Zu Birger Priddat „ Das Verschwinden der Wirtschaft in der Corona-Krise“ im Carl-Auer Verlag

https://www.carl-auer.de/magazin/das-anhalten-der-welt/die-neuen-symbiosen-oder-die-systemischen-esel

Zu Birger Priddat „Das Verschwinden der Wirtschaft in der Corona-Krise“.

Anmerkungen zu den Beiträgen von Fritz B. Simon und Steffen Roth.

Es ist schön Ihnen, Herr Priddat, in Ihrer Beschreibung der ökonomischen Verfassung des Einzelnen und des Familienhaushaltes in unserer Gegenwart zu folgen. Wie Privatpersonen zu Kleinunternehmen wurden, die Kredite aufnehmen, was ehemals nur Großunternehmer taten.

Interessant, wie Sie den philosophisch altbewährten Begriff der Sorge um sich selbst, der epimeleia heautou , dessen Genese uns Michael Foucault in „Hermeneutik des Subjekts“ (2009) so eindrucksvoll vorführte, auf die Gegenwart anwenden.

Sie bedauern, wie die Eigenschaft, der privaten Haushaltsführung ökonomisch zu denken, gegenwärtig weitgehend in die Hände des Staates gelegt wurde.

Corona sollte uns, dem Einzelnen, lehren, mehr für die Zukunft vorzusorgen, um sich in absehbaren Krisen nicht zu sehr vom Staat abhängig zu machen, so Ihr Credo!

Dass Systemtheoretiker wie Simon und Roth in diese „alteuropäische Sicht“ einhaken, war absehbar, fokussieren sie doch eher auf Strukturen und Systemfunktionen.

Der Luhmannsprech täuscht aber nicht darüber hinweg, dass es sich bei Fritz B. Simon eher um eine konservativ abwartende Haltung handelt, als um systemtheoretische Zwingendes, wenn behauptet wird, die Regierungen hätten mit ihren Maßnahmen „sauber“ gehandelt und wir können erst im Nachhinein übersehen, welche Auswirkung die Pandemie haben wird.

Politisch können die Maßnahmen einer Regierung richtig und notwendig sein, es können sich auch unweigerlich alle möglichen Interessen daran anhängen, wie Steffen Roth betont hat, und trotzdem können diese aus soziologischer Sicht Auswirkungen haben, die weit über den Zweck hinaus wirken, zu dem sie getroffen wurden.

Diese unbeabsichtigten Auswirkungen können, ohne Wahrsagerei, aus geschichtlichen Erfahrungen eingesehen werden.

Maßnahmen wie: Mundschutz, Ausgangsverbot, Abstand halten und sind allesamt körperliche Maßnahmen und wirken auf die Menschen nicht nur hygienisch, sondern auch körperlich disziplinierend.

Welche Wirkungen das auf uns hat, wäre zu untersuchen. Michael Foucault hat in seinem Werk ausführliche Hinweise gegeben, wie Disziplinierung sich auf die ICH-Identitäten und damit auf das Soziale, auswirkt!

Zurück zum Verschwinden der Wirtschaft:

Der Hinweis von Fritz B. Simon auf die Ausdifferenzierung der Gesellschaft und dem Sozialstaat, der

die sozialen Aufgaben des Einzelnen weitgehend übernommen hat, ist so wie dargestellt. Dazu gehört aber auch der Wandel des Geldsystem:

Für die Generation von Herrn Priddat ( 1950) und mir (1948) war es noch selbstverständlich zu sparen, Rücklagen zu bilden und nicht von der Hand in den Mund zu leben und sogar, wenn fast nichts da war, legt man für den Notfall etwas zur Seite.

Diese Haltung wurde auch von den Banken unterstützt, wie der Weltspartag zeigte, an dem die Schüler ihre Sparbüchsen brav dem Bankbeamten brachten, der in die Schule gekommen war.

Bei einer Nullzins-, ja sogar Minuszinspolitik ist von Sparen keine Rede mehr, das „Voraus“ des Kreditwesens hat den Einzelnen und dessen Ökonomie eingeholt: Ausgeben des Geldes kommt vor Einnehmen und Sparen!

Diesen, unserer Konsumkultur zuzuschreibenden Richtungswechsel im Geldfluss – vom Konsum zur Produktion – ( während vorher der Fluss von der Produktion zum Konsum verlief) können wir nicht mehr umdrehen!

Moralisch ist die Umkehr des Geldflusses nichts entgegenzusetzen: Der Aufruf, „sorgt Euch um eure wirtschaftliche Existenz“, kann nur ungehört bleiben,

denn strukturell ist das Geld heute ein anderes wie 1950. Positivzinsen liegen in unabsehbarer Ferne, sogar bei einem totalen Neuanfang des Geldwesens würde es nicht zu Positivzinsen kommen können ( müsste genauer begründet werden) !

Das scheinbar negative, dass Menschen nichts mehr sparen, weist auf etwas Positives hin ( auf die Entkoppelung von Geld und Arbeit), das sich aber noch nicht durchsetzen konnte!

Noch etwas zur Normalität:

Normalität ist scheinbar das, worauf das Soziale hinausläuft, anders gesagt, das Soziale reduziert Komplexität in einem Maße, dass das Leben erträglich und lebenswert macht.

In der Ökonomie, der Wissenschaft, Bildung, in Freundschaften, Beziehungen, im Recht und so weiter.

Ausnahmezustände sind per se nicht normal, aber darauf sind unsere sozialen Einrichtungen vorbereitet, oder eben nicht. Es gibt sozusagen in der Ausnahme auch ein Normal.

Von der Feuerwehr, Polizei, Sozialeinrichtungen, Versicherungen, eigenen Wissenschaften, den Banken und Finanzsystemen, wie Futurs und Optionen, gehören auch das Militär zu jenen Einrichtungen die das Normale in der Ausnahme garantieren sollten.

Ob eine Ausnahme aus dem Ruder gerät, hängt davon ab, wieweit diese Einrichtung ihre Arbeit gemacht hat und auf jede Eventualität, auf das Verhältnis Gefahr oder Risiko vorbereitet ist.

(Siehe: „Corona XVII: Die Individualisierung des Risikos“ Dirk Baecker, https://kure.hypotheses.org/934).

GL

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