Heft 5 – zweiter Teil – Daniel in der Löwengrube

Heft 5

zweiter Teil – Daniel in der Löwengrube

Schließt jemand aus seiner theoretischen Konstruktion der sozialen Welt den Menschen aus, heißt das natürlich nicht automatisch, dieses Denksystem sei inhuman!

Es kann ja auch heißen, und so verstehe ich Luhmann, dem Aufklärungs-Impuls, im Sinne der „Dialektik der Aufklärung“ zu misstrauen, da dieser sich gegen sich selbst wendet.

Jede Moral läuft letztlich auf Achtung oder Missachtung hinaus und moralische Normen und Aussagen werden mit Mitteln durchgesetzt, die gegen diese Ideale selbst gerichtet sind, z.B. die Botschaft christlicher Liebe wurde mit Schwert und Feuer durchgesetzt.

Luhmann steht der indikativen, imperativen und universalistischen Moral deshalb skeptisch gegenüber und sieht ihre Funktion im differenziert modernen Gesellschaft System fraglich.

Wo und wie die Funktionalität der Moderne Moral ablösen soll, ist mir aber noch nicht ganz deutlich geworden.

Erlebe ich die doch zunehmende Funktionalität in der Gegenwart wohl als eher als eine, in der Moral nicht mehr gefragt ist, aber ist sie deshalb nicht mehr nötig?

Und läuft Moral immer nur auf Anschluss oder Ausschluss hinaus, auf Anerkennung oder Aberkennung, wie Luhmann feststellt?

Oder anders gesagt ist Achtung und Missachtung das Ziel moralischer Aussagen?

Nehmen wir den Schutz des menschlichen Lebens, ohne jetzt im speziellen auf juristische Implikationen einzugehen, wie Abtreibung, genetische Manipulation, die medizinische Frage, wann jemand tot ist, darf man sich selbst töten usw.

Unbestritten ist wohl, das Leben eines Kindes, eines Jugendlichen, eines alten Menschen, wer oder wie auch immer, soll geschützt werden.

Dass jener, der gegen diese Regel verstößt dann missachtet wird, ist nicht Ziel der Regel, sondern eine notwendig Konsequenz, die natürlich in ihrer Härte gegenüber den zu Schützenden abgewogen werden muss (Beispiel Abtreibung).

Es geht ja um die Achtung des zu Schützenden. Was ist aber Achtung des zu Schützenden?

Es ist das Wissen darum, dass wir, so viel wir auch Kenntnisse über das Leben haben, letztlich vom Leben wenig oder nichts wissen.

Achten ist Wissen vom Nichtwissen!
Wenn im Winter ein steiler Hang als Lawinengefährlich markiert wird, dann ist das nicht Missachtung meiner Freestyle-Bedürfnisse als Border, sondern der Hinweis auf eine lebensgefährliche Situation, in die ich mich bringen kann, beziehungsweise ich durch mein Beispiel andere bringe, die mir folgen oder die mich retten wollen.

Die Lawinenwarnung ist der Hinweise auf eine Gefahr aus der Natur, aber auch der Hinweis andere zu gefährden – die Bergrettungen wüsste dazu einiges zu sagen.

Fassen wir das als Kommunikation auf, wenn es schon sein muss – ich glaube ja nicht an die Allmacht des Begriffes der Kommunikation, dann wäre Achtung ein sich öffnen der Kommunikation zu etwas, das nicht kommuniziert werden kann, nämlich Leben!

Gemeinsamkeit und Verschiedenheit von Heidegger und Luhmann:

Eigenartigerweise schließen beide, Luhmann und Heidegger den Menschen aus.

Luhmann schließt den Menschen aus um den Systembegriff als Kommunikation aufrecht zu erhalten. Heidegger schließt den Menschen aus, um den Begriff des Seins vor dem Vorhandensein zu schützen.

„ am 18. Dez.1939 sagt Heidegger, die Rettung (des Seins) müsse nicht um 300 Jahre, sondern um ‚vielleicht 200 Jahre‘ verschoben werden. Diese ferne Zukunft führt über den Menschen hinaus. Der letzte Akt der Vollendung der Technik wird sein, dass sich die Erde selbst in die Luft sprengt und das jetzige Menschsein verschwindet. Was kein Unglück ist, sondern die erste Reinigung des Seins von seiner tiefsten Veranstaltung durch die Vormacht des Daseins“ ( 214)

Luhmannn mit Heidegger in Verbindung zu bringen, über den Titel „der schwarzen Hefte“ entbehrt nicht einer gewissen grotesken Komik, würde Heidegger doch in Luhmann die Inkarnation des rechnenden Denkens erkennen, in ihm die Rationalität eines Descartes, Kant und Hegel, in einer unserer Zeit angepassten Maske.

So könnte wechselseitig der blinde Fleck des Denkens des des jeweils einen Autors im anderen erkannt werden.

Luhmanns Denken entsprang dem Erstaunen vor der modernen Welt, wie hochkomplexe Gesellschaften ohne eines zentralen Leitungssystems funktionieren können?

Heidegger staunt in der Entdeckung des Seins, dem das Dasein und VorhandenSein immer und besonders in der Moderne, seinen Rang abläuft. In der Modernen, die sich ausschließlich auf das Vorhandensein konzentriert, schien ihm immer wieder das Sein verloren zu gehen.

Hier begebe ich mich aber auf absolutes Glatteis, denn Martin Heidegger hat gerade die Juden mit dem Attribut des rechnenden Denkens belegt, aber eben genauso Descartes, Kant und Hegel.

Der die Moderne kritisierende Denkansatz von Martin Heidegger, welcher besonders die französischen Intellektuellen anspornte – ein Werk, wie das von
Michelle Foucault ist diesem Denkansatz zu verdanken – wird durch den Antisemitismus der „schwarzen Hefte“ bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

Die Kritik der Moderne, die keinem Feind mehr zugerechnet werden muss, bleibt aber aufrecht.

Wie steht es aber mit dem Antihumanismus beider Autoren?

Interessante daran ist, bei beiden tritt der Antihumanismus an jener Stelle auf, wo ihre zentralen Begriffe infrage stehen könnte.

Bei Luhmann wird der Mensch aus dem sozialen System, welches ein Kommunikationssystem ist ausgeschlossen. Bei Heidegger steht das Sein höher als der Menschen, der zum Vorhandensein gehört welches der Sicht auf das Seine im Wege steht.

Der Ant-Humanismus ist ja eine weit verbreitete Krankheit der Moderne, dessen sich viele Autoren und Strömungen rühmen können und den sie auf ihre Fahnen geheftet haben, gerne tritt der auch in Verbindung mit demokratieskeptischen Argumenten auf. Einen Weg den wir jetzt nicht weiter verfolgen.

Der berechtigte Skepsis gegenüber dem Humanismus werde ich auch nicht nachgehen.

Es genügt mir der Bild-Hinweis darauf, dass in beiden Denksystemen, bei Luhmann wie Heidegger der Schluss-Baustein der den Bogen schließen sollte, der Mensch heraus genommen werden musste, um die Denk-Konstruktion aufrecht zu erhalte.

Dass der Schluss-Baustein, wie die antiken Baumeister wussten, besonders gekennzeichnet werden muss, hat schon seinen Sinn.

Dieter Thomä „Wie antisemitisch ist Heidegger“ in
„Martin Heideggers ‚Schwarze Hefte’ eine philosophisch politische Debatte.“
herausgegeben von Marion Heinz und Sidonie Kellerer ; unter Mitwirkung von Tobias Bender
Berlin Suhrkamp, 2016.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s