Tagungsprotokoll zum 90sten von Niklas Luhmann am 08/09.12.2017 – eine systemische Satire!

Tagung zu Luhmanns 90. Geburtstag, am 08.09.12.2017

Was kann es denn Öderes geben?

Das auch noch in Bielefeld, bei stürmischem Schneewehen, permanent nassen Füßen und gealterten Professoren mit deren fachgerechten Fußnoten-Nagel-Beschau.

Eine Dame war auch noch ausfindig gemacht worden mit dem wunderbaren Namen: Elena Esposito! Diese wurde eingeflogen, damit diese Männer-Leistungs-Schau nicht allzu einseitig über die Bühne gebracht werden musste.

Sie sprach dann – wie könnte es passender sein – über die „Lebenswelt“, wofür ja üblicherweise Frauen in unserer Welt zuständig sind.

Ich will es mal so ausdrücken:

Diese Tagung, diesen Zoo voller komischer Vögel, meist mit männlicher Befiederung zu beobachten und deren Verhalten zu studieren, war die eigentliche „Einführung in die Systemtheorie der Gesellschaft“, das Buch, um das es vordergründig bei dieser Veranstaltung ging.

Diese Luhmann-Spezies vorgeführt zu bekommen war weit aufschlussreicher als alles, was diese fachlich von sich zu geben hatten.

Denn im Fachlichen blieben diese komischen Vögel meistens weit hinter dem zurück, was Aussehen und Auftreten der Einzelnen an inhaltlichen Beiträgen erwarten ließ.

Der Zeichner, der von Joseph Beuys und Bazon Brock vor Jahrzehnten unter die Fittiche genommen worden war, dachte bei der Dürftigkeit der medialen Zauberkiste die ihm in der akademischen Wüstenei in Bielefeld begegnete:

Das kann doch nicht sein! Geht da niemand in Ausstellungen, schaut Theaterstücke, Filme an, liest Literatur, hört Dichtung und lässt sich von der Gestaltungsvielfalt der Gegenwartskunst anregen?

In ihren rhetorischen Fähigkeiten vermittelten die Vortragenden meist das Können und den Scharm von akademischen Kanalarbeitern, die sich vorwiegend mit Textapparaturen und deren Fussnoten-Pediküre zu beschäftigen haben!

Bei einem Vortragenden mutierte das Publikum sogar zur Kartoffel, die kurz vor dem Austreiben – wohlgemerkt, nicht vor dem Keimen – stand.

Jetzt muss ich ihnen aber schon was erzählen: Gleich zu Beginn der Tagung, ich traute meinen Augen nicht, da stakte doch in der Tagung ein Mann mittleren Alters herum, mit stramm sitzendem Sakko, einem dunkles T-Shirt mit V-Ausschnitt, locker sitzender Chino und Tango-Schuhen, der jene erotische Ausstrahlung hatte, die gepaart mit etwas hilflosen Bewegungen im besonderen weibliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen vermag.

Sie werden es nicht glauben, aber ich begann mir ernsthaft zu überlegen, ob so jemand an einer Uni als Professor überhaupt geduldet werden darf?

Beim zweiten Hinsehen bemerkte ich dann, dass er schon etwas „dahaut“ (österreichischer Ausdruck) aussieht, was aber seine erotische Wirkung in keiner Weise beschädigt, im Gegenteil!

Paolo Contis Stimme müsste eigentlich per Dekret verboten werden, aber der Stimme dieses Professors, der kann man, frau doch nur verfallen? Sie spricht so sanft wie die Stimme eines Hypnotiseurs. Ganz gleich, was sie sagt, wir glauben es ihr!

Und wir verzeihen ihr auch sofort so unmögliche Wortschöpfungen wie: die „ebenenspezifische Typologie pluralen Einschachtelungsdenkens“.

Begriffskonstruktionen, wie wir sie ja zur Genüge von Luhmann her kennen, fanden sich in der Stimme, aber auch die Eigenart, nach ausführlicher Abstraktion unmögliche Beispiele anzuführen, hatte sie vom Meister erlernt.

Aber diese Ebene wechseln wir jetzt ganz schnell!

Unter den Vortragenden war offensichtlich auch ein Pastor geladen, der für Ordnung zu sorgen hatte, die er mit seinem schwarzen Rollkragenpullover auch artig erledigte. Das Thema der „Konkurrenz“ kam dann auch ganz brav rüber….!

Weiters war zum Thema der „ Funktionalen Differenzierung unter Ökonomisierungsdruck“ der Musketier Comte d’Artagnan aus einem Mantel-und-Degen-Filme zugezogen worden, der uns mit seinen für ihn typischen Ausfallbewegungen von der Knappheit des Geldes sprach.

Wobei unser Musketier, den immensen Geldüberschuss, der heute die Realwirtschaft gefährdet, unterm Mantel versteckt hielt.

Uns aber auch auf Konvertibilitätssperren, im Geld, wie in der Liebe aufmerksam machte!

Als ob der „Jakob“ aus „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann auferstanden wäre, stand dann der gewaltige Hartmann Tyrell vor uns. Ein schon sehr von den vielen Jahren in der akademischen Wüste arg runzeliger Jakob, dem dann auch noch – passender könnte es nicht sein – die Aufgabe zukam, über die „Bürgerliche Familie“ zu sprechen, was er dann auch, darauf bedacht, jedes Zitat säuberlich zu trennen, ausführte.

Verwundert hörte ich von diesem Khan – das war meine zweite Assoziation zu seiner eindrücklichen Erscheinung – wie der Text ihm die Wildheit des Steppenreiters genommen hatte und ihm akribisches Zaumzeug angelegt worden war.

( Das Gremium, das die Auswahl der Vortragenden traf, kann nur gelobt werden. Wie sie dieses Zusammenspiel von Typ und Thema bravourös bewältig haben!)

Bei einer Versammlung von Soziologen muss es dann auch die eine oder andere Prophetie geben. Was den anderen nicht so ganz gelingen mochte, beherrscht Dirk Baecker ja immer meisterlich.

Es gelang ihm im weiteren auch noch die Systemtheorie wie einen Selbstmordanschlag darzustellen, wie eine sich selbst zerstörende Theorie.

Über blieb dann der aus einer Parfümerie stammende Begriff des Fluidums, den Baecker uns mit streng abgezirkelten Handbewegungen zuzufächeln suchte.

Eindrücklich bleibt hier zu vermerken, auch andere aus der ersten Reihe der Luhmannianer verfügen über eine ganz besonders angenehme Stimme, der wir gerne zugehören!

Unverkennbar ist die in hohen Lagen sich bewegende Stimme von Rudolf Stichweh, die bei Erregtheit noch eine Lage höher gerät, ansonsten aber in der mittleren Lage des alles erklärenden guten Vaters sich auszubreiten sucht.

Sie wird nie streng, meidet alle Absolutheit und legt im Vortrag die einzelnen Aspekte des Sachverhaltes dem Zuhörer so aus, dass dieser daraus selbst sich weitere Schlussfolgerungen erarbeiten mag. Hier sind Erkenntnisse der Systemtheorie in die Form der Darstellung eingeflossen, damit ist sie Kunst geworden!

Stichweh fällt mit Dirk Baecker und Boris Holzer sofern aus der Reihe der Vortragenden heraus, legten diese drei ihre Vorträge auch auf den Zuhörer hin an und sprechen nicht, wie in Bücher hinein.

Einige der Vortragenden hatten zu Beginn für das Ende ihrer Rede kritische Anmerkungen zur Gesellschaftstheorie von Luhmann angekündigt. Dass aber der ganze Vortrag von der anfänglichen Anmerkung durchsetzt war, konnte dann auch mit ausführlicher Luhmann-Exegese nicht verschattet werden.

Nach einem besonders krassen Beispiel der Art kam ich in der Pause mit der Tochter von Niklas Luhmann ins Gespräch, die mit Bedauern feststellte: „Bei dem einen und anderen Vortragenden höre ich Wertungen, die mein Vater so nie gesagt hätte.

Dieser Satz hatte sich mir eingeprägt.

Was würde sie erst zu meinen gezeichneten wie geschriebenen Kommentaren sagen, die ja wirklich böse ausfallen können?

Einer der Redner saß hinter mir und sah dem offiziellen, inoffiziellen Tagungs-Zeichner über die Schulter. Die Zeichnungen interessierten ihn meist mehr als die gesprochenen Texte der anderen Redner. Sein Gesicht war mir aufgefallen: Es hatte etwas von einem traurig-lustigen Clown, dem die Chuzpe aus allen Poren schaute.

So trat er hier auch als Jakobiner auf, der dem Luhmann doch nochmal ans Herz legen wollte, die Klassengesellschaft nicht ganz zu vernachlässigen und nicht ausschließlich auf die funktionale Differenz der Modernen Gesellschaft zu setzen!

Herr Holzer muss unbedingt hier genannt werden, ist er doch der Argonautiker, der von seiner Kunst der Kybernetik – der Steuerkunst – erzählte und uns dabei angenehm durch die Weltgesellschaft navigierte.

So nicht, meinte der Herr Professor dann zu meiner Schiffs-Taufe!

Oh je, dachte ich, Marco Polo, war doch über Land unterwegs gewesen…..?

Aber, dass die Segel mit Texten bedruckt waren, ob er das bemerkt hatte ?

Versuche ich abschließend diese Schar Aller-Heiligen zu überblicken, diesen Zoo von komischen Vögeln – und was sich da erst noch im Publikum an Typen tummelte, sie glauben es kaum, Giacometti war auch dabei – so frage ich mich: Sagt das etwas über Luhmanns Theorie aus?

Ist es nicht eigenartig: Da formuliert zum Ende des 20sten Jahrhunderts jemand eine Theorie, die sich als Systemtheorie zu erkennen gibt und in der der Mensch ausgesprochen nicht vorkommt?

Dann geht man zu einer Veranstaltung, in der all jene sich treffen, die ihr Leben, zum größten Teil dieser Theorie gewidmet haben und man trifft eine solche Vielfalt von Menschen, die, so können sie sagen, doch überall so vielfältig vorkommen. Aber in so einer Ausprägung, in so einer Vielfältigkeit, solche Typen, dort, wo nur Systeme zu erwarten sind……?

Obwohl, es ist schon sehr auffallend, vorwiegend waren nur Männer da? Was vorschnell verkürzt aus dem Menschen einen Mann macht …….?

Aber wenn sich hier so eine Vielfalt an Männern zeigt – ist das nicht doch auch ein interessantes Ereignis?

So aus der Theorie von Luhmann ausgeschlossen kann der Mensch dann doch wieder nicht sein, wenn sich, zumindest der männlich gefiederte Teil der Menschheit, dort in solcher Vielfalt und Pracht tummelt!

GL

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