Heft 10 – Systemtheorie angewandt

Heft 10 – Kynisch fortgesetzt: Nationalsozialismus und „die modern funktional differenzierte Gesellschaft“

Nach dem Vorspiel zurück zur Moral in der Gegenwart

Es kann nicht ausbleiben, dass der Holocaust, der Archipel Gulag bzw. deren Wirkung auf die Gegenwart hier behandelt werden.

Will der Stellenwert der Moral im Werk von Niklas Luhmann genauer untersucht werden, können die langfristigen Wirkungen, die der Menschenwürde, durch die Vernichtung der Juden und Tausend anderer zugefügt wurde, nicht außer Acht gelassen werden.

Die geschichtliche Tatsache der nationalsozialistischen wie der kommunistischen Lager vergegenwärtige ich mir, nicht weil im Untergrund, in den Hinterstübchen unseres Denkens ein verschleppter Faschismus oder Stalinismus lauern möge, sondern weil damit das Vertrauen in verbindliche Menschenwerte zerbrach.

Eine Grundlage des Sozialen, nämlich das Vertrauen in eine verbindliche Moral, geriet so in Zweifel, dass eine Neubesinnung auf moralische Werte sich nach dem 2. Weltkrieg äußerst schwierig gestaltete.

Danach kann “nichts mehr dasselbe sein wie vorher“, so sahen das aufgeklärte Beobachter der Nachkriegszeit.

„Der Begriff einer nach Auschwitz auferstandenen Kultur ist scheinhaft und widersinnig, und dafür hat jedes Gebilde, das überhaupt noch entsteht, den bitteren Preis zu bezahlen….“

So Adorno zur Ergänzung des vielzitierten und viel missverstandenen Satzes: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“.

In totalitären Systemen haben Menschen so zu funktionieren, dass das System funktioniert.
In der Systemtheorie funktionieren Systeme, Menschen fallen einfach heraus!

Wir könnten uns einmal ganz sarkastisch systemtheoretisch die Frage stellen:
Ist der Nationalsozialismus und sein Regime nicht geradezu der Beweis dafür, das funktional differenzierte Systeme ( – so undifferenziert war das Dritte Reich nicht – Hitler wurde gewählt! -) sich selbst auch vernichten können und sich selbst, nicht nur differential, autopoetisch unablässig erneuern müssen?

Besonders wenn sie als System konsequent durchgeführt werden, hindert nicht einmal deren Vernichtung sie daran, als Untote, als Vampire zu funktionieren (Francisco Franco, Augusto Pinochet) und ihr Unwesen weiterhin zu treiben.

Giorgio Agamben weist uns in „Homo sacer“ auf die aus aller Rechtsordnung fallenden Vogelfreien hin. Es sind immer die Körper die rausfallen, es ist immer das biosoziale Leben auf das die Herrschaft, auch in Gestalt des Konsums zugreifen will. Uneingeschränkte Herrschaft kann am Körper bestens ausgeübt werden.

So lernfähig ist „die funktional differenzierte Gesellschaft“ scheinbar doch wieder nicht!
Aber vielleicht sind ja heute alle Menschen integriert, nur mir fehlt der Sinn hierfür?

Wer aber ganz zynisch argumentieren wollte, könnte auch sagen, da ein System wie der Faschismus weit über seinen Tod hinaus existiert, ist er doch geradezu ein Belegt für die selbsterneuernde Kraft „modern funktional differenzierter Systeme“.

Philipp Reemtsma hat in einem Interview aus dem Jahre 2014, zu seinem Buch „Vertrauen und Gewalt“ auf die zivilisatorische Leistung hingewiesen, die nach dem Kriege erbracht wurde: „Trotz der extremen Gewalterfahrung gelingt es nach dem Zweiten Weltkrieg an den zivilisatorischen Standards festzuhalten. Die Massenmorde werden nicht als Widerlegung der Moderne und ihrer Gewaltaversionen verstanden.“

Was er etwas lapidar als „zivilisatorische Standards“ und als „Widerlegung der Moderne und ihrer Gewaltaversionen“ bezeichnet ist unter anderem die moralische Auffassung, dem Staat darf es nicht erlaubt sein, ein Todesurteil zu fällen
(- sprachlich fällt hier immer noch ein Beil -) egal was der Verurteilte verbrochen hat. Als weiteres führt er die Ächtung der Folter an, die gleich, in welchem Fall, nicht angewandt werden darf.

Baue ich mir dieses sein Bild der Nachkriegszeit aus, so könnte es leicht so aussehen, als würden die Institutionen, die verfassungsgebenden Organe, die Justiz, die Gerichte, die Wirtschaft – die moderne funktional differenzierte Welt – jene Leistung erbracht haben, die uns wieder in zivilisierte Bahnen gelenkt hat.

Ich gebe zu, als eine Art Vorbrenner kann das Grundgesetz gesehen werden, zu dem Carl Schmitt als geistiger Vater des Grundgesetzes ein nicht Genannter, immer wieder nicht genannt wird.

Schauen wir aber die Institutionen der Nachkriegszeit selbst an und wie sie nach dem Krieg gearbeitet haben, so ist der zivilisatorische Schub und die „Wiedererlangung von Gewaltaversionen der Vorkriegsmoderne“ – was immer das heißen mag? – durch die Einsetzung des Grundgesetzes in der BRD nach außen hin wohl vollzogen, aber die Ideale des Grundgesetzes war den Menschen und den Institutionen , dem was sie dachten, empfanden und lebten, wie sie entschieden und arbeiteten weit voraus.

Es bedurfte vieler einzelner Menschen, die aus einem – man kann es nicht anders nennen – moralischen Impetus heraus und befördert durch die Hoffnungen, eine „bessere Welt“ schaffen zu können, im vieles vereinfachendem Schutz des Eisernen Vorhanges und unter dem Schutz der Alliierten sich unermüdlich dafür einsetzten, diese Ideale in Ansätzen zu verwirklichen.

Die sogenannten „Standards“, wie Reemtsma sie nennt, boten aber hierfür wenig Hilfe, im Gegenteil, die Vertreter der Standards taten alles Erdenkliche, damit diese Standards nur Standarten bleiben.

Zuerst und lange Zeit sah es so aus: In den Verwaltungen, an Gerichten, den Universitäten, in Industrie und Wirtschaft, sogar in so kritischen Institutionenwie der Redaktion des „Spiegels“ und der „Zeit“ saßen alte Nazis, die aus ihrer strammen Haltung keinen Hehl machten, wie uns Marcel Reich-Ranicki in „Mein Leben“ berichtete.

Der hoch geschätzte Joachim Fest (ehemals Herausgeber der FAZ) gab die Biografie von Albrecht Speer heraus und beförderte damit wissentlich die naiv gespielte Unschuld eines Albert Speers, mit der sich viele ehemalige Nazis identifizieren konnten.

Diese fallen mir spontan ein, um die widersprüchliche Stimmung der Nachkriegszeit zu charakterisieren.

Der Fall Hans Filbinger ist weit bekannt, von 1966 bis 1978 war er Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, ehemals Marinestabsrichter, verurteilte er den fahnenflüchtigen Walter Gröger am 16. März 1945 zum Tode.

Die Auseinandersetzung um seine Person und um das von ihm in den letzten Tagen des II Weltkrieges gefällten Todesurteils erregt die Gemüter bis in die Gegenwart. Ähnlich wie der Fall Waldheim in Österreich steht Filbinger in der BRD dafür, dass die Beurteilung einer Tat gerade, wenn zwischen rechtlicher und moralischer Ebene zu trennen ist, nicht so einfach ist und letztlich jeder für sich ein Urteil fällen muss!

Filbinger steht hier als Beispiel eines Prozesses der Nachkriegszeit, in dem es gerade nicht darum ging, rechtlich objektiv zu verurteilen, sondern herauszufinden, welche Moral jemand ganz persönlich für sich verantworten kann und will.

Das Gegenteil einer systemgetragenen Moral!

Dr. Heinrich Gross, österreichischer Arzt, der als Stationsleiter der „Reichsausschuß-Abteilung“ an der Wiener „Euthanasie“-Klinik am Spiegelgrund in Wien arbeitete, war nach dem Krieg bis 1978, der von der Bundesrepublik Österreich meistbeschäftigte Gerichtsgutachter (rund 12.000 Fälle).
In seiner Funktion als Gerichtspsychiater saß Gross am 27. Dezember 1975 dem ehemaligen Spiegelgrund-Insassen Friedrich Zawrel gegenüber. Zawrel erkannt in dem Gutachter jenen Arzt, der ihn und viele Kinder in der Anstalt am Spiegelgund gequält hatte, so konnte 1983 der Nachweis seiner Mitverantwortung an der Euthanasie erbracht werden.

Nur eines der Beispiele wie lange selbst Gericht brauchten, um dem nachzukommen was in Österreich mit dem Staatsvertrag (1955) institutionell Recht geworden war und dass es immer einzelner Menschen ( z.B. Werner Vogt von der „Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin) bedarf, die sich dafür einsetzten, dass dieses Unrecht als Unrecht erkannt und anerkannt wird.

Am Fall Dr. Gross wird auch deutlich, wie ausgesetzt die Körper dem Sozialen sind. Sie sind der empfindlichste Teil des Sozialen, gerade wenn sie zum Objekt im Sozialen werden, bzw. als Subjekt beschimpft werden und als Objekt missbraucht werden.

Letztlich waren es immer einzelne Menschen, die aus einer persönlichen moralischen Haltung heraus Deutschland, Österreich wieder demokratisch machten. Die Institutionen, Strukturen, Systeme und auch deren Zusammenspiel war kein „Supersystem“, das Demokratie erzeugte.

Wie lange brauchte es bis die Degussa und der I.G. Farben-Konzerns seine unrühmliche Vergangenheit als Produzent des Nervengases Zyklon B zugab?

Wann gaben die Schweizer Banken zu, in ihren Kellern das Zahngold der ermordeten Juden zu horten?

Nur um an einigen Beispielen deutlich zu machen, wie lange Systeme brauchen, um auf „modern“ umzustellen und deren strukturelle Trägheit dem erhabenen autopoietischem Ideal widerstreben.

Es war auch nicht das Zusammenwirken von Wissenschaft, Recht und Wirtschaft, die „funktional differenzierte Gesellschaft“, die diese Einsichten erwirkte…..?

Außerhalb von Gerichtssälen, wenn es um um Kunst ging, gerieten die alte Recken mit ihren Standarten so aneinander – unvorstellbar heute! Da entstand jene Reibungswärme der Gemüter, die im Durchsetzen von Grundgesetzformulierungen im Schutz der Alliierten sich nicht bilden konnten.

Hierzu zwei Links:

Joseph Beuys, Club 2, 1973

Joseph Beuys in der Diskussion mit Arnold Gehlen

Im Vorspiel zur Entlassung von Professor Joseph Beuys an der Akademie Düsseldorf durch den Wissenschaftsminister Johannes Rau (SPD), im Jahre 1972 zeigte sich dann deutlich, die BRD war nicht die Fortsetzung einer Moderne der Vorkriegszeit unter geänderten Voraussetzungen, sondern sie musste neu konstituiert werden. Wobei alte Vorstellungen, auch wenn sie sich im Gewand der sich damals liberal gebenden SPD versteckten an völlig neue Vorstellung von Freiheit gerieten.

Dies „Funktionale Differenz“ zu nennen, wäre wohl eher tief gestapelt. Ohne „funktionale Dissonanz“ zuzulassen ging in den 70er 80er Jahren gar nichts!
Was Niklas Luhmann nicht so lieb gewesen sein mag?

Noch einmal Jan Philipp Reemtsma: „Indem man das Bewusstsein der Fragilität in unsere Vorstellung der Moderne einbaut“ wird unser Gesellschaftsentwurf sich weiterentwickeln.

„Dieses Bewusstsein der Fragilität hat Folgen, etwa die Respektierung des Völkerrechts. Oder die Ablehnung der Todesstrafe, die ich für ein Instrument zur Rebarbarisierung der Bevölkerung halte. Oder die Notwendigkeit des absoluten Verbots der Folter im Rechtsstaat, selbst in extremen Fällen, etwa wenn man nur durch Folter erfahren kann, wo sich ein entführtes, der Lebensgefahr ausgesetztes Kind befindet……….
Ich hatte zu diesem Thema ein interessantes Gespräch mit einem höheren Polizeibeamten. Er sagte, wenn es dazu kommen sollte, dass diese Restriktionen gelockert werden, wenn Folter irgendwann zum Aufgabengebiet der Kriminalpolizei gehören sollte, werden sich andere Leute bewerben.“

Im Gegensatz zu Luhmanns Systemtheorie geht Reemtsma hier von einem anthropologischen Menschenbild aus, das er normativ verankert sehen möchte.
In dem er aber dieses an die Autorität der Menschenrechte delegiert, übergeht er gerade die Fragilität des Menschen.

Reemtsma sagt nicht – und das würde Niklas Luhmann auch nicht sagen – dass das Soziale nicht leitender moralischer Richtlinien bedürfe.

Nur, was soll der Ruf nach den Menschenrechten – jetzt nicht mehr Reemtsma – was soll der Ruf nach Regelungen der Europäischen Union bei der Einwanderungsfrage, der Ruf nach übernationalen Standards in der Hochschule und Bildungsfrage (Bologna) und der Ruf nach der Europäischen Bank, die sich zu den verschuldeten Nationalstaaten etwas einfallen lassen soll.

Was kommt dabei raus, wenn die Fragen nur immer an höhere Ebenen weitergereicht werden?
Eine völlig überschuldete Europäische Bank ……………
Ich mag nicht mehr weiter, den Rest,
kann der Leser ja selbst ergänzen.

„Schau Mami, das bin Ich,
da schau doch, der Chinese, da hintn,
der mit dem Smartphone
in der dritten Zeit Epoche
Dort oben, hinten, vorne..
im Hamsterrad
Mami, ist das nicht schön!
Mach einfach a Foto
wir spüren’s doch eh nit!“

 

 

Theodor W. Adorno, „Jene zwanziger Jahre“, In Kulturkritik und Gesellschaft 1949/1951, erstmals im Rahmen einer Festschrift für den Soziologen Leopold von Wiese veröffentlicht

Jan Philipp Reemtsmas /
Zitiert aus der Zeitschrift / brand eins / Ausgabe 10/2014 – „Schwerpunkt Vertrauen“ – Jan Philipp Reemtsma im Interview „Gewalt kann eine Lebensform sein“ zu dem Buch / „Vertrauen und Gewalt“ / Hamburger Edition

Giorgio Agamben „Homo sacer“, Die souveräne Macht und das nackte Leben (edition suhrkamp) Taschenbuch – Februar 2002

 

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