Heft 9 – kynische Vernunft

Systemtheorie

Heft 9 – Systemtheorie und Kynische Vernunft

Niklas Luhmann in Form einer Kritik zu würdigen, findet in diesen Schwarzen Heften statt, indem die Bruchkanten und Hilfsstützen, die kreisenden Spiralen, das Überdruckventil und die im Wind wehenden Fähnchen der Konstruktion Systemtheorie aufgesucht werden.
Weiters werden deren Begriffe in ihre Anwendung auf die Sozialgeschichte geprüft.
Sprachkritik kommt auch vor, werden doch Begriffe und Sätze, die Luhmann in die Diskussionen mit einbrachte, inzwischen bei Jubiläen, bei Totenfeiern und in Predigten angewandt.

Sobald die Sprache eines Autors weit jenseits der Flüsse, denen sie einst zugehörte, inzwischen alles bewässert, wird eine „Kynische Vernunft“ bewusst mit Missverständnissen arbeiten müssen.

Es wäre ja vermessen, Luhmann heute nicht willentlich misszuverstehen, wenn missverständlicher Gebrauch seiner Sätze geradezu seinen Wert darstellen.

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Die Kritik des Lehrgebäudes – als klassische Methode der Kritik – steht namentlich vor der Schwierigkeit, einem geschlossenen Begriffssystem gegenüber zu stehen, das immer recht behält.

In dem modernen Theoriegebäude Systemtheorie wird das Soziale identisch mit Kommunikation gesetzt. Dem kann, obwohl die Übereinstimmung verkürzt, aber nicht widersprochen werden.

Erstens ist meine Aussage, wie Sie sehen, ja schon Teil einer Kommunikation, und:
zweitens , ist alles, was nicht Kommunikation ist – wie der menschliche Körper – nicht Kommunikation und tritt nur als Wort, Code, als Operation in Kommunikation auf.

Der menschliche Körper, dessen Soma sich (außerhalb von Systemtheorie) nicht eindeutig in sozial, psychisch, biologisch aufteilen lässt, erscheint systemtheoretisch innerhalb von Kommunikation und muss, in der Theorie, als von dieser abgetrennt angenommen werden.

In der Wirklichkeit aber (außerhalb von Systemtheorie ), wenn ich jemanden beschimpfe, verletze ….., ist Soma und Kommunikation ungetrennt, ineinander-miteinander-spielend wirksam.

Es kann nicht alles kommuniziert werden, was somatisch ist, wie Leiden, Schmerz, Sterblichkeit, Verletzbarkeit. Die Fragilität des Körpers bleibt sozial immer auch ( siehe Emanuel Levinas zu „Antlitz“, und Jean-Luc Nancy in „Corpus“) unterhalb
– wenn Sie wollen über – der Schwelle der Kommunikation wirksam.

Luhmann trennt Kommunikation vom physischen Leib , der Seele und dem Geist, denn nur so kann er sein Denkmodell von System und Umwelt aufrechterhalten.
Soziale Systeme sind nach Luhmann so gebaut, dass sie ihr Verhältnis zur Umwelt intern regeln, ihre Bild von Umwelt autopietisch intern erzeugen und dies in ihrem Verhältnis zur Umwelt immer wieder neu nachjustieren.

Wird von der Theorie Kommunikation mit dem Sozialen identisch gesetzt, fallen die Körper – die Menschen – aus dem Sozialen heraus!

Was hier aber (nur) aus einer Konstruktion herausfällt,, fällt eigenartiger Weise in der sozialen Wirklichkeit auch immer wieder heraus : Einzelne Menschen, viele einzelne Körper, deren Empfinden, Leiden, Schmerz, Gewalt…..werden ausgeschieden, übersehen, finden kein Gehör, werden verletzt, gedemütigt, nicht wertgeschätzt…!

Gehören diese Menschen nicht zur Ganzheit des sozialen Körpers?

Eine der großen sozialen Taten war, den Namenlosen, den Leibeigenen Namen zu geben, damit sie im Sozialen vorkommen.

Das grausamste ist, wenn den Menschen in den Lagern, im Gefängnis, in mitten unserer Zivilisation alles genommen wird, und ihm nur noch das „nackte Leben“ ( Giorgio Agamben) bleibt.

Das noch nicht sozial Gewordene , da nicht kommunizierbar – im Sinne der Systemtheorie – ist geradezu das Zentrum des Sozialen.

Die Herausgefallenen sind auch nicht einfach nur beobachtbar, da das Soziale im Sinne der Systemtheorie nur über Begriffe wie z.B. den der Liebe verfügt, der aber wiederum nur vom Menschen ausgebildet, eingeübt werden kann.

Wann Liebe Liebe ist, liegt außerhalb von Kommunikation. Innerhalb von Kommunikation liegt, wie der Begriff der Liebe verwendet wird. Für Liebe gibt es aber nur den Menschen als Träger – der systemtheoretisch nicht zur Kommunikation gehört -, für den Gläubigen auch noch Gott.

 

 

Jean Luc Nancy, „Corpus“, diaphanes 2003, 2. Auflage, Zürich-Berlin 2007

Emmanuel LÉVINAS, „Totalität und Unendlichkeit“, Versuch über die Exteriorität, Alber Studienausgabe. 4. Auflage 2008, Freiburg-München

Giorgio Agamben „Homo sacer -Die souveräne Macht und das nackte Leben“ (edition suhrkamp) Taschenbuch – Februar 2002

 

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