Kommentar zur „neuen Normalität“. https://www.carl-auer.de/magazin/das-anhalten-der-welt/neue-normalitaet-der-systeme

Wenn Dr. Christian Drosten eines Morgens wieder einmal am Bildschirm erscheint, als wäre er gerade aus seinem Schlafsack im Robert Koch Institut gekrochen, unfrisiert mit dunklen Augenrädern und uns seine Sorgen, die ihn umtreiben, bekannt gibt, ganz Afrika sei gefährdet und dies nachmittags mit der Bemerkung ergänzt „so arg kann es nicht kommen, herrschen dort doch hohe Temperaturen“, dann haben wir es mit einem Wissenschaftler zu tun, dem keine Zeit gelassen wird, seine Thesen zu überprüfen. So gefordert kann er nur Banalitäten von sich geben, wie Sie und ich, Steffen Roth, Fritz B. Simon und Heiko Kleve es genauso tun, stehen sie unter Zeitdruck.

Um zur Normalität zu kommen, stellt sich die Frage, den Ausnahmezustand, in den wir durch Corvid 19 versetzt wurden, sich zu vergegenwärtigen.

Schauen wir nach Peru, wo das Militär mit Schießbefehl die staatlichen Maßnahmen zu Corona durchsetzt, so wird deutlich wie der Virus uns, wie von außen bedroht und alle Kriegsrethorik der Bekämpfung des Virus keine sprachliche Fehlleistung ist, sondern die Sprechweise, die der äußeren Bedrohung des Sozialen gerecht wird.

Als hätte eine fremde Macht die Herrschaft im Land übernommen oder als wären wir plötzlich in einem ganz anderem Land aufgewacht, so erschien uns die Situation, als wir in Österreich vor den Bildschirmen saßen und unseren Kanzler Kurz Worte sagen hörten, die er sich selbst zwei Tage zuvor nicht zugetraut hätte.

In diesem fremden Land sind alle Gewohnheiten, die wir ohne nachzudenken täglich ausführen, plötzlich anders!

Wir sollten den Kontakt mit anderen möglichst ( sonst setzt es Strafen!) meiden, das Haus nur zu nötigsten Einkäufen verlassen, Verwandte, Geliebte, Enkel, Nachbaren nicht mehr sehen, nicht spazieren gehen ( nur mit dem Hunde Gassi gehen), Masken tragen……all diese völlig erniedrigenden Sachen tun und still sein!

Was sind die Folgen, wenn alle Handlungen, jedes Reiben am Auge, die rinnende Nase, ein Hustenreiz, Einsamkeit, Angst vor Ansteckung und vor der Beobachtung der andere das ganze Leben – wie von außen – beherrscht?

Wenn man sich gegen des Eindrucks, in einem nicht enden wollenden Film zu befinden, nicht mehr entkommt und die Türen zum Ausgang verschlossen bleiben, was macht man da?

Die Angst, den Disziplinierungsmassnahmen nicht entsprechen zu können, die Situation nicht zu ertragen, die Bedrohung nicht richtig einschätzen zu können, ist weitaus größer als die Angst, an den Folgen von Corvid 19 zu sterben.

Wenn alle den Alltag bestimmenden sozialen Verbindlichkeiten von einer Minute auf die andere aufgekündigt sind, rückt die Sinnfrage schlagartig ins Zentrum aller Aufmerksamkeit, denn Sinn bzw. Unsinn ist ja der Horizont all unseres Tuns.

Im Normalfall müssen wir den Sinn des Schnäuzens in der Öffentlichkeit nicht allzu fokussieren, aber jetzt wurde ein leichtes Wischen über die Augen schon beobachtet, das einkaufen gehen und der Weg, den man dabei einschlägt , wird beobachtet! Wenn nicht von anderen, dann von Dir selbst, mit geschärftem Blick.

Die Frage, wie lange wird das alles dauern, haben das die Regierungen, die Fachleute, die Nachbaren und Mitmenschen die Gefahren richtig eingeschätzt, schätzen sie diese gerade richtig ein?

Bei all diesen Fragen läuft immer die Frage mit, ist der Sinn sinnvoll?

Eine Frage, die wir uns im Normalen nicht stellen müssen, da die Abschätzung der Folgen unserer Handlungen im Alltag auf wenige überschaubare Möglichkeiten beschränkt bleiben.

In der Coronakrise war aber nichts mehr abschätzbar und so stieg uns der Pegel der Sinnsuche bis über den Hals, schnürte uns die Kehle ab und bereitete uns mehr Atembeschwerden als eine normale Grippe!

Eine bis zum Wahnsinn, bis zur betäubenden Unterhaltung gesteigerte Sinnsuche war immer schon die soziale Reaktion auf außerterristische Bedrohungen, wie die Pest und die Pandemie, zu der sich der Schwarze Tod in der Gegenwart gewandelt hat.

Peter Sloterdijk führte uns in dem 2009 exzellent formuliertem Essays „Du mußt dein Leben ändern“ (Untertitel: Über Anthropotechnik) vor Augen, wie die Vergänglichkeit des Körpers angesichts einer Skulptur von Rodin in den Focus rückt, oder bei der das Leben bedrohenden Pest.

Hieronymus Bosch führt uns in dem Triptychon „der Heuwagen“ anschaulich vor, wie die Pest alle gesellschaftlichen Kategorien ins Wanken brachte, wie durch das Aussetzen der gesellschaftlichen Normalität die Gier, einen Teil von der plötzlich zugänglich geworden Heuhaufen ( 175 Milliarden und noch viel viel viel mehr!) abzubekommen alle gesellschaftlichen Normen außer Kraft setzt.

Mal sehen, wie sich die Zeiten geändert haben und unsere Institutionen diese Heupakete zugänglich machen. Eines ist wie damals klar:

„Das Virus macht uns nicht gleich!“, wie dessen Universalität vermuten ließe: Nein!

Es verstärkt die schichtspezifischen Unterschiede und die Systemunterschiede in den verschiedenen Nationalitäten ungeheuer!

Der sich eröffnende Weltgeist, die Weltgesellschaft gerät, wie schon zur Zeit des Kolonialismus, in ihren Widerspruch. Eine universale Sprache in unterschiedliche Regionen, Kulturen, Sprachen übersetzt und verkehrt sich in ihr Gegenteil, bzw. das Positive wird diabolisiert:

Das gleichen Recht auf Leben wird notwendig, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, wenn nötig mit Schusswaffen, körperlicher Gewalt und Folter durchgesetzt !

Unser Kollege Peter Sloterdijk führte uns vor, wie in dem Sinn-Vakuum im Anschluss an die Pest die gute und die schlechte Nachricht ihre Leuchtraketen in den westlichen Kulturhimmel steigen ließen: Vom „Decameron“ (1348–1353, dt. um 1473, zur Zeit der großen Pest von Florenz 1348.) über Madame Bovary und Strindberg bis zu Niklas Luhmann, der sein Wissen über „das System Liebe“ vorwiegend aus diesen Nachrichten bezog.

Der niederländische Maler, wie der philosophische Poet Sloterdijk machen deutlich, dass das zurück zur Normalität so aussehen mag, wie auch Steffen Roth sagt, die Tiefe des sozialen Bebens wir aber erst viel später bemerkt werden.

Normalität ist die Normalität eines geordneten Nicht-Hinterfragens von Sinn.

Auch wenn der SRF Medienclub den Journalismus befragte, wie dieser in der Coronakrise seiner Aufgabe nachgekommen war und dabei sich selbst ein gutes Zeugnis ausstellte

(https://www.srf.ch/programm/tv/sendung/P424115219527_T346264878812 )

muss festgestellt werden, dass zumindest die öffentlich rechtlichen Anstalten in den ersten Wochen der Krise völlig versagt haben und zu Propagandainstrumenten der Regierungen mutiert waren.

Die Kirchen als die traditionellen Organe der Sinnsuche haben aber ebenso versagt und büßen damit ihre moralische Autorität nun endgültig ein!

Und Wissenschaft, Philosophie und Kunst und die Familien und Freundschaften ?

Daniel – und Gerd Richter sind eben keine Hieronymus Boschs oder Max Beckmanns und von welchem Philosophen ( Bazon Brock ausgenommen ) hörten wir Erhellendes?

Die besten Noten müssen wir, auch wenn es schwerfällt, in Europa der Politik geben, hat sie doch angesichts wirrer Faktenlage entsprechend nüchtern gehandelt

Der Heuwagen ist ein Triptychon des niederländischen Malers Hieronymus Bosch (um 1450 – 1516). Das Werk existiert in zwei Versionen; eine hängt im Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial,die andere im Prado in Madrid

GL

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