Heft 15 – Luhmann macht Sinn und verehrt Re, den Sonnengott

Heft 15 – Luhmann macht Sinn und verehrt Re, den Sonnengott
Eine kritische Betrachtung der Theorie von Luhmann führt zur Frage, wie all die Ungereimtheiten dieser Theoriekonstruktion einfach übersehen werden können. Oder ist Poesie kein wissenschaftliches Kriterium mehr für Wahrheit? Muss Wahrheit prosaisch nüchtern sein?

So bleibt mir nichts anderes über, als den Damen und Herrn Professoren, Studenten und den Lesern soziologischer Texte zu empfehlen, mehr Gedichte zu lesen und ausgiebig zu tanzen, damit sie in ihrer nächsten Inkarnation – wie und wann immer diese erfolgen wird –  aufhorchen. Wenn Ihnen dann eine Ungereimtheit wie „Anschlussfähigkeit“ und, „der Weltlauf beginnt in Beobachtung und Unterscheidung“ mit der Klarheit eines Abdeckers verkündet wird, Sie werden aufschreien!

Gerade mit der Behauptung, dass die bisherigen Ansätzen der Subjektphilosophie und ihrer Anwendung in der Soziologie nicht weiterführen, konnte Luhmann Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mit dem „objektivistischen“ Theorieansatz der Systemtheorie können hingegen gewohnte Denkwege umgangen und neue Sichtweisen eröffnet werden, so Luhmann.

Der sich damit ganz in der Tradition jener Moderne stellt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Hauptaufgabe darin sah, alle bisher gegangenen Wege zu verlassen, und bewußt, auch auf das Risiko hin, im Abgrund zu enden, andere, neue Wege einzuschlagen.

Auch der Faschismus und der Leninismus verstanden sich als Avantgardistische Bewegungen.

Wir wissen ja inzwischen, der Abstand zwischen abstrakter Kunst, Stalinismus und Faschismus ist nicht ganz so groß, wie er nach den zweiten Weltkrieg gerne gesehen wurde (2).

Im Abwenden von Traditionen ab1911 spielt gerade das, was Sinn genannt wird, eine entscheidende Rolle. Die Skepsis einem Sinn-Ganzen gegenüber, das als Weltanschauung und Religion Aussichten zu eröffnen scheint, aber uns letztlich nur im Kreis herumführt, ist das Projekt der Aufklärung und ihr Ergebnis.

Zu Beginn des ersten Weltkrieges war dann nicht mehr nur Intellektuellen klar, dass jene ablehnende Kraft der Moderne eine positive ist.

Luhmann behauptet eine neue Denkweise anzuwenden und lehnt auch die bisherigen alteuropäischen Traditionen, d.h. verbindliche Sinn-Ganzheiten, ab.

Kenntnisse, von dem was bisher Sinn war, sind in der Moderne nur soweit gefragt, um Sinn-Traditionen ablehnen zu können. Befindet man sich ja selbst gerade darin und erlebt deren Wirkung am eigenen Leib. Das Interesse, das zu Entfliehende zu analysieren, ist naturgemäß nicht allzu groß. Sinn wird nur als negative Größe erlebt, man will ihm entweichen!

Diese dadaistische Haltung ist bis heute verbindlich. Niklas Luhmann befindet sich somit in der Gruppe jener, die dem Philosophen Nietzsche auf dem Weg der Sinnentleerung folgten, der über die Kunst, bis zu Punk und Pop und zur heutigen Werbung und unserem Zeitgeist, führt.

Diese antithetische Haltung ist heute zum zynischen Kleister geworden, der unsere Alltags-Konsumkultur von der teuren, aber zerrissenen Jean bis zur Anti-Establishment-Kultur amerikanischer – dem Trump seinen Wahlsieg verdankt – und angelsächsischer Prägung – der zum Brexit führte – zusammenhält.

Der „sinnvolle Sinn, der sich auf die Selbstbeschreibung von psychischen und sozialen Systemen bezieht (S23), wird als sinnlos erlebt, gerade wegen der Selbstbeschreibung und dessen Systemcharakter.  

Regelmäßig spöttisch von alteuropäischer Denkweise zu sprechen und den Sinn-Begriff als Schlussbaustein seiner Sozialtheorie einzuführen, die sich als Angebot für einen neuen, sozialwissenschaftlichen Ansatz zu verstehen gibt, dazu gehört schon ein gehörige Frechheit.

Oder ist das eines jener Paradoxa die Luhmann, nach eigenen Aussagen, in jeden seiner Texte hinein schwindelt?

Offensichtlich ist: Der Sinn-Begriff wird von Luhmann benötigt, um den zentralen Wert der Kommunikation in seiner Konstruktion  – Kommunikation und das Soziale sind bei Luhmann identisch – aufrechtzuerhalten.

Würde Luhmann das Soziale und die Kommunikation nicht in eins setzen, bedürfte er des Sinns nicht, der im Sozialen ja auf ein Bewerten hinausläuft, wie uns Nietzsche eindrücklich klarzumachen suchte (3).

Luhmann hat Sinn als Medium eingeführt, so als wäre Sinn im Sozialen, ähnlich einem Text, lesbar.

Im Sozialen – wäre dieses nicht ausschließlich Kommunikation – hätte Sinn keinen Sinn. Erst im Nachhinein, aus Sicht der Geschichte, wird aus Sinnlosem Sinn. Im aktuellen Handeln, Sprechen, Erleiden kann wohl Sinn als Auswahlkriterium eingeführt werden, wie Luhmann das macht, aber auch der muss sich auf den Letzt-Sinn, in seinem Fall auf das Interesse am Systemerhalt, beziehen.  

Mir kommt aber vor, als ob nur die Konstruktion selbst des Sinns bedarf um zu funktionieren. Es schleicht sich bei mir der Verdacht ein, Luhmann macht aus einem nachträglich beobachteten Sinn, einen in der Aktualität entscheidend aktiven?

Es sollte aber immer bedacht werden, eine Leistung der Moderne ist es, den Schulhof der Sinn Entleerung geschaffen zu haben.

Wie bei vielen anderen von ihm eingeführten Begriffen (Beobachter, Unterscheidung, Kommunikation) gelingt es aber Luhmann auch beim Sinn, diesen absolut zu setzen. Die Negation von Sinn gäbe es nicht, da dies ja wiederum Sinn ergäbe und somit die Negation von Sinn Sinn? ist. So muss der Sinn dann letztlich im Paradoxon enden, wie Luhmann ganz offen zugibt.

Wieso führt er dann einen so abstrakten Begriff ein, wenn er ihn letztlich im Paradoxon selbst aufhebt? Da könnt er auch vom Geist oder von Gott sprechen, die hätten noch eher Substanz und würden am Ende nicht wie jedes Kapitel in Goethes Faust 2 mit einem Knall verpuffen?

Haben wir nicht schmerzlich gelernt mit Sinn umzugehen, indem wir ihn negieren? Haben wir nicht längst gelernt, sich  seiner Anmaßung zu widersetzen?

Haben wir Europäer die letzten hundert Jahre doch nichts anderes getan, als uns schmerzlich in Sinnlosigkeit einzuüben? Haben wir nicht gelernt den Zustand von Sinnlosigkeit mit Haltung zu ertragen und gelernt, diesen Zustand nicht sofort in Sinnhaftigkeit zu überführen wie,“ jede Krise hat auch ihr Gutes“, sondern die Offenheit der Sinn-Krise als etwas zu erleben, aus dem etwas anderes erwachsen wird, nur nicht Sinn?

Ja wir Europäer sind gegenüber den moralischen Implikationen von Sinn – wie Peter Sloterdijk sagen würde – schon einigermaßen immunisiert. Wir fallen nicht mehr gleich auf jedes Sinn-Versprechen herein, auch wenn es modernistisch verpackt ist.

Wieso muss in einer Sozialtheorie, die sich selbst als die Neueste darstellt, verbindlich der Zentralbegriff Sinn eingeführt werden?

Vermutlich wird bei Luhmann Sinn gebraucht, um der mathematischen Konstruktion von möglichen Handlungen und deren Selektion – eine Theorie, die angewandt auf die Wirklichkeit, sich sonst als bloßes Spiel erweist – um in dieses Spiel den Ernst der Wirklichkeit einzuführen. Das unendliche Spiel der Möglichkeiten muss mittels Sinn auf jene wenigen reduziert werden, die „anschlussfähig“ sind, die aktualisierbar sind, oder wie immer das heißen mag.

In die Sozial-Konstruktion Luhmanns muss Sinn als Bedeutung gebendes Element eingeführt werden, damit das mathematische Modell von Wirklichkeit an jene soziale Wirklichkeit angeglichen werden kann, in der nicht für alles und jedes ein Konsumregal aufgestellt werden kann, aus dem ich mir aussuchen kann, ob ich heute aufstehen will oder nicht, ob ich den Arbeitsvertrag ausführe oder nicht, ob ich sterblich bin oder vielleicht doch nicht, diesen oder jenen Mann heiraten will, ob ich Frau, Mann oder eines der anderen 16  Geschlechter bin, dieses Kind bekomme oder vielleicht doch ein anderes…?

Es wurde schon angedeutet, dass der zweite Begriff, der der Religion, der uns hier beschäftigen sollte, sich offensichtlich mit dem des Sinns leicht vereinigen lässt.

Auch der Pfarrer fängt uns immer schon mit der bedeutenden Frage, die wir uns selbst, so meint er, stellen sollten: „Was ist der Sinn des Lebens?“

Ich frage Sie auch etwas:

Wenn Sie, oder einer Ihrer Freunde, Familienmitglieder, Nachbarn oder Arbeitskolleginnen einen wirklich tiefgreifenden Schicksalsschlag erlebt hat, den Tod eines Kindes, die Nachricht einer unheilbaren Krankheit, den Verlust des Besitzes, einen psychischen Zusammenbruch usw.,  würde der sich um Rat an die Religion wenden?

In den allermeisten Fällen kann man mit:  „Nein!“ antworten.

Wieso fragt jemand wie Luhmann dann nach der sozialen Funktion der Religion, wenn sie keine mehr hat und wenn sie als Gesellschaft bildende Einheit nicht mehr existiert?

Ähnlich wie vom Sinn, haben wir uns auch der Religion entwöhnt und haben gelernt, ohne sie zu leben, das ist doch in Mitteleuropa Fakt, oder?

Religion gibt es in Form der Selbstbeschreibung der Kirchen als einheitliches Gebilde in der Gesellschaft, im Sozialen der westlichen Welt nicht mehr. Religion ist etwas abgesondertes, privates, gesellschaftlich Aufgesplittertes  geworden. Das kann man bedauern, aber es ist so!

Es gibt Religionen und Kirchen, die im Sozialen einen Platz einnehmen, ja, aber deren Wirkung ist im Sozialen äußerst begrenzt.

Das was Religionen waren und aus Sicht der Textquellen auch sind, sein könnten, wirkt aber trotzdem gewaltig in die Gegenwart herein.

Diese Wirkungen – sie wurde auch atavistisch genannt – sind aber heute im Sozialen in keiner Weise einheitlich  wahrzunehmen, weder funktional, noch symbolisch und von daher kann man das, was aus der Geschichte, aus der menschlich religiösen Natur, aus der Psyche, oder wie immer man das nennt und heute im Sozialen Wirkung zeigt, nicht als etwas einheitliches – als System – auffassen. Somit ist die Bezeichnung Religion für Erscheinungen der Art nicht mehr zutreffend.

Religion ist kein nennenswertes Funktionssystem der Gegenwartsgesellschaft mehr, aber dort wo die Funktionssysteme der Gesellschaft an ihre Grenzen stoßen, treten Handlungen, Rituale, Sprach und Sprechformen, Verhaltensweisen, psychische und somatische Krankheitsbilder auf, die Atavismen, die religiöse Wiedergänger genannt werden könnten.

Diese „Religioiden Bindungen“ (Georg Simmel/ Emil Durkheim) sind aber nicht als System zu fassen und schon gar nicht verfügen sie über Selbstbeschreibungen wie dies traditionelle Religionen tun.    

Luhmann beginnt das Buch über „Die Religion der Gesellschaft“ mit der Frage:

„Woran erkennen wir, diese Frage muss zuerst gestellt und beantwortet werden, dass es sich bei bestimmten sozialen Erscheinungen um Religion handelt?“(1)

Woran er das zu erkennen versucht und wie er das Verhältnis Sinn – Religion fasst, das wird uns in den nächsten Heften detaillierter beschäftigen müssen.

In diesem Heft wollte der launige Überzeichner auf jene gepflegte Sinnlosigkeit hinweisen, in der wir Zeitgenossen uns wie in einer uns gedeihlichen Atmosphäre bewegen und wir so Sinn als Auswahlkriterium möglicher Handlungen und Sätze desavouieren(4).

Die im Humor, in der Satire und im Zynismus der Professionellen- wie in der Alltags-Sprache gezielt eingesetzte Sinnlosigkeit ist ein nicht zu unterschätzendes Kapital der Moderne!

 

 (1) Das Kapitel „Die Sinnform Religion“ leitet das Buch „die Religion in der Gesellschaft“ ein, welches Niklas Luhmann nicht ganz fertigstellen konnte und das erst nach seinem Tod, herausgegeben von André Kieserling  erschien. ( Suhrkamp Taschenbuch/ Wissenschaft 1581) Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch.

 (2) Heiner Mühlemann  „Kunstkrieg“ Wilhelm Fink – Essay      2015

 (3) Friedrich Nietzsche „ Jenseits von Gut und Böse“ (1886)  Nietzsche – KSA5 / Deutscher Taschenbuchverlag de Gruyter

 (4) Wozu die Ontologie Heideggers, der Existenzialismus, wie die Erfahrung zweier Weltkriege und der Holocaust das ihre beitrugen.

 

Redaktionelle Anmerkung:

Dem Überzeichner passiert es manchmal, dass er vor Freude über seinen Schalk Texte, sobald sie hingeschrieben sind auf den Blog setzt, ohne dabei an seine Legasthenie zu denken, unter der Kinder oft bis ins hohe Alter leiden , deren Eltern ( meine Eltern sind Südtiroler ) die Muttersprache nie in der Schule erlernen durften.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s