Heft 12 – „Du kommst von der Rampe und wirst an der Rampe enden“

Heft 12 – „Du kommst von der Rampe und wirst an der Rampe enden“

Was hat ein Zeichner, ein Pflanzen- und Hundeliebhaber mit dem Soziologen Luhmann am Hut. Eine Edelweiß wird er sich nicht an besagten Hut stecken können, und von der Zunft der Soziologen und Philosophen wird er nicht mal eine Brennnessel  erhalten, schaut er doch hier etwas schief auf den großen Meister der „Reduktion von Komplexität“.

Aber auch ein Künstler, der normalerweise Kirchenbilder malt, oder philosophierende Hunde zeichnet, wie ich, ist ein Zeitgenosse, der sich, wie jeder andere fragt, in welcher Gegenwart er gelandet ist, was ist die moderne Welt und wie kann sie bedacht werden.

Anfang der 70er Jahre hörte dieser Zeichner von seinem Lehrer Bazon Brock etwas über einen Luhmann, der allen anderen großen Zeitgeistern mit seiner Systemtheorie die Stirn bietet und vorgibt die moderne Welt in ihrer Komplexität erklären zu können.

Was tut daraufhin der Zeichner, der sich selbst die Welt zu erklären sucht, er liest Luhmann und das immer wieder, bis er bemerkt, das haben viele andere auch getan und erklären sich nun selbst und anderen von Lehrstühlen aus die Welt.

Und der alles immer etwas überzeichnende Zeichner bemerkt, diese Theorie hat ihm die Welt nicht erklären können, aber interessant sei, dass so viele kluge Menschen meinen, mit der Systemtheorie eine Welterklärung gefunden zu haben.

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In seinem Werk „Liebe als Passion“, aus dem die folgenden Zitatblüten entnommen wurden, schreibt Luhmann es seiner persönlichen Verliebtheit in den Stoff zu, „dass ich mich nicht entschließen konnte, Zitate aus geläufigen Sprachen zu übersetzen.“ Das bedeutet, Englische und längere französische Zitate werden nicht übersetzt.

Obwohl sich mir die „sprachliche Eleganz der Formulierungen“ auf Grund meiner geringen Französischkenntnisse nicht erschlossen haben, bemerkte ich sehr wohl: Ach, welch wunderbare exotische Blüten haben sich an vielen Stellen in wuchernder Pracht in diesem Garten der Lüste entfalten können!

Zungenbrechende Gewächse wie die „Inkommunikabilität“ sah ich, sicher gehört dieses Exemplar, ähnlich der Lilien der Gattung der Einkeimblättrigen Pflanzen an.

Und schau diese Blüte mit dem mächtigen Stempel, die der Alraune ähnliche zu sein scheint, „Interpenetration“ wird sie genannt. Einhäusig muss sie wohl sein und beide Geschlechter in einem Exemplar vereinen?

In dem subtropischen Klima des Gewächshauses nehme ich „symbiotische Mechanismen“ wahr und den Code, der mit großen Gesten „Rückübersetzungen“ verlangt.

Was das wohl sein mag, vielleicht Blüten die aus Blüten wachsen?

Staunend mache ich vor der rot leuchtenden „Superpassion“ halt, deren Pracht sich nur einige Augenblicke hält, deren Blätter dann schlapp und fahl herunterhängen und bedeutend vor sich hin-stinken.

Daneben ein rankendes Gaisblattgewächs, das die „unwahrscheinliche Zumutung hinreichender Annahmewahrscheinlichkeit sicherstellt“.

Einfacher gesagt, wir sprechen hier von einer Scheinblüten, die so tut als ob sie eine Blüte wäre.

Als Bodendecker gibt es „Sinnbereichsebenen, die wir ‚gepflegte Semantik‘ nennen“, wo es auch „Schwellen der Wiederausmerzung von Variationen“ gibt. Da muss wohl ein imaginierter Gärtner Hand angelegt haben!

Bevor ich aber die „Entmutigungsschwellen“ überschreite, gebe ich mich noch dem „Nahweltbedarf“ hin, für den Lupen bereitliegen und dem „amor passion-Komplex der Franzosen“, der einen betörenden Duft verbreitet, wogegen die „companionship Ehe der Puritaner“ mit ihren farblosen Blüten, die in den Blattachseln leicht übersehen werden nur den Besuchern auffallen, die extra darauf hingewiesen wurden.

Damit mir meine „Formuliermittel“ jetzt aber nicht schon abhandenkommen und bevor mir alle weiteren „Anschlussvoraussetzungen“ verloren gehen, wende ich mich lieber weiter „der Ausdifferenzierung symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien und der Regulierung ihrer ‚real assets‘ zu“.

Was viele Wissenschaftler und Philosophen trotz Beobachtungen aus höchsten Positionen nicht sehen können, andere Fürsten und Reichsbewahrer vergewissern sich sehr wohl der Schönheit ihrer Auftritte und Ausdrucksweise.

Wer einen Begriff wie „Kommunikation“ zum Zentrum seiner Gesellschaftstheorie macht, der verwendet, ohne mit der Wimper zu zucken „Inkommunikabilität“ dort, wo es um das Nicht-Sangbare geht, wo man besser Schweigen sollte.

Wer dort, wo der eine Mensch dem anderen begegnet, von „Interpenetration“ spricht, so als würde die Begegnung der Menschen ein penetrantes Eindringen sein, der wird auch dort, wo mehrere Möglichkeiten offen stehen und eine davon gewählt werden kann, von „Selektion“ sprechen.

„Das Ich des Ich’s ist das Resultat selbstselektiver Prozesse, und ist gerade darum auf Mitselektion durch andere angewiesen. Nicht Steigerung, sondern Selektion aus eigenen Möglichkeiten ist jetzt das Problem.“(208)

Ich weiß nicht, ob nur ich hier überempfindlich reagiere, aber nachdem an der Rampe von Auschwitz Menschen, die als Arbeitskraft noch gebraucht wurden wie das mindere Material zum Vergasen und Verbrennen ausselektiert wurde, bleibt für mich dieser Vorgang am Wort „Selektion“ haften.

Darwins Anthropologie hatte das „alteuropäische“ Auswahlverfahren, das im Jenseits oder am Jüngsten Tag stattfinden wird, in die jeweils aktuelle Gegenwart der Artentwicklungen verlegt und damit die alten Erfahrungen aus Tier und Pflanzenzucht dem intelligenten Menschen anheimgestellt, der sich nun Kriterien ausdenken kann um zu bewerten, was wertes und unwerten Leben sein soll.

In der Soziologie ist heute „Selektion“ selbstverständlich nicht mehr auf einzelne menschliche Eigenschaften oder auf den menschlichen Körper als Ganzen bezogen, sondern auf Handlungen oder Sinn, ganz formal auf alternative mögliche Operationen.

Aber, gerade weil Möglichkeit rein mathematisch abstrakt formuliert wird, haftet ihr immer noch das Göttliche Auge an, das einen Gesamtüberblick vorstellt.

Schon der Begriff der Möglichkeit, ist entweder ein im Nachhinein gewählter oder im Vorhinein konstruierter.

Das Leben aber bietet keine Alternativen!

Nur Theorien illusionieren die daran anknüpfende Hoffnung, im Leben würde es auch alternative Möglichkeiten geben.

Damit schließe ich nicht aus, dass Soziologie, Psychologie mit Möglichkeiten arbeiten können müssen.

Werden diese aber zur Lebensphilosophie, zu dem Soziologie, Psychologie, Philosophie mangels anderer Sinnstiftender Instanzen ( Religion, Politik, und Kunst) im öffentlichen Leben immer wieder gemacht werden, dreht sich Möglichkeit zu Wirklichkeit und spiegelt Horizonte vor, die es im Leben gar nicht gibt.

Die damit einhergehende illusionäre Leichtigkeit des Lebens, die wunderbar in das Bild des Konsumenten passt, dem alle Möglichkeiten des Konsums offen zu stehen haben, scheitert an jener Komplexität, die es nur vor den Regalen der Kaufhäuser gibt.

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* „Du kommst von der Rampe und wirst an der Rampe enden.“ Diesen Satz bekam ich auf Twitter zur Antwort, als ich den Begriff der „Selektion“ bei Luhmann in Verbindung mit Auschwitz brachte.

Zitate aus: Niklas Luhmann
„Liebe als Passion“
Zur Codierung von Intimität
suhrkamp taschenbuch
wissenschaft 1124
Erste Auflage 1994

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