eine Spitzenleistung sind die einführenden Texte zu den Abteilungen, aber auch die Texte zu einzelnen Bildern des Phantastischen Realismus, zu Helnwein / Wukounig und zu Hundertwasser. Diese sind mir – auf den Punkt gebracht – in Erinnerung geblieben. 

Gerade wenn eine Ausstellung so gut durchgearbeitet ist, werden die Schwachstellen dieser Art der 

Kunst-Geschichtsschreibung überaus deutlich: 

Das Konzept der Avantgarde (auch der Avantgarden) erweist sich als ungenügend, gibt es doch vor, einzelne Künstler und Kunstgruppierungen würden von sich aus gesellschaftsverändernd wirken. 

Fakt bleibt, der Wiener Aktionismus ist in der damaligen  Zeit eine gesellschaftliche Randnotiz geblieben! Was war damals in der Zeit mit Lassnig? Sie war nach New York geflüchtet und schnitt Kurzfilme. Andere waren nach Berlin ins Exil geflüchtet, da sie keine Wirkung ihrer Arbeiten in Österreich erwarten konnten. 

Das kunstwissenschaftliche Avantgarde-Konzept übersieht, dass z.B. der Wiener Aktionismus – zeitgeschichtlich – ganz in die 68iger Protest-Bewegung eingebettet war, dass er in einem Zeitgeist mit  Thomas Bernhard, dem Forum Stadtpark in Graz, den Theaterstücke von Handke, der Musik eines Ligetti und vielen Anderen wirkte. 

Der braune Sumpf, in dem wir in Österreich noch bis zum Hals steckten ( Peter als Spitzenkandidat der FPÖ, ein ehemaliger SS Angehöriger wurde in die Regierung gehoben), das war das Gemeinsame, aus dem wir heraus wollten – und immer noch wollen!

Gesellschaftliches Engagement kann man wohl nachträglich in Form heldenhafter Aktionen in einzelne Künstlerbiographien oder Künstlergruppen einschreiben, dabei wird aber nur eines deutlich: 

Hier positioniert sich jemand nur selbst! Aussagen über die politische Wirkung der Kunst  – wie meine hier ebenfalls – gelten nur in der jeweiligen Partialgruppe,“ in dem Fall unter Kunsthistorikern, Kunstwissenschaftlern, Künstlern und Kuratoren – im Kulturbetrieb – darüberhinaus nicht!  

Da wird nur bedeutsam mit dem Besteck geklappert! 

Die größte Schwäche von „The Beginning“ ist ein unterschwellig mitgelieferter Kunstbegriff, der Kunst auf sein gesellschaftliches Engagement, auf eine Avantgarde  reduziert! 

Wird das ideologische Avantgarde-Konzept auf die gesamte Nachkriegskunst angewandt, hat dies zur Folge –

 – dass eine Popart in Österreich konzipiert wird, zu der sich die Zugeschriebenen selbst nie explizit zuordneten

– ein Feminismus konstruiert wird, der nur ideologisch zu begründen ist,  ansonsten wären diese Positionen der Performance-Kunst, der Fotografie oder der Konzeptkunst zuzuweisen. 

Mit der Avantgarde-Konstruktion fällt die Beobachtung der kontinuierlichen Fortführung expressionistischer ( Böckel,  Kokoschka …) und phantastischer (Albert Paris Gütersloh) wie abstrakter und realistischer Positionen die in der Nachkriegszeit – auch außerhalb von Wien – völlig unter den Tisch.

Das Fehlen dieser, für die Nachkriegszeit ebenfalls wichtigen Künstler, ist der Fokussierung auf explizit politische Thematiken geschuldet. 

Kunst hat aber am allerwenigsten mit Thematik, viel mehr mit Fragen der Form zu tun.

Insofern können wir froh sein, dass die Ausstellungsdauer begrenzt ist und der erhobenen Forderung nach deren Dauereinrichtung nicht entsprochen wurde. 

So werden folgende Ausstellungen das Bemängelte zurechtrücken können!  

GL

Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder, Albertina Wien

(1) https://youtu.be/kgL4atizdro

(2) indirekt verweist der englische Titel auf die massiven amerikanischen Einflüsse nach 45 – über den Intelligenten Staatlichen Service – die Kunstdiskussion in Richtung Abstraktion und Moderne zu steuern. Was von uns gerne angenommen wurde! Amerika sah darin die Möglichkeit, Europa – nach misslungener institutioneller Entnazifizierung – die Idee der Freiheit (=Marktfreiheit) beizubringen.  

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