Heft 11 – Luhmanns Penetration

Heft 11 – Luhmanns Penetration

 

Ein zentrales Werk (1) von Niklas Luhmann beginnt mit dem Satz: „Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, daß es Systeme gibt.“

Ob es Soziale Systeme wirklich gibt, oder ob es einen Niklas Luhmann gibt, der alles dafür tut, dass sein Konstrukt der Wirklichkeit so weit als möglich nahe kommt, ist eine andere Frage.

Auch der Überblick über mehrere andere Werke Niklas Luhmanns verstärkt den Eindruck, es geht ihm wesentlichen darum das Gerüst der Systemtheorie so auf- und immer wieder neu nachzurüsten, um diese den Anforderungen einer modernen Gesellschaft in allen möglichen Lagen gerecht zu werden.

Dem gegenüber scheint das Interesse sie anzuwenden (Liebe, Recht, Kunst) geringer und auch dort geht es ihm weit mehr darum die Systemtheorie nach-zu-justieren.

Soziale Systeme anzunehmen und sie als selbstreferenzielle Systeme zu behaupten, aus denen der Mensch rausgenommen wird um diesem seine Freiheit, Würde, Achtung und eigene Komplexität – was immer das sein mag – unabhängig von Gesellschaft und Kommunikation zu belassen, weist dann wohl weniger auf ein Sein der Systeme hin, denn auf ein Konstrukt für das geworben wird, das geeigneter erscheint, Realität angemessener zu beschreiben, aber auch handhabbar zu machen.

Althergekommene humanistische Ansätze würden da ja von Kopf und ……….ausgehen(X).

Luhmann beherrscht es wunderbar geschichtliche Daten so aufbereiten, dass wir fast gezwungen werden Soziale Systeme als sich evolutionär entwickelnd anzusehen und damit auch ihr Vorhandensein beglaubigt erkennen.

Wobei auffällt – nicht nur mir – dass die zitierten Zeitepochen 17/18/19 Jhdts. und die Beispielbereiche sich weitgehend auf ein sich veränderndes Rechtsverständnis bezogen, während für die modernen funktionalen Systeme Beispiele aus Organisations- und Kommunikationswissenschaften vorkommen, gepaart mit äußerst wenig privaten Anekdoten z.B. taucht unerwartet eine Dame auf, der er mit dem Feuerzeug zuvorgekommen ist, was er systemtheoretisch kommentiert.

Um den Ausschluss des Menschen zu rechtfertigen, der auf keinen Fall als ein Element im System auftauchen darf, da man damit dem überholten Individualismus aufsitzen würde und die Reduktion von Komplexität im System selbst und die Unterscheidung von Komplexität des Systems und dessen Umwelt völlig durcheinanderbringen würde, hat Luhmann den Begriff der INTERPENETRATION eingeführt.

Bevor ich den Begriff erkläre, möchte ich Sie bitten einen Moment innezuhalten, damit sie sich dieses Wort auf der Zunge zergehen lassen und sich den Sinngehalt – für Luhmann ein entscheidender Begriff – von Penetration zu vergegenwärtigen.

Wenn gesagt wird, der Penis penetriert die Scheide, wird üblicher Weise die aggressive Seite des Geschlechtsaktes betont. Luhmann kann diese Bedeutung nicht entgangen sein, nehmen ich an. Wollte er damit sagen, Menschen dringen gewaltsam in soziale Systeme ein.
So etwas will er wohl damit gesagt haben wollen?

Aber da es für ihn auch Interpenetration zwischen Menschen gibt und er damit das bezeichnet, was wir als Liebe, Partnerschaft, Freundschaft ansehen, muss er die Beziehung zwischen Menschen ebenso wie ein Eindringen verstehen, auch in Beziehungen…?

Ich weiß wohl, Soziologen ästhetische Fragen zu stellen, insbesondere wenn sie ihren Theorieaufbau von den Naturwissenschaften abgeschaut haben – so Luhmann – ist völlig unangebracht!

Ist doch Schönheit Naturwissenschaftlern, Kybernetikern und Kommunikationswissenschaftlern völlig wurst egal welchen Code sie setzen, welche Marke sie setzen, markieren müssen sie, das ist entscheidend!

So wird auch der Gebraucht von Penetration an der Stelle gesetzt worden sein, ähnlich wie eine Duftmarke!

Dass aber der Wortgebrauch kein Zufall sein kann – Interpenetration heißt das Kapitel 6 in Soziale Systeme – sondern auf die Gestalt von System und Umwelt wie Luhmann sie fasst, geradezu passt, versuche ich im Folgenden zu skizzieren.

Wer darauf achtet dem fällt auf: Eine entsprechende Gleichwertigkeit von System und Umwelt – die Voraussetzung, um überhaupt von Differenz sprechen zu können – ist bei Luhmann keineswegs gegeben.

Der Kopf des Ganzen ist bei Luhmann nämlich das System! Die Umwelt hängt dann irgendwie an dem Kopf, hat aber, im Gegensatz zu unserem Körper kein Zentrum für sich(X).

Vom System aus wird bestimmt, was die für das System gültige Umwelt ist, was ignoriert werden kann, was integriert werden muss, soll, was unberücksichtigt bleibt. Es wird behauptet, die Umwelt des einen Systems ist nicht die Umwelt eines anderen Systems. Aus dem einen System werden andere ausdifferenziert, wobei das erste dann die Umwelt des Ausdifferenzierten darstellt, aber auch die Umwelt darüber hinaus. usw.

„Geschlossenheit der selbstreferentiellen Operationsweise ist vielmehr eine Erweiterung möglichen Umweltkontaktes;“ (63)

Eine Unmenge an ähnlichen Textzitaten aus den Werken von Luhmann könnten herangezogen werden, um diese an sich schwer fassbare Grundbefindlichkeit seiner Systeme zu charakterisieren, die ich hier mit autistisch, mit solipsistisch mit blind, mit ausschließlich selbstbezüglich karikieren werde.

Umso höher die Abstraktion ansteigt, so deutlicher wird das sich Abschließende der Systeme: besonders deutlich beim Gesellschaftbegriff und bei Kommunikation.

( Kommunikation, auch so ein unmögliches Wort, für das, was mit Kommunikation gesagt werden will und das, vermutlich etwas völlig anderes wie Kommunikation ist)

Die Geschlossenheit des Gesellschaftsbegriffes zeigt sich gerade da, wo dieser aufgebrochen werden soll, wie bei der oben genannten Penetration und der auch ausführlich behandelten Interaktion (S551), der eine für Gesellschaft belebende Funktion zugewiesen werden soll, die selbst aber nicht System sein darf.

Was mir unverständlich bleibt, wird doch der Kunst, die, zu einem wesentlichen Teil auf den Hofnarren zurückgeht – das Beispiel für Interaktion, für subversive Agitation – sehr wohl von Luhmann das Privileg zugewiesen, ein System sein zu dürfen.

Ja, die Systeme haben bei Luhmann einen großen Drang zur Identitätsbildung und zur Abwehr nicht integrierbarer Identitäten, vieles ist störend wie das „Hereinschieben von Krüppeln auf Rollstühlen in den Sitzungsraum“ ( 563 Fußnote).

Auch dort – und vielleicht gerade dort besonders deutlich – wo Luhmann immer wieder auf das Neue seines Systembegriffes hinweist, der nicht nur aus Elementen und Relationen besteht, sondern aus dem selbstreflexiven autopoietischen Vermögen, die Differenz von System und Umwelt zu integrieren, frage ich mich, ob damit das Selbst des Systems nicht noch mehr gesteigert wird und es für Außenwahrnehmungen – Luhmann nennt das ganz cool Informationen – nicht noch tauber wird.

Unweigerlich kommt das Bild der so nützlichen und super sicheren Dinosaurier auf, die vor lauter erfolgreich sich selbst ausgerottet hatten.

Bei Luhmann könnten aus unscheinbaren Systemen, die sich an Pantoffeltierchen orientieren jene gigantischen Systeme und Dienste werden, die überhaupt keine Vorstellung, keinen Sinn mehr für die Welt draußen haben, außer den, den sie selbst definieren.

Könnte das nicht geschehen? Ist doch die Uneinsehbarkeit in Systeme nach Luhmann, eines der wesentlichen Merkmale von Systemen?

Vermutlich würde es in den real existierenden Systemen Luhmannscher Machart einen Edward Snowden genauso geben müssen, vielleicht sogar mehrere seiner Art?

An hunderte Zitate könnten diese Schwäche, die als Stärke der Systeme angepriesen wird, belegt werden. Obwohl immer wieder von Öffnung gesprochen wird, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, die Lobpreisung der Autopoiesis führt zu einer immer stärker werdenden Abpanzerung.

 

————————

 

Um deutlich zu machen was den Systemen Luhmanns fehlt, möchte ich ein Gegenbild zu dem in sich selbst kreisenden Systembegriff von Luhmann mindestens andeuten.

Nicht der Mensch, den Luhmann aus den Systemen ausschließt, damit er soziale Vorgänge besser beschreiben kann, ist das Problem, sondern das Menschenbild, das er in seiner Systembildung aufbaut, ohne es als solches kenntlich zu machen.

Aus der von Niklas Luhmann als alteuropäisch abgewerteten Philosophie ist unter anderem von Heidegger, von Jaspers, von Gehlen, aber auch, und nicht einmal so anders von Adorno ein Menschenbild entwickelt worden, das Eigenschaften aufweist, die dem Menschenbild, das Luhmann in seiner Systemtheorie uns bietet, völlig fehlen.

Die in den letzten Heften genannten Nancy und Agamben, aber auch J. P. Sartre, Michel Foucault und insbesondere Jacques-Marie Émile Lacan, die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy oder die Feministin Elisabeth Badinter, haben ein Menschenbild entworfen – dessen Zentrum nicht in ihm selbst liegt!

TH. W. Adorno nannte es die Identität der Nichtidentität.

Martin Heidegger deutete es mit der Sorge, mit der Befindlichkeit und mit dem Gewissen an – alles Außenbezüge.

Sartre und die ganze französische Philosophie seid ihm, sprechen vom Anderen dem das Ich, nur einen Entwurf entgegen setzen kann.

Woraus Simone de Beauvoir „das Andere Geschlecht“ destillierte und Lacan: „Das Begehren ist das Begehren des Anderen“ macht.

In all den Denkmodellen liegt das Zentrum nicht im System sondern im Anderen, in der Sorge um, in dem Ruf von, in der Mutter, den Tanten, in der Verletzlichkeit des Körpers usw.

Das ist ein Außenbezug ganz anderer Art, wie jene Umwelt Luhmanns, die, wenn sie nicht selbst System, oder Umwelt eines anderen Systems ist, ganz flatterhaft und unbestimmt bleibt.

Was in diesen Bildern ein bestimmendes Außen ist, dessen Bestimmtheit die Bestimmtheit ist auf die sich das Innen bezieht, bestimmt selbstreferenziell  bei Luhmann das System selbst was das Außen ist.

In Luhmanns Systemen hat das Ego einen viel höheren Wert als das Andere.

Der Unterschied mag vielleicht ganz gering ausfallen. Ich weiß auch nicht, wieso er mir trotzdem so entscheidend vorkommt.

Nehme ich zu den Philosophen noch den Bildhauer Alberto Giacometti, rundet sich das Bild eines Menschen ab, der sich nach außen öffnet und dessen Zentrum draußen, drüben, zeitlich im An- und Zu – kommenden liegt.

Dessen Wesen, das ein sich-öffnen ist, das ein außer sich sein, das, auf das außer-sich bezogen sein ist. Dessen Wesen eine Identität hat, die sich mit dem identifiziert was sie nicht ist, die von ihr nicht selbst gemacht werden kann!

Emmanuel Levinas hat in dem, was Luhmann außerhalb von Gesellschaft stellte ( Interaktion ) ein Bild, das Antlitzes des Anderen gegenübergestellt, dem ich verantwortlich bin.

Verantwortlichkeit ist keine Frage der Reduktion von Komplexität, ist kein Nummernspiel, ist nicht das, was bei Luhmann Kontingenz, Komplexität, oder Selektion sagt.

Immer wieder dieses zahlenmäßig Mögliche, das mit dem Möglichem gleichgesetzt wird, immer wieder wird Überblick eingeführt wo es keinen Überblick, keine Beobachtung geben kann, wo nicht entschieden oder gewählt werden kann, weil die anderen Möglichkeiten nicht gekannt werden, meist nur ein: „es machen oder es nicht machen“ gibt und was aktuell zum einen oder anderen führt ist dann etwas völlig belangloses: das Handtäschchen der Frau hatte es mir angetan, der Frau mit der ich mein Leben verbrachte….?

Von den oben genannten Autoren werden ganz unterschiedliche Menschenbilder gezeichnet, die aber alle im Gegensatz zu dem Bild stehen, das wir aus den Systemkonstruktionen eines Luhmann vorgestellt bekommen.

Nimmt man dieses verschwiegene, vordergründig beruhigend wirkende Menschenbild Luhmanns zusammen mit dem handelnden Menschen, den er aus den Systemen ausgeschlossen hat, dann fallen natürlich all die, die mit etwas nicht zufrieden sind raus!

Sie sind letztlich gar nicht berechtigt sich zu beklagen, zu protestieren, können sie doch nicht die größeren Zusammenhänge und Strukturen der Systeme erkennen, wie systemtheoretisch geschulte Soziologieprofessoren uns immer wieder klar zu machen suchen.

Geht es doch um Weltgesellschaft, wer hat denn da noch was zu sagen, nur noch Fachleute ….!

 

 

 

(X) Das Soziale mit dem Körper zu vergleichen, das ist für Luhmann ein Graus, zu dem er nicht zurück will. Ja, der Man ist modern!

(1) Niklas Luhmann „Soziale Systeme- Grundriss einer allgemeinen Theorie“ / Suhrkamp Taschenbuch / Wissenschaft 666

Sarah Blaffer Hrdy „Mütter und Andere“  Berlin Verlag GmbH, Berlin 2010

Jean-Paul Sartre „Das Sein und das Nichts“ Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 1993

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s