Heft 13 – zweiter Teil -„Aus der Sicht der Integration erweist sich die Systemtheorie als äußerst konservativ.“

Heft 13 – zweiter Teil

„Aus der Sicht der Integration erweist sich die Systemtheorie als äußerst konservativ.“

Zurück: das Sprechen über Liebe, welches Luhmann seit dem Minnesang in seinen verschiedenen Facetten und Bildungen untersuchte, führt ihn dazu, zwei Arten des Sprechens zu unterscheiden: Sprechen im Liebesverhältnis und Sprechen über Liebe, welches in Romanen oder im Kokettieren sich ineinander verlieren kann.

Als sich aber schon im 17. Jhdt. noch unter feudalen Verhältnissen eine art Privatheit einzurichten begann, die dann im Bürgertum voll zur Geltung kam, konnte die „Intimsprache“, das Sprechen der Liebenden, von dem Sprechen über Liebe unterschieden werden.

Die Intimsprache entwickelte einen eigenen Code um im Handeln und im Gespräch sich der Liebe des anderen vergewissern zu können. Dass Luhmann hier den scheußlichen Begriff „Atributionstheorie“ übernimmt wird hier übergangen, geht es dabei doch darum, sich der Gefühle, der Leidenschaft, der Liebe des anderen zu vergewissern.

Da eine Liebschaft, eine Liaison in Frankreich des 17./18. Jhdts. eine zeitlich begrenzte Beziehung war – was heute immer noch so ist – deren Beginn und sich ankündigendes Ende auch besprechbar und lesbar sein müsste,  beförderte das die Bildung einer Intimsprache.

Erst in der „Romantischen Liebe“ wird das Individuum in die Liebe hineingenommen, stellt Alter jene Welt dar, an der das Ego sein Verständnis von Welt ausrichten will und so kann wechselseitig eine eigene Welt gebaut werden.

Denke ich an Romantische Liebe sehe ich immer ein Biedermeier-Zimmer mit Möbeln, Tapete, Türen und Fenster vor mir und mit Bildern von Spitzweg an den Wänden.

Erst die „Romantische Liebe“ erklärt Liebe zu einer Einheit, die neben ökonomischen Interessen, rechtlichen Möglichkeiten, in der Romantik meist noch in Hinblick auf einen künstlerischen Lebensentwurf ( beim Maler Philipp Otto Runge), autonom existieren wird.

Damit gerät sie aber auch in Konkurrenz zu anderen Weltentwürfen, wie die der Kirche, der Wirtschaft und des Staates.

Trotzdem hat sich jene Autorität der Liebe durchgesetzt die in der Romantik, philosophisch von Schelling, Fichte und Hegel begleitet ihren Ursprung nahm, so dass sich auch Knechte, Mägde, Fabrikarbeiter auf Liebe berufen konnten, ohne diese „Semantik der Liebe“ im Ganzen nachvollzogen zu haben.

Auf dem Weg auf dem Luhmann uns führt, von der idealisierten Liebe bis zur Liebe als Ideal, traten Schwerpunkte wie die Liebe als Passion, die einmal bestimmend waren zurück und es ging auch die Spannung unerfüllter Sexualität, von der die Jahrhundertwende zum 20ten Jahrhundert so geprägt war, verloren und fehlt – so Luhmann – in dem was heute als Liebe gilt.

Dass in das Liebesmodell der Romantik die Ideen der Französischen Revolution – Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit – herein spielt ist, unverkennbar, wenn nicht der Begriff der Liebe als der Ursprung der Trikolore gedacht und nachgewiesen werden könnte.

Die Konkurrenz, in die ein sich autonom darstellender Begriff von Liebe gerät, führt nach Luhmann dazu, dass wir heute von einer öffentlichen und privaten Person sprechen müssen, die sich in jeder Person wechselseitig widersprechend einigen sollte.

Liebe und deren intime Kommunikation muss den Konflikt aushalten der entsteht, wenn die Liebe die Last der Welt auf sich zu nehmen hat und damit in zweifacher Hinsicht überfordert ist.

Es genügt ja nicht in Zweisamkeit sich eine eigene Welt zu bauen. Irgendwann, und das oft viel zu schnell, geht man zu Ikea und richtet sich die neu gemietete Wohnung, Schlafzimmer, Küche, Bad und WC ein und schon ist die ganze Welt da draußen mit drinnen.

Irgendwann und meist sehr bald, nachdem man sich gerade kennen gelernt hat, trifft man sich mit Freunden und jetzt kommt es darauf an das Intime zu schützen und sich doch als gemeinsames Paar darstellen zu können.

Luhmann spricht die grandiose Überforderung an in die Liebe gerät, wird sie autonom.

Nimmt man diesen Konflikt ernst und differenziert ihn so aus dass er gegenwärtig anschaulich wird, so stellt sich die Frage, ob es klug ist, Liebe als ein sich abschließendes System, als Ganzes zu bestimmen?

Anders gefragt: Wieso finden aufgeklärte Moslems, wie auch aufgeklärte Juden ihre Auffassung einer arrangierten Ehe besser und fühlen sich damit in der modernen Welt wohler, sicherer und würden nie unser System der freien Partnerwahl aus Liebe übernehmen wollen?

Ist die Autonomie der Liebe nicht geradezu ein Kern der modernen Welt?

Lesen Sie Luhmanns “Passion der Liebe“ daraufhin, welche Hinweise er uns geben kann, wie sich Flüchtlinge aus außereuropäischen Staaten mit ganz anderen kulturellen Hintergründen in Europa integrieren können, so werden Sie zu einem vernichtenden Ergebnis kommen: Integration kann nicht funktionieren!

Spielt die Semantik der Liebe jene bedeutende Rolle die Luhmann ihr zuweist, dann liegt entweder die Systemtheorie ganz falsch oder, liegt sie richtig, ist Integration unmöglich!

Aus der Sicht der Frage nach Integration erweist sich die Systemtheorie als äußerst konservativ.

Es könnte aber auch sein, dass unsere Kulturentwicklung, so wie sie Luhmann darstellte, uns selbst keine Chance gibt, da sich jeder die Last der Welt aufbürden muss?

Den systemtheoretischen Schlenker, dass uns die Systeme, mit ihrer Fähigkeit Komplexität zu reduzieren, dabei helfen würden die Last der Welt zu tragen, dem traue ich nicht!

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