Kommentar zum Artikel von Rudolf Stichweh : Simplification of social life. The corona pandemic and the functional differentiation of world society, June 2020

https://www.academia.edu/43262755/Simplification_of_social_life._The_corona_pandemic_and_the_functional_differentiation_of_world_society_June_2020

Simplification of social life. The corona pandemic and the functional differentiation of world society, June 2020

70/106 Öl auf Leinwand 2007 GL

Lieber Herr Stichweh!

Ihre Darstellung der Pandemie und deren sozialen Auswirkungen weltweit ähneln dem schönen aber politisch inkorrekten Kinderreim „Zehn kleine Negerlein…“, der auch unschuldig naiv wirkt, aber am Ende keine kleinen Negerlein überlässt!

So interessant Ihr Verständnis vom Individuum und der horizontalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft ist und für das Verständnis der Modernen Welt erhellend wirkt, so imperial und postkolonial könnte diese Erzählung erscheinen, wenden wir sie weltweit konkret an.

Wie Sie es beschrieben, so ist es: Nationale Politiker orientieren sich an internationalen wissenschaftlichen Ergebnissen und an den Maßnahmen anderer Staaten, die diese in der Coronakrise ergriffen haben. Wir in Europa orientierten uns zuerst an China, dann orientierte sich die weitere Welt an uns Europäern.

Dabei wurde aber auch deutlich, dass viele Staaten weltweit von dem Ideal einer horizontal ausdifferenzierten Gesellschaft weit entfernt sind, in der wir es uns leisten können, das Leben möglichst vieler Individuen zu schützen.

Es gibt in Indien, in Nigeria, in Argentinien, um nur einige ausgesuchte Beispiele zu nennen, eine deutliche Stratifikation, eben eine Klassengesellschaft, die sich bei der Maßnahme Ausgangssperre und Reiseverbot von ihrer krassesten Seite gezeigt hat!

Die wenigen Nachrichten aus diesen Ländern, die uns erreichen oder die sich hinter Statistiken verstecken, die so aussehen als würden wir deren Kurven mit Europa vergleichen können, deuten das Elend nur an, dem die Armenviertel und der Mittelstand in Argentinien, die Wanderarbeiter und die Parier in Indien und jene, die nur von der Hand in den Mund lebenden, Straßenhändler in Nigeria, ausgesetzt sind.

Natürlich wollen auch die Regierenden dort so handeln wie die Europäer, aber wenn bei uns Ausgangssperren mit Strafen bedroht werden, wird in Nigeria geschossen ( am Tag der Verkündigung 18 Tote!), greift in Argentinien die Polizei äußerst hart durch und in Indien werden zwei Stunden nach Bekanntgabe der Ausgangsbeschränkung alle Einkaufszentren geschlossen!

Wie meist in solchen Krisen wird uns erst, wenn überhaupt, im Nachhinein deutlich, welche Dynamik oder wie Sie sagen, wie die Systeme „into motion and challenged“ ( Zitat aus dem Artikel) versetzt werden.

So gelesen wandelt sich die idealistische Leseart Ihres Textes in eine diagnostische :

Ordnet sich eine Regierung dem „europäischen“ Ideal, „das Leben so vieler als möglich Individuen schützen zu wollen“ unter und verhält sich danach, wird deutlich, ob es sich dabei um eine Gesellschaft handelt, die soweit ausdifferenziert ist, dass sie sich so ein Ideal überhaupt leisten kann.

Die eigenartig verdrehte postkoloniale Geste der Machthaber dieser Länder deutet aber darauf hin, dass diese auf Gedeih und Verderben mit zur modernen Weltgemeinschaft zählen wollen, ob das passt ( die ausdifferenziertheit der sozialen Strukturen, das Gesundheitswesen, die Zahl der Tests usw. ) oder nicht, ist dabei völlig egal!

Wenn der Existenzkampf um das tägliche Brot alles ist, rückt für die Menschen der Länder, die Möglichkeit an Corona zu erkranken oder sogar zu sterben in weite Ferne, besonders wenn, wie in Nigeria, gerade das Lassafieber 161 Menschen das Leben gekostet hat, mehr als das Zehnfache der bekannt gewordenen Opfer, die Corona gefordert hat.

Aber mit Lassafieber kann man zurzeit halt weniger internationale Aufmerksamkeit erhalten als über Coronatote!

Der Aufmerksamkeitsfokus gehört eben auch zu den wesentlichen Gewinnern auf den Märkten der weltweiten Pandemie!

GL

2 Kommentare zu „Kommentar zum Artikel von Rudolf Stichweh : Simplification of social life. The corona pandemic and the functional differentiation of world society, June 2020“

  1. Lieber Herr Lierschof, die Geschichte mit den ‚Negerlein‘ passt eigentlich nicht so gut, weil in dieser Geschichte am Ende alle sterben, während es in meiner ‚Geschichte‘ darum ging, dass der Gesichtspunkt, dass möglichst wenige sterben, eine gesellschaftsgeschichtlich überraschend große Bedeutung erlangt. Aber konkret zu meiner ‚Geschichte‘. Die Zeitung, die den kleinen Text gedruckt hat, auf den Sie sich beziehen, hatte mich am 13. März angesprochen und um einen Text über Corona und Differenzierung gebeten. Ich war an diesem Tag in Luzern und habe den ganzen Tag in der Universität unterrichtet. Am Abend des Tages erhielt ich eine email, das Universitätsgebäude werde sofort geschlossen und der für den nächsten Tag geplante Unterricht könne nicht stattfinden. Ich bin am nächsten Tag nach Deutschland zurückgeflogen und habe mich in die an diesem Tag verkündete vierzehntägige Quarantaine begeben. In den nächsten vierzehn Tagen habe ich eigentlich nur meinen Wohnort im Bonner Süden, die ausgestorbene Stadt und das Universitätsklinikum auf dem Bonner Venusberg (wo ich regelmässig etwas zu erledigen hatte) gesehen – und ich habe Zeitungsartikel über sieben oder acht asiatische Länder und neun oder zehn europäisch-atlantische Länder gelesen. Über die anderen 180 Länder gab es in diesen Tagen noch nichts. Am 1. oder 2. April habe ich den kleinen Text geschrieben, der eher eine analytische Folie bietet, als dass er das gesellschaftliche Geschehen detailliert beschreibt. Heute, zweieinhalb Monate später, ist nicht nur die Pandemie vorangeschritten, sondern wir haben auch Tausende von naturwissenschaftlichen Publikationen und Preprints und mindestens Hunderte von sozialwissenschaftlichen Publikationen und Preprints zur Pandemie. Jetzt wissen wir auch etwas über die anderen 180 Länder. Und an diesem Material könnte man jetzt testen, ob die analytische Folie, mit der ich experimentiert habe, noch einen erkenntnisanregenden Effekt hat. Wenn ich in den nächsten Monaten eine Gelegenheit finde, werde ich das tun. Aber ich kann es nicht versprechen. Der Reiz ist an sich groß, die Zeit, wie immer, knapp. Eines, da bin ich mir ziemlich sicher, würde aber auch dieser Test ergeben: Dass diese in meinem Text noch fehlenden 180 Länder, bei allen extrem interessanten Komplikationen der Sozialstrukturen und der Schichten und der Kasten ein Teil der funktional differenzierten Weltgesellschaft sind. Mit den besten Grüßen, Rudolf Stichweh

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