Heft 7 – zum Schlussbaustein

Heft 7 – der Schlussbaustein

 

Der fehlende Schluss-Baustein-Mensch im
Sozialgebilde des Niklas Luhmann – zu dem er sich ausdrücklich bekannte – wird von einigen Autoren geradezu als das positive seiner Theorie bezeichnet.

Bei Niklas Luhmann kommt der Mensch nicht als das denkende Tier vor, nicht als eine anthropologische Größe, sondern immer im Zusammenhang mit moralischen Urteilen, beziehungsweise mit moralischen Werten, die der Menschen hat, bzw. zu haben hat: „Wen solche Lehren nicht erfreuen / Verdient es nicht, ein Mensch zu sein.“ (L.L.133)

Eine typische Reaktion von Luhmann, mit der er immer wieder vorführt, wie diese moralischen Lehren jene Menschen, die diesem Moralbild nicht entsprechen ausmerzen, gefangen nehmen, wegstecken, ausschließen.

Der vom Guten spricht ist natürlich der Gute, kann gar nichts anderes als der Gute sein, er steht ja auf der Seite Gottes oder der Natur. Ausgeschlossen wird dann der, der sich nicht gut ist, oder sich nicht gut verhält.
Über Moral wird sozial inkludiert, beziehungsweise Exklusion betrieben, so Luhmann.

Peter Sloterdijk führt uns in dem Aufsatz:
„Luhmann, Anwalt des Teufels / Von der Erbsünde, dem Egoismus der Systeme und den neuen Ironien“ (L.L. 91)
in seiner barocken Sprache vor, wie der Teufel, der sich von Gott abgewandt hat, über die Jahrhunderte unser Bild des Menschen bestimmt.
Der Mensch ist der sich Einkrümmende (Augustinus), der Egoisten und Narzisst (Freud) und mit Schuld übermäßig beladene.

Bis „Luhmann, als resolut moderner asatanischer Anwalt des Teufels…., der Verteidiger einer klomplexer als je zuvor beschriebenen Sozialen Normalität“ wurde und uns zur „Unschuld des Funktionierens“ (L.L.131) verführt.

„ Luhmanns typische Abstinenz von moralisierenden Begriffsbildungen… bewirkt … eine erheiternde De-Eskalation in allem, was die Kulpabilisierung des Menschens anbelangt.“(L.L.125)

„Seinen Beitrag zur Theoriekultur der Zukunft…..(ist) von der Unschuldsvermutung gegenüber Subjekten und Systemen welcher Art auch immer geprägt.“(L.L.131)

So die hymnische Aufnahme des Niklas Luhmann in den Tempel der großen Geister, wo er neben Hegel und dem Autor Peter Sloterdijk selbst einst aufzubahren sein wird!

Luhmann, der uns wieder die Leichtigkeit des Seins gebracht hat, der uns frei von Schuld auf die „funktional differenzierten Systeme der modernen Welt“ blicken lässt , und auf ihre Komplexität, die uns von der belastenden Schwere moralischer Gesichtspunkte absehen lässt.

Denn, die auf Personen bezogene Moral verstellt immer institutionelle, systemische Strukturen, deshalb sei besser, man sieht von ihr ab. „- die von der Moral geforderte und von der Ethik zu begründende personale Zurechnung des Handelns(.) -davon hat sich die Soziologie distanziert; ja man kann sagen, daß diese Distanz sie überhaupt erst befähigt, die Gesellschaft zu beobachten und zu beschreiben.“ (M.d.G. 341)

Luhmann führt uns in „Ethik als Reflexionstheorie der Moral“ ausgezeichnet vor, wie Moral im Mittelalter auf Stratifikation – auf Gesellschaftsschichtung, auf den Stand – bezogen ist. Wie dann im 17Jh. die Bipolarität von gut und böse an ihre Grenzen stößt, sich nicht mehr auf Gott beziehen will, kann und deren Werte als ausschließlich soziale erkannt werden.

Mit der einhergehenden Verstärkung von Etikett, Manieren, bis zu der Möglichkeit der völligen Umkehrung des Bösen ins Gute, wie von Marquis de Sade, in „Juliette oder die Vorteile des Lasters“ durchgeführt.

Da wird uns auch die „funktional differenzierte moderne Gesellschaft“erklärt, die sich in autonome Teilsysteme, wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Recht, Kunst, Liebe aufteilt.
Jedes eigene Systeme hat für sich einen eigenen bipolaren Cod ausgebildet der gar nicht so sehr mit einem Cod der anderen Systeme koordiniert werden muss, außer im Konfliktfall.
Wenn ein Rechtsurteil wirtschaftsschädigend ist, eine Doktortitel erschwindelt wurde, wenn Kunst Persönlichkeitsrechte tangiert usw.

Moral ( und der Mensch) kann nach Luhmann kein eigenes Teilsystem sein. Er findet eine von Ethik geleitete Moral für die Gegenwart wohl nötig, sofern sie das Kriterium der Selbstreflexivität berücksichtigt.

Selbstreflexivität beziehungsweise Autopoiesis ist das Kennzeichen für das funktionieren moderner Gesellschaftssysteme. Was soviel bedeutet, dass Systeme selbst ihre Innen- wie Außen-Verhältnis bestimmen und dies immer wieder an sich verändernden Umweltbedingungen anpassen.

Dort, wo es aber darum geht die Aufgabe der Moral in einer differenzierten komplexen Gegenwart zu beschreiben fällt Niklas Luhmann dann bemerkenswert wenig ein, außer, dass so eine Moral, die sich wie ein Bakterium im Körper, in Systemen einnistet, selbstreflexiv formuliert werden müsste.

Was den großen Meinungsführern wie Dirk Baecker, Norbert Bolz, Hans Ulrich Gumbrecht, und Peter Sloterdijk entgangen ist: Das Fehlen eines ausgearbeiteten Menschenbildes tritt im Werk von Luhmann nicht nur als positives auf, sondern sein fehlen zeigt sich gerade in der Frage nach der Moral.

Luhmann führt genial und bis ins Detail aus, wie ein Menschenbild das moralisch belegt ist Soziales vergiften kann. Aber sobald es darum geht die Aufgabe der Moral und Ethik in der Gesellschaft zu beschreiben wird alles was Luhmann zu sagen hat sehr dürftig.

Wie könnte er auch, fehlt doch hier der Mensch, der Ort, dem Verantwortung zugesprochen werden kann ist der Mensch, der zuständig ist, auch wenn er nicht zuständig ist, er ist der Ort, das Zentrum des Unwägbaren.

Trotz moralischem Missbrauch des Menschen-Begriffes bleibt der Mensch und die Natur das Zentrum aller Fragen, will man nicht Gott einführen, an dessen Verlust wir ja immer noch nagen.

Die viel bejammerte Komplexität der modernen Welt, in der wir uns nicht mehr zurechtfinden und für die uns Luhmann diese wunderbar funktionierende pauschale Entschuldigung geliefert hat, sie sei eben undurchschaubar, aber das würde sich schon selbst regulieren.

Diese Undurchschaubarkeit muss auch verantwortet werden auch wenn wir, die Menschen dafür gar nicht zuständig sind.

Vielleicht ist ja Mensch sein, eine permanente Überforderung?

Sonst, ja sonst sind wir wieder bei einem Gottes-Begriff, der unser Systeme ist, das die Fragen regelt. Aber geht das heute noch? Und wenn es ginge, wollten die Menschen diesen Bezug verbindlich?

Auch wenn die Wirkung unserer Handlungen – zum Beispiel, beim Errichten von Unternehmen, Institutionen und auch bei den Systemen, die ohne, dass wir es wollten zu Stande kamen – unüberschaubar und äußerst kompliziert sind, so sind die Institutionen, Unternehmungen letztlich doch auf einfachen Prinzipien aufgebaut.

Die Frage ist eher ob wir diese erkennen?

Leider wird uns das Einfache immer nur an Negativbeispielen anschaulich:

Wenn Systeme zusammenbrechen, wenn die Twin Towers einstürzen, wenn das Wirtschaftssystem eines Landes wie Griechenland kollabiert, wenn der Terror des Islam die Grundsicherheiten Europas erschüttert.

Im Nachhinein wird immer klar, es sind ganz einfache Sachen die diese Unglücke verhindert oder gemildert hätten. Oft ist die „Einfache Sache“ auch nur, das Problem zu kennen, ohne dass dagegen etwas (einfaches) ausgerichtet werden kann.

Eine stabilere BauStatik der Zwillingstürme hätte ein bis zwei Stockwerke zerstört aber nicht die ganzen Türme einstürzen lassen.

Hätte Griechenland den Konkurs angemeldet, wäre Ihnen und uns viel erspart geblieben.

Auch bei in dem dritten Beispiel rauschen mir die Ohren bedenke ich die Vielfalt der Zusammenhänge dieser Frage:

Aber eines ist wohl klar, wir Europäer haben es auf ein wirtschaftlich-, sozialstaatlichen Niveau gebracht der unweigerlich Begehrlichkeiten, Neid und Aggressionen auslösen musste.

Das wussten wir schon lange, wir wussten seid langem, dass der Nähe Osten die erste Bruchkante ist, an der dieser Niveauunterschied deutlich wird. Früher war Israel das Land, das die volle Breitseite des Konfliktes abbekam, heute hat der Konflikt Europa erreicht.

Der immer wieder ausgesprochene Vorwurf: „Da machen Sie es sich aber zu einfach!“ hat zwei Seiten. In vielen Fällen macht man es sich ja wirklich zu einfach und das Einfach-machen ist ein Absehen von der Vielfältigkeit der Fragen.

Andererseits ist es wirklich eine große Kunst über Abstraktion etwas einfaches zu finden, das für die Vielfältigkeit einen einfachen Zusammenhang anbietet

Zum Abschluss eine Anekdote:

Bei der Dokumente 6 im Jahre 1977 hatte Joseph Beuys die „free international University“ gegründet, in der wir täglich über Probleme der Welt diskutierten. Ich hatte damals gerade den Habermas-Luhmannstreit gelesen und die Frage der Komplexität der modernen Welt in die Diskussion eingebracht.

Joseph Beuys antwortete mir damals, ich kann es jetzt nicht mehr wörtlich wiedergeben irgendetwas wie:  „Ein Wort könne die vielfältigen Fragen auf den Punkt bringen“.

Zum Beispiel der Begriff des Geldes: „Geld“ – so könnte er wörtlich gesagt haben – „ist kein Wirtschaftsmittel ( für Luhmann ist Geld Kommunikation), sondern ein Rechtsmittel“. Ein Gedanke, der vielfältigste Konsequenzen birgt.

Das, was Luhmann machte ist auch Vereinfachung, nämlich die Frage der Gegenwart auf „Komplexität und Reduktion von Komplexität“ zu beziehen. Er spricht von dem Vielen unübersichtlichen und vermittelt die Hoffnung, Weniges von dem Vielen als bewältigbar anbieten zu können.

Die Erleichterung des Funktionierens, welches Peter Sloterdijk himmlisch ankündigt, macht mir eher Angst, als, dass es mich entlastet würde. Dieses Einfache beunruhigt mich eher, ist doch funktionieren und funktionieren etwas völlig anderes!

Mehr könnte ich damit anfangen, wenn gesagt würde:

Jeder Tag ist Bloomsday
und
Sonntag bleibt Sonntag!

 

 

M.d.G.

Niklas Luhmann „Ethik als Reflexionstheorie der Moral“, in „Die Moral der Gesellschaft“/ Suhrkamp Taschenbuch / Wissenschaft 1871

L.L.

Luhmann Lektüre / Dirk Baecker, Norbert Bolz, Peter Fuchs,
Hans Ulrich Gumbrecht, Peter Sloterdijk / herausgegeben von Wolfram Burckhardt / Kulturverlag Kadmos Berlin

 

 

 

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