Heft 13 – „Die die Kuh, den Esel + den Heller nicht zahlen konnten, denen blieb die Liebe!“

Heft 13 –

„Denen, die die Kuh, den Ochs und den Heller nicht zahlen konnten, denen blieb  die Liebe!“

Wenn ich Luhmanns Verständnis von Liebe, wie er es in „Liebe als Passion“ beschrieb hier kritisch nachvollziehe, sollte ich da nicht vorher, mein eigenes Verständnis von Liebe befragen?

Aber, was ist mein Verständnis von Liebe?

Würde die Beschreibung meiner Liebe einem anderen Menschen gegenüber das sein, was für mich Liebe ist? Sofern dieses schwierige literarische Unterfangen gelingen sollte, was sicher nicht ganz einfach wäre, wäre das dann mein Verständnis von Liebe?
Ist das nicht eher etwas, was mir geschehen ist?

Würde mir so eine Erzählung gelingen würde sie gerade nicht zum verallgemeinernden Verständnis von Liebe beitragen, sondern eine exemplarische Liebesgeschichte unter anderen sein. Diese Liebesgeschichte könnte Luhmann, bzw. einer seiner Schüler, dann in seinem Werk: „Liebe über Siebzig“ als ein modernes soziales Phänomen“ zitieren. Er würde damit sicher Aufmerksamkeit über den engeren Kreis der Soziologen hinaus bekommen.

Ist aber Liebe nicht etwas, das sich der Verallgemeinerung entzieht? Oder, beleidigt es uns nicht, wenn wir hören, so etwas Persönliches wie Liebe soll ein allgemein soziales Phänomen sein?

Die Frage, wieweit diese Anmaßung nur Narzissmus ist oder auch seine Berechtigung hat, lasse ich offen.

Ich fahre mit meiner Selbstbefragung fort: Würde ich davon schreibend sprechen welche Liebe ich von meinen Eltern, von Freunden und Partnern erfahren habe oder aber, wie ich beobachten könnte, welche Auswirkung Liebe und auch fehlende Liebe auf anderen Menschen hatte?
Hätte ich dann mein Verständnis von Liebe, oder nur einen Aspekt?

Dehne ich Liebe über die geschlechtliche Liebe hinaus aus, auf Geschwister-Liebe, auf Liebe als Freundschaften und überhaupt auf Menschenliebe im Allgemeinen, bin ich dann der Liebe näher?

Ich bin kein Soziologe, aber müsste ich, um das Phänomen der Liebe allgemein und in seiner geschichtlichen Entwicklung zu erfassen nicht auch betrachten wie und unter welchen Bedingungen wem und wann eine Eheerlaubnis erteilt wurde? Denn Sklaven, Leibeigene, Knechte, Mägde, Handwerker und Soldaten aber auch Fürsten bedurften einer Eheerlaubnis.
Für viele Menschen war Ehe bis in das 20 Jhdt. auch in Mitteleuropa unvorstellbar.

Genügt es da die Literatur die von Liebe handelt zu durchforschen, um über die Semantik der Liebe, wie Luhmann dies insbesondere für das 17. 18. Jahrhundert unternahm, den Begriffs der Liebe – den er das System Liebe nennt – herauszuarbeiten?

Wenn es, wie nach Luhmann nur Liebe gibt, wo eine Codierung von Liebe vorliegt, was ist dann mit all der sprachlosen Liebe, deren Sprachlosigkeit nicht literarisch nachbearbeitet wurde und die keine Sprache der Liebe hatte? Wo bleiben jene Liebenden, die unter der Liebe nur litten, da ihnen die Sprache genommen war,
die nicht elegant über ihr Plaisir parlieren konnten?

Wiederum werde ich mich hier nicht nochmal über das scheußliche Wort „Inkommunikabilität“ aufregen, das über jenem Kapitel schwebt, in dem die Frage der Sprachlosigkeit von Liebe nur beiläufig behandelt wurde!

Zum Glück gibt es aber Literatur, die sich der sprachlosen Liebe widmet, die deren Sprachlosigkeit nachzuzeichnen suchten und wir so Formen der Liebe, die uns sonst fern blieben, erahnen ( Toni Morriset in „Sula“).

Zum Glück gibt es auch die Erzählungen unerlaubter Lieben, die so beschrieben sind, dass ihre Widersprüchlichkeit uns schrecklich gegenwärtig wird ( „Lolita“ von Vladimir Nabokov / Zeruya Shalev „Liebesleben/ J.M. Coetzee „Schande“)
Und es gibt auch Lieder, die von einer Liebe handeln, die an ihrer Sprachlosigkeit unvorstellbar leidet ( Antony and the Johnsons ).

Ist nicht gerade das Wesentliche der Liebe Unerfülltes, Sehnsucht und Sprachlosigkeit, wie der Fado Sie besingt?

Und was ist mit dem Widerstand der Liebenden gegen Gesetz und Tradition? Wird Liebe nicht gerade dann stark, wenn gesellschaftliche Traditionen sich der Liebe widersetzen und diese sich heldenhaft, wie bei Shakespeare beweisen kann?

Und müsste ich, wenn ich über ein allgemeines Verständnis von Liebe schreiben wollte, mir nicht auch die Frage stellen, ob, sobald ich von Liebe spreche, ich nicht immer schon unausgesprochen von geschlechtlicher Liebe spreche und damit das Geschlecht als naturgegeben voraussetze?

Die sich daraus ableitende These müsste dann einen fast unsichtbaren Grund aufleuchten lassen, der sich hinter den Liebesränken verbirgt, denn ähnlich wie beim Inzest-Tabu, das in Verbindung mit dem Ödipuskomplex Geschlechtsidentitäten erst stiftet, wird auch in der Liebe, in dem was jeweils unter Liebe verstanden wird, Geschlechts-Identität geprägt?

Wie der Sohn zum Sohn wird, indem er sein sexuelles Verlangen nach der Mutter erkennt, so wird der junge Mann sich seiner Männlichkeit bewußt wenn er sich verliebt, ob in eine Frau oder einen Mann ist zweitrangig.

Liebe, in der höchstentwickelten Form, in der Ego und Alter sich wechselseitig anerkennen, ist geschlechtsprägend, in welcher Form auch immer.
Bei Luhmann kommt die Geschlechterrollen zwar vor, aber nur in ihren unterschiedlichen Aktivitäten, nicht als Identität, was ihm theoretisch gar nicht möglich wäre, sind doch Körper nicht Teil des Sozialen sonder Teil der Psyche oder der Somatik.

Auch geht Luhmann nur beiläufig auf die materiell-sozialen Voraussetzungen für Liebe ein, ihn interessieren keine Kirchenbücher, Geburtsurkunden und Gemeindearchive, die Verbote, Gebote und zu entrichtende Gebühren an Fürsten, das Kloster, den Lehnsherren und später an die Gemeinden, die in nicht geringem Masse entrichtet werden mussten um die Genehmigung zur Hochzeit zu bekommen.

„Denen, die die Kuh, den Ochs und den Heller nicht zahlen konnten, denen blieb die Liebe!“

So müsste es ausgesprochen werden, wird „die Semantik der Liebe“ Luhmannscher Art angewandt.

Ihn interessiert ausschließlich was der Adel und später in der bürgerliche Salon zur Liebe sagte, denn Liebe ist, wofür eine Sprache existiert, so Luhmann!

Kommunikation und das Soziale sind bei Luhmann ident!

Leidenschaft, Passion, Gefühl, Exzess, Liebe als Freundschaft, die Geschlechter kommen bei Luhmann natürlich auch vor, aber nur wenn über diese gesprochen wird. Und das, wie darüber gesprochen wird fließt in den, die Zeit prägenden dualen Code ein (plaisir/plair …).

Luhmann konzentrierte sich vorwiegend auf Literatur des 17. und 18.Jhdts., da er der Auffassung war, dass die Semantik der Liebe die Liebe in ihrem Wesen bestimmt und in jener Zeit gab es ideales Material um deren Entwicklung zu verfolgen..

Indem, wie sich das Sprechen über Liebe wandelt, fördert Luhmann dann einen wirklich interessanten Transformation des Verständnisses von Liebe zu Tage und fügt die verschiedenen Ursprünge, die sich zuerst vereinzelt ausbildeten, wie Liebe aus Leidenschaft, Liebe als Kameradschaft, bis zur Romantischen Liebe ineinander, in das, was er das System Liebe nennen wird.

Das Modell „Romantischer Liebe“ bildet dann die Grundlage des modernen autonomen Begriffes von Liebe, in der Luhmann ein System erkannt haben will, das eine eigenständige Einheit neben Recht, Wirtschaft, Kunst und Religion bildet.

Alle Systeme zusammen ergeben im Weiteren das funktional differenzierte System der Systeme, Gesellschaft genannt.

Fortgesetzt in Heft 13 – zweiter Teil

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Literatur- und Musikhinweise haben in diesem Beitrag nicht den Anspruch der Vollständigkeit, sondern versuchen nur die Spannweite im Feld der Liebe anzudeuten.

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