Heft Xs – „Herrn Sommers Kunst der Möglichkeiten“ – eine Satire

 

Heft Xs – „Herrn Sommers Kunst der Möglichkeiten“ – eine Satire

„Magnifizenz, Honorabilis, Spectabilis, Mitglieder des Universitätsrates, des Senats ………“ begrüßt Professor Dr. Andreas Urs Sommer an der Freiburger Universität im Juli dieses Jahres die Anwesenden. Er ist ausersehen bei der Übergabe der Auszeichnungen den Festvortag zu halten und hat mit seiner Einleitung Kultur gezeigt, um die es ihm thematisch im Folgenden gehen wird.

Der Vortrag selbst könnte als Provinzposse übergangen werden, aber er ist in gekürzter Form auch in der NZZ erschienen und damit wird dem brav heruntergelesenen Referat weitgehendere Bedeutung zuzumessen sein.

In Luhmanns Schwarzen Heften wird hier darauf eingegangen, denn Professor Sommer hat, ohne ein einziges Mal Luhmann zu zitieren, gezeigt, er beherrscht Luhmanns Sprache und Denken in Möglichkeiten besser als viele andere, die sich darauf berufen.

Während Professor Nassehi als Kaberettist noch durchgehen könnte, wüsste das Publikum bei Professor Sommer nicht mal, wo es lachen sollte.

Die Tragikomik der Sache findet sich in folgendem Satz

– „Kultur ist das, womit Menschen sich in der Welt möglich machen; wodurch sie sich in der Welt möglich machen; wie sie sich in der Welt möglich machen.“ –

mit dem der Herr Professor seine Auffassung von Kulturphilosophie begründet, an dem er die nächsten Jahre in Freiburg arbeiten werde, so verkündet er uns.

Vorher zeigte er, im Stile eines Gymnasiasten, was unter Kultur bisher verstanden wurde: Der Kulturbegriff lief in seiner Beschreibung letztlich auf einen Negativismus im Stile Hans Sedlmayrs hinaus.

Würde der zentrale Satz nur auf die Gegenwart angewendet werden, könnte er ja noch durchgehen und Sommer könnte uns zeigen, was er dann auch tun wird, wie wir mit der „Vielfalt kultureller Modi“ umgehen und daraus unsere Lehren ziehen können.

Aber was macht unser Held daraus, eine universale über alle geschichtlichen Zeiten hin gültige Aussage!

Würde er nur über unsere Zeit etwas aussagen wollen, was wäre er mehr als ein normaler Zeitungsschreiberling? Aber dem Professor für Kulturphilosophie in Freiburg dem gebühren Sätze, die die ganze Menschheit umspannen, die die Anfänge wie die Gegenwart abdecken.

Die Universität Freiburg wurde ja 1455 von Erzherzogs Albrecht VI. von Österreich mit der Begründung inauguriert, um von allen Enden der Welt die Weisheit nach Freiburg strömen zu lassen, damit diese von dort aus der ganzen Menschheit zufließe.

Schauen wir uns den Satz genauer an: „Kultur ist das, womit, wodurch, wie Menschen sich in der Welt möglich machen.“

„Menschen machen sich in der Welt möglich“?

Bitte, wie soll das gehen?

Sie werden dadurch nicht Menschen, sondern machen durch Kultur ihr Menschsein möglich?

Die Welt ist da und dann kommt der Mensch, der noch keiner ist, aber als nicht vorhandener sich möglich macht und das durch Kultur?

Womit, wodurch und wie macht er sich in der Welt möglich?

Durch seine Werkzeuge, Gerätschaften, eben durch das „Zeug“ und durch Sprache, wie uns der Professor sogleich einleuchtend aufklärt.

Dadurch macht sich der Mensch möglich und die Gerätschaften, Werkzeuge und die Sprache gehören zu seinen Möglichkeiten.

Bitte wählen Sie zwischen Kirgisisch, Hang oder How, Ting oder Tang und Sie werden Mensch in der Welt!

Nicht zu sprechen, steht auch zur Wahl!

Wie weiß ich aber von dieser Welt, bevor ich sie Welt nannte?

Was weiß ich vom Menschen bevor wir ihn so nannten?

Ich setze ihn einfach voraus und dann entsteht er, sobald ich mir aus den vielfältigen Möglichkeiten eine, die mir passt, ausgesucht habe?

Es könnte auch sein, das ein Etwas aus den Möglichkeiten aussucht. Dieses große Andere ist in der vorliegenden Konstruktion aber auch möglichkeitsabhängig, und man kann nicht einfach Wirklichkeit, Erde, Stein, Knochen oder den Herzschlag daraus machen.

Gott dürfte dann auch nur zwischen Möglichkeiten wählen.

Müsste es nicht umgekehrt heißen, die Menschen machen sich eine Welt, in der es auch Möglichkeiten gibt?

Obwohl, klüger wäre schön der Satz: Er baut sich eine Welt, die ihn möglich macht! Aber auch hier kommen wir dem Verdikt der Möglichkeit nicht aus!

Es könnte dann ja auch heißen, der Mensch ist unmöglich, was uns ja oft unvermittelt so rausrutscht!

Nein, für unseren rothaarig, leicht bärtigen Helden, der irgendwann in alten Zeiten als irischer Finn mit seiner Fianna ausritt, um die Welt zu retten und sich heute nur noch dunkel daran erinnert, gibt es zuallererst nur Möglichkeiten und indem der Mensch sie ergreift – obwohl er vorher gar nicht war – wird er Mensch.

Was ist dagegen der Gigamesch Epos, da war zuerst Gilgamesch, ein riesenhaftes Wesen aus dessen Augenbrauen die Wälder, aus dessen Zähne die glänzenden Städte wurden, da konnte man sich noch etwas vorstellen und vieles dazu dichten, aber Möglichkeiten, was ist denn das, gibt es, gab es diese überhaupt?

Konkret: Vor einem der Neandertaler oder einer Gruppe der Homoiden, das können wir noch nicht wissen, auf jeden Fall wurde etwas ausgebreitet, ein Speer mit Steinspitze, ein Pfitschipfeil, eine Fischreuse, ein Sammelkorb, Sandalen und der Lendenschurz, bald kamen Münzen dazu und jetzt durften diese Wesen wählen. Hatten sie gewählt, waren sie Mensch: Fischer, Jäger, Händler, usw.

Ja, Fischer sind auch Menschen, macht das Fischersein den Menschen aus?

Ich habe ganz vergessen, die Möglichkeit, sich gleich vom Felsen zu stürzen, seinen Sohn zu opfern, nackt oder bekleidet zu sein und alles andere auch noch zu nennen, denn möglich ist doch alles, oder ist das nicht der Sinn des Wortes Möglichkeit?

Und dabei habe ich mich nur auf Möglichkeiten einer Zeitspanne beschränkt. Was wäre, wenn diese Klammer enthemmt würde und der Mensch, der noch keiner ist, hätte von Anfang an zwischen Fastkeil, Maschinengewehr und Atomsprengkopf die Möglichkeit gehabt sich zu entscheiden?

Ja, was gäben Menschen darum, hätten Sie sich die Möglichkeit des Faschismus oder den Stalinismus erspart?

Da heute alles möglich ist, meinen wir, es war immer schon so: Ein Fabrikarbeiter konnte sich auch aussuchen, ob er nicht lieber Bauer wäre, was er ja auch war, bevor er gezwungen war, in der Kohlengrube zu graben.

Hätten die Menschen denn jemals die Möglichkeit der Möglichkeiten, außer jetzt wo wir so tun, als ob wir sie hätten?

War Möglichkeit für die Menschen nicht sehr lange nur in Form des Glücks, der Fortuna, oder dunkler Gottheiten, wie der Moira vorstellbar?

Gab es den Begriff von Möglichkeit, wie er sich seit der Renaissance entwickelt hat und der im Konsumzeitalter zum verbindlichen Begriff aufgestiegen ist, vordem überhaupt?

Blieb der Medea eine andere Wahl, als ihre geliebten Kinder umzubringen? Blieb einem Abraham die Wahl den Sohn Isaak zu opfern? Hatte er einfache die Möglichkeit, den Bock zu opfern, nur übersehen? Wieso werden diese Geschichten erzählt und wieso diese Dramen, wenn sie einfach hätten wählen können?

Sie hatten keine Wahl!

Oder ohne Subjekt: Hatte Geschichte eine Wahl?

Als Abraham klar geworden war, dass ihm keine Wahl blieb, musste er den Sohn nicht mehr opfern, sondern konnte den Bock an dessen Stelle schlachten.

Ich vermute hier frei und spekulativ: Möglichkeit gab es erst, nachdem Negationen sich eröffneten. Ich möchte die These wagen, dass Möglichkeiten sich erst eröffnen, sobald negiert werden kann.

Möglichkeit setzt Gleichwertigkeit voraus, Überschau und Entscheidungsfähigkeit. So formalisiert gibt es Möglichkeit nur in der Mathematik, in der Informatik und in den Rechnern, und das erst, wenn diese sich selbst er- und abschaffen können.

Ersteres kann vorgestellt werden, letzteres nicht, oder anders, dann gibt es keine Möglichkeiten mehr.

Das heißt: Möglichkeiten entstehen durch Negation von nicht Möglichem (von Bedingtem). Die daraus entstehenden Möglichkeiten bleiben bedingt, da sie sich nicht selbst als Möglichkeiten abschaffen können um die letzte Alternative auch noch mit aufzunehmen.

Möglichkeit, das ist und bleibt etwas ganz Sauberes, mit Möglichkeiten macht sich keiner schmutzig, wird er damit aber zum Mensch?

Das hätten wir schon gerne: Möglichkeit als eine Art jungfräulicher Geburt!

So würde ich das auch gern haben: Immer ist Weihnachten und ich bekomme alles und die anderen nichts!

Vielleicht war die Verallgemeinerung ja nur eine würdige Verbrämung für das, was uns Herr Sommer zur Gegenwart zu sagen hatte. In der wir durch das Angebot unterschiedlicher „kultureller Modi“ angeregt werden, unsere eigenen „Modi“ zu relativieren und uns gewahr werden, wir könnten auch anders leben.

Wir erleben, „der eigene Modi kann nur mit dem Preis des absoluten Wirklichkeitsverlustes absolut gesetzt werden“.
Die Moderne, so Sommer, beflügelt das Lebensgefühl, da es durch abweichende Modi infrage gestellt wird.

Das damit verbundene Glück heißt: „Ich könnte auch anders sein“.

Das damit einhergehende Unglück der Moderne ist erreicht, „ wenn es mich an meinen eigenen kulturellen Modi verzweifeln lässt.“

Und jetzt kommt es: “Die Modere ist die Kultur mit der gewaltigsten Selbst-relativierungskraft“, die in ihrer eigenen Ordnung als kontingent erscheint: Alles könne auch anders sein.“

Ja, mit diesem Satz hat der Optionalismus, das Denken in Möglichkeit seinen versicherungstechnischen Höhepunkt erreicht!

Aber weiter:
Das Positiv daran ist – auch Sommer liebt dieses Zweierlei – „die Moderne lässt mehr Möglichkeiten offen, als andere bisherige Kulturen“.
Das Negativ daran ist, dass auch „die Nachtseite der Möglichkeiten, das Böse, sich uns eröffnet“.

Das, und hier beruhigt uns Professor Sommer sofort – hieß nicht der Briefkastenonkel, der die Jugendlichen der 60er in der Zeitschrift Bravo sexuell aufklärte, auch Dr. Sommer? – sei aber nicht so arg, da das Böse unter den vielen Möglichkeiten nur eine sei.

Das tröstet ungemein !

Das Böse lässt sich aber leider nicht als Möglichkeit einhegen, das übersieht unser klarsichtiger Denker. Wenn das Mögliche da ist, wird es unmöglich?

Abschließend meldet unser Held doch einen Zweifel an, ob er die Philosophie mit dieser Theorie nicht an die Gegenwart „verschachert hat“.
Damit müsse er wohl leben, meint er und fügt hinzu: „ die Kosten (das mit den Kosten liebt er auch) der Pluralisierung liegen im Gewissheits- im Sicherheitsverlust. In der es keine letzte Wahrheit mehr geben kann …“

Ja sowas, es gibt keine Wahrheit mehr, weil einfach zu viele Modi in der Welt herumgaukeln? Auch eine Form über Wahrheit nachzudenken!

Abschließend klärt der Professor uns Konsumenten über etwas auf, was uns doch täglich vorgeführt wird, “dass immer, wenn wir uns für etwas entscheiden und damit gegen tausende andere Möglichkeiten, wir immer neue Möglichkeiten regenerieren“.

Das Weihnachtswunder täglich – wie langweilig!

„Kultur ist damit ein gigantisches
Möglichkeitsgenerierungs-Unternehmen
und Kulturphilosophie kann das
Selbstrelativierungspotential
zum Ausdruck und zur Geltung bringen.“

Besser kann unser Gegenwartsempfinden nicht beschrieben werden. Nur mit dem Begriffsinstrument Möglichkeit kann unser Zustand wohl beschrieben, aber nicht bedacht und gefasst werden.

An der Lederhose zu zweifeln, weil man eine Burka sieht und in dem damit einhergehenden Gewissheits- und Sicherheitsverlust das Potential der Moderne anzusiedeln, ist eine Farce.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s