Heft 14 – Ritter Luhmann mit Sinn gerüstet

14 – Ritter Luhmann mit Sinn gerüstet

Der Zeichner, der kein Soziologe ist, versteht wenn festgestellt wird, dass Sprechen, sich Verständigen, Handeln und Erleben unter vergleichbaren Bedingungen abläuft, dass im Verständigen wie im Handeln und Erleben bestimmte Strukturen erkannt werden können, die eine Art System anzeigen und von Soziologen beschrieben werden können.

Als Zeichner ist ihm auch gegenwärtig, welchen Einfluss die verwendeten Medien, die Art der Ereignisse und die Podien, auf denen diese stattfinden, haben und wie auch hier Systematiken festzustellen wären.

Es ist ihm auch deutlich, welch theoretischen Rüstzeugs es bedarf, um Strukturen und Systematiken auszumachen, und wie eingeführte Begriffe genau auf ihre Eigenlogik hin untersucht werden müssen und dass es sich dabei um Sprache handelt und die Begriffe und deren bisherige Verwendung auf ihre Eignung hin geprüft werden müssen.

Wie es aber mit dem Rüstzeug so ist, kann es geschehen, dass der Ritter vor lauter Rüstung nicht mehr aufs Pferd steigen kann, und gehen, ohne Gehhilfe, geht auch nicht! Aber gut ausschauen und herrlich wirken tut er schon, mit seiner glänzenden Uniform und all den Wimpeln, Fähnchen und dem Visier! Auf das Pferd wird er dann mit Hilfe vieler Professoren und einer Seilwinde gehoben.

Ein Begriff, der an entscheidender Stelle in die Systemtheorie eingebaut wurde, ist SINN.

Sinn ist die Konsequenz des voraus Gesetzten, in dem das Soziale ausschließlich auf Kommunikation zurückgeführt wurde.

Der Horizont, an dem sich Verständigung orientiert, ist der nie zu erreichende, nie erfüllte und nur im Streben danach erkennbare Sinn der Welt.

Einmal verstand es unser Religionslehrer, dem wir sonst nie zuhörten und den wir völlig ignorierten, unsere Aufmerksamkeit zu erzwingen. Er fragte uns, was der Sinn des Lebens, unseres Lebens sei und wie wir diesen finden könnten. So konnte er uns über die Familie, den Beruf, die Freizeit und Politik auf die Religion lenken, die die einzige sei, welche uns umfassend Sinn anbieten könne.

Innerhalb der Systemtheorie braucht es den Sinn-Begriff „damit das Werkel läuft“, oder anders ausgesprochen, braucht es diese Sinn als Letztbegründung.
Nur, bitte was interessieren Letztbegründungen Menschen, auf deren Verhalten hin diese Theorien ausgerichtet werden?

Begriffe, die Systeme aufrecht erhalten, interessieren nur die Akademiker an den Seilwinden, die dafür Stellen und Anerkennung bekommen, sonst interessiert das niemanden! Die einzige Krux dabei ist, Akademiker denken immer, sie würden von und für Menschen sprechen.

Der Begriff Sinn muss aber, gerade wenn er in einer Theorie sinnvoll erscheinen will, in der der Mensch aus theorie-hygienischen Erwägungen nicht vorkommen kann, aber für diese Menschen übersetzt werden.

In der Übersetzung kommt dann genau das heraus, was unserem Religionslehrer gelungen ist, er brachte uns zum Schweigen und zum Staunen und säte in mir Skepsis.

Sinn wird, wenn er im Leben aktuell eingesetzt wird, immer zu einer Art Religion. Wenn von Sinn gesprochen wird, bist Du beeindruckt, bist begeistert oder aber entsetzt, stehst dem ablehnend gegenüber, denn Du kommst dir bei so viel Bedeutung manipuliert vor.

Eigenartigerweise hat Luhmann genau den Missbrauch der Begriffe an Moral und am Menschen kritisiert. Dass dasselbe auch für den Sinn gilt, habe ich bei Luhmann nicht gefunden.

Der Begriff Sinn, an dessen Horizont die Welt erscheinen mag, hat sich bei Luhmann so weit von den Zusammenhängen, die mitgedacht werden müssten, entfernt, dass es nicht einfach ist, das in der sich immer höher schraubenden Abstraktion Verlorengegangene zu erkennen.

Die Basis des Sinns von Weltsinn, ist immer noch der leibliche Sinn.
Die Verbindung von Wahrnehmung (das, was die Sinne tun) und Denken war J.P. Sartre sehr gegenwärtig, als er vor der Académie française die Wortbedeutung von penser à als Denken und Wahnehmen darlegte.

Die sinnliche Wahrnehmung erzeugt nicht nur Sinn, sondern vermittelt eine Gewissheit der Existenz dessen, was wahrgenommen wird, dem, der wahrnimmt. Ursprünglich vereint, in dem beides, das Wahrgenommene und der Wahrnehmende in einem genommen, als Geist oder Gott angesprochen wurde.

Die sinnliche Wahrnehmung deutet auf das Ding, auf das Ereignis, den Moment, und vermittelt die Gewissheit der Einheit des Dings, des Ereignisses, des Momentes, bedeutet, ohne dass diese vorher in Raum, Zeit und Wahrnehmungsinformation zerlegt werden zu müssen.

Wahrnehmung ist nicht zuerst Differenz, sondern zuerst Existenz! Sie ist nicht zuerst Möglichkeit, sondern Wirklichkeit; vom Sein aus bestimmt sie erst Mögliches und nicht umgekehrt!

Ohne sinnliche Gewissheit würde ein Jäger ein Wildschwein von einem vermoderten Baumstumpf, der in Form und Aussehen einem Wildschwein ähnelt, nicht unterscheiden können oder er würde an seiner Augentäuschung so lange zweifeln, bis das Wildschwein wieder im Wald verschwunden ist und dessen Abwesenheit ihm dann die Gewissheit vermittelt, es war ein Wildschwein!

Das geschieht dem, der zuerst Differenz festzustellen versucht. Er kann es: aber erst hinterher!

Die sinnlich fundierte Gewissheit finden wir, bei allem Zweifel, aller Kritikmöglichkeit, unter Einschließung der Möglichkeit eines anderen Seins und seiner Negation im Denken wieder.

Dass das Gedachte so ist, Realität hat, wahr ist, ist nicht nur Ausdruck eines naiven Denkens, sondern ist geradezu Grundlage allen Zweifelns: Wie soll ich sonst zweifeln können, wenn ich nicht eine mögliche Identität von Begriff und Sachverhalt voraussetzen würde!

Wenn Luhmann in der Ausbreitung seines Sinn-Begriffs davon spricht, dass in der Aktualisierung einer Möglichkeit des Handelns, Sprechens, Erlebens sich geradezu potentielle, wiederum neue Möglichkeiten eröffnen, diese aber durch wenige anschlussfähige Varianten, die das jeweilige Soziale System anbietet, beschränkt werden, dann klingt hier immer noch das Ursprüngliche der sinnlichen

Wahrnehmung mit und deren notwendige existentielle Gewissheit: „Es ist so!“.
Luhmann greift von der Möglichkeit aus auf die Wirklichkeit. Wirklichkeit, nach Luhmann, schränkt die Möglichkeit ein. Ich denke, es ist viel einfacher: Die Wirklichkeit schafft mögliche Wirklichkeiten wie potentielle Möglichkeiten; nicht nur Systeme reduzieren Möglichkeiten!

Ersteres nenne ich Optionalismus, zweites ist, so vermute ich, ontologisch orientiert.
Die in jedem Moment erlebte Gewissheit, in der die Existenz die Dinge, den Körper, die Lebewesen, die Atmosphäre, das Schwergewicht, das Licht, Gefühle, Gedanken und das Ich untrennbar vermengt hat, ist eine Tatsache, die Luhmann als ontische abtut.

Wir haben hier aber jene Basis, auf Grund der wir nicht in der Informationsfülle der Möglichkeiten schwimmend untergehen, denn wir wissen meist, was wir als nächstes tun oder nicht tun, auch wenn wir vor Unsicherheit lieber gar nichts tun würden, (vielleicht auch weil uns gesagt wurde, es gäbe so viele Möglichkeiten)

„Reduktion von Komplexität“, dieser Lockruf des Rattenfängers – in Gestalt des Meisters der Systeme – ist nicht nur eine Leistung der Systeme, sondern ist im Sein begründet. Luhmann meint dies ignorieren zu können, da er aber die Sachverhalte anzusehen sucht, wie sie sind, kommt er immer wieder darauf zurück, nur unter völlig anderen Vorzeichen.

Sinn kann als Gesamtsinn nicht vorausgesetzt werden. Sinn ist nicht komplex und verfügt auch nicht über zu aktualisierende Möglichkeiten, die wiederum in der Aktualisierung – jeweils von Systemen abhängig – erneuert werden.

Das Denken in Möglichkeiten und das Argumentieren mit Möglichkeiten in der Form, wie Luhmann das auch betreibt, ist intellektueller Blödsinn. Die Einschränkung der Möglichkeiten – auf die, welche das jeweilige System in der Situation zulässt – tut so, als ob alle anderen noch offen wären.

Offene Möglichkeiten sind eine ausschließlich theoretische Konstruktion. In der Wirklichkeit ist da nichts, oder sehr wenig, aber anderes als das theoretisch gedachte Mögliche.

Dieser Optionalismus passt genau in unser Konsumzeitalter, das uns zu suggerieren versucht, alles stehe uns offen, die Regale der Kaufhäuser stehen immer voll!

Vielleicht ist es ja dieser offensichtliche Abgrund, vor dem dem Ästheten graust, liest er das Unwort: „Anschlussfähigkeit“.

Waren das nicht einmal Begrüssungsrituale, Aufbahrungen, Gastfreundschaft, Opferungen, Inaugurationen und Initiationsriten, die die Schwellen anzeigten, sie markierten und bedeuteten.

Und werden gegenwärtig diese Fähigkeiten – die ich bei Luhmann immer mit Fahrplan lesen assoziiere – nicht dann trainiert, wenn wir Bewerbungsgespräche führen, Englisch, Spanisch oder den Schweizer Dialekt erlernen, Auslands-Praktika machen, versuchen von Massenmedien auf Soziale Medien umzustellen, versuchen unsere Sozial-Beziehungen zeitgemäß einzurichten, den nächsten Schritt der Demokratie vorzubereiten, technologisch uns an der Ressourcen-Knappheit orientieren und die Frage zu beantworten suchen, wie das Finanz- und Geldwesen, das momentan bald mit Negativzinsen versehen wird, zu wandeln wäre……
Geht da nicht einiges unter?

Wird all das und noch viel mehr „Anschlussfähigkeit“ genannt?

Niklas Luhmann „Soziale Systeme“
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 666

Niklas Luhmann „die Religion als Gesellschaft“
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1581

 

 

 

 

 

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