Der Maler Anton Christian im Volkskunstmuseum in Innsbruck


Anton Christian 

Im Volkskunstmuseum Innsbruck 

04. 09. 2020 – 07.02. 2021

Den Vornamen als Pseudonym zu wählen und sich dadurch von der Familientradition – der Vater war ein im Dritten Reich anerkannter Maler mit einer eigenen Malschule und Aufträgen im ganzen Land – zu distanzieren, sagt einiges über Anton Kirchmayr aus.

Sein Wunsch, zum 80ten eine große Ausstellung im Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck zu bekommen, konnte  Direktor Dr. Peter Assmann nur entsprechen, indem er ihm eine Ausstellung im Volkskunstmuseum anbot. Dort taucht er jetzt in die Fülle der ausgestellten Gegenstände ein.

Die Ausstellung im Volkskunstmuseum kann dem Maler, und Objektkünstler positiv ausgelegt werden, gibt es doch genügend Querverbindungen zur „Volkskunst“. Alle seine Arbeiten wollen das Empfinden und die Seele der Menschen ansprechen, wenn auch die Skala der Gefühle nur die dunklen Seiten des Lebens flirrend beleuchtet.

Ob diese sentimentale „Mitterer-Seele“ aber all das umfasst, was uns Tiroler ausmacht, würde ich so nicht stehen lassen wollen! 

Sind die gierig nach der Leiter greifenden Hände, 

ist der Blick auf Leiden vor dunklem Grund, 

Schmerz in Rot, 

schäbige Alte, auf den Kompost geworfen, 

Kreissäge im Bett und 

das Babyskelett an den großen Stein gehängt… 

sind das unser aller Seelenabgründe?

Sind wir diese erdigen, bluttriefenden, geschundenen Wesen?  

Oder geht es in den Bildern von Anton Christian gar nicht um Schmerz, Leid, Schicksal ? 

Was würden die Medienberater einem Politiker sagen, hätte er die Bildrethorik eines Anton Christian in Worte und Sätze verwandelt und wollten damit vor seine Wähler treten? 

Was würden die Gläubigen ihrem Geistlichen sagen, würde er dasselbe Pathos in seine Predigen einbauen, das Anton Christian in seinen Bildern anwendet?   

Natürlich soll und darf Kunst immer noch mehr als Politik und Religion, aber die rhetorischen Fragen verdeutlichen, wie sehr der Künstler das Drama der menschlichen Existenz bis zur Karikatur überhöht hat.

Schauen wir uns die künstlerischen Mittel an, so erkennen wir: Der Maler hat die Skala der malerischen Mittel auf Glanzlichter und eine klebrige dunkle Tiefe beschränkt ( bzw. deren Umkehrung und Variation in rot). Die dazwischen liegenden Mittel der Malerei, wenn sie als Halbtöne eingesetzt werden, unterliegen immer diesem Wechselbad der Gefühle, ausgelöst durch den flirrenden Kontrast irrlichternder Helle zu unergründlichem Dunkel ( oder deren Umkehrung)! 

Diese seine Art der Kombination von Helligkeit und Dunkelheit ergibt zusammengenommen eine Wasseroberfläche. Eine Thematik, der Anton Christian sich immer wieder zu nähern sucht, so als ob er immer und immer wieder den Tod der Ophelia von John Everett Millais wiederbeleben wolle.

Die Komposition der Bilder wie der Skulpturen ( in denen er sich an Walter Pichler orientierte) sind meist symmetrisch und hierarchisch aufgebaut, wodurch – im Gegensatz zum Bildinhalt – Autorität und Absolutheit suggeriert wird, ähnlich wie bei Altarbildern und Monumenten.

Die Beobachtung der malerischen Mittel könnte uns dazu führen anzunehmen, hier kommt es gar nicht auf den Schmerz, oder auf das Leiden an sondern eher darauf an uns zu zeigen wie Leiden, Schmerz und Angst inszeniert wird. 

Mit diesen theatralischen Gesten erzeugt er aber genau das Gegenteil von Nähe zu diesen emotionalen Thematiken:  Er erzeugt Ekel! 

Seine Staffagen und sentimentalen Auslegungen schieben sich wie abwehrende Ideologien zwischen den Betrachter und die Realität, auf die die Bilder zu verweisen suchen.

Ähnliches tut die politische Rhetorik, tut der Journalismus,  will er von tiefgreifende Problemen ablenken. Er stellt mitfühlende, sentimentale Ereignisse in den Vordergrund, um vom Wesentlichen abzulenken, was wir oft als abstoßend und aufdringlich erleben!

Solche Bilder überdecken – ähnlich wie das Kunstmärchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“ von Hans Christian Andersen oder die „Bettelnden Kinder“ eines Bartolomé Esteban Murillo – mit ungeheurem Pathos ihre eigentliche Thematik! 

Leider meint aber der Künstler ganz naiv, es ginge ihm wirklich ums Leiden, den Schmerz und das Schicksal des Menschen, der in seinen Körper hinein gezwungen seinem Schicksal ausgesetzt sei.

Ja, Anton Christian ist ein Bildgläubiger, der ganz ehrlich davon ausgeht, dass er die Themen seiner Bilder best möglich erfasst und uns möglichst drastisch näher zu bringen sucht!

Dabei wiederholt er immer und immer wieder dasselbe: Köpfe, Figuren, Bildkompositionen, Hände … alles gerinnt zum selben Schema, alles unterscheidet sich nicht wesentlich.. alles ist wie ein unendlicher Zopf, an dem der Künstler unentwegt weiter knotet!

Sind die immer wieder vorkommenden Zwillingspaare (wie auf dem Plakat der Ausstellung) wirklich solche, deren Reitz sich in dem Spiel von Ähnlichkeit und Differenz auslebt?  

Oder sind diese Zweier- und Dreierfiguren im Werk von Anton Christian nicht eher der Ausdruck einer malerischen Manie, der immer alles zum selben gerinnt? 

Bei all der kritischen Deutung hier ist die Konsequenz und  Hartnäckigkeit, die Toni Kirchmayr seit Jahrzehnten an den Tag legt aber genau das, was unser Interesse wachhält und uns Respekt abverlangt, auch wenn uns seine Thematiken und seine Bilder längst zum Hals raushängen.
GL

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