Heft 5 – erster Teil – Kerberos

Heft 5

Erster Teil – Kerberos

Zuerst war der Titel „Luhmanns Schwarze Hefte“ nur eine Ahnung – als Künstler gehe ich immer instinktiv vor – gepaart mit einer gewissen Chuzpe hatte ich den Titel gewählt ohne wirklich zu wissen was ich da tue.

In der Arbeit zu diesem Heft beginne ich die Untiefen zu ahnen, in die ich durch die Bezugnahme der „Schwarzen Hefte“ von Martin Heidegger auf Niklas Luhmann gerate.

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Der systemtheoretische Ansatz von Niklas Luhmann nötigt dazu, den Mensch nicht als Teil des sozialen Systems zu nehmen, da „Soziale Systeme als Kommunikationssysteme aufgefasst“(S.272) werden.
Der Mensch ist nach Luhmann – ausdrücklich –  nicht Teil des sozialen Systems, er gehört zum psychischen Systemen und kann mit sozialen Systemen kommunizierend in Verbindung treten.

Als Persona ist er inkludiert, als Individuum hat er sich ( über die Sozialgeschichte) exkludiert, ist er ausgeschlossen,(Fußnote S. 278). Der Körper als biologisches System befindet sich auch außerhalb des sozialen Systems.

Diese Tatsache, dass der Mensch nicht Teil der sozialen Systeme ist, wird von einigen Autoren als positiv empfunden, da, so wird gesagt, dem Menschen damit seine Freiheit gelassen werden kann und  das Individuum ist nach Luhmann ja ein Ergebnis sozialer Evolution.

Die konsequent durchgeführte Systemtheorie führt in der Anwendung aber zu eigenartigen Konsequenzen, von deren eine mir im folgenden begegnet ist.

In dem Artikel „Ethik als Reflexionstheorie der Moral“ führt Luhmann aus, wie „jede moralische Kommunikation symmetrische Kommunikation ist“, was so viel heißt, derjenige, der ein moralisches Urteil abgibt, muss dies auch auf sich anwenden.

Keine Person kann sich aus dieser symmetrischen Kommunikation ausschließen, weder im Gefängnis noch als Terrorist.

Gerade Terroristen legen ja großen Wert auf die Teilnahme am Kommunikationsprozess, in dem sie Bekennerbriefe abschicken, so Luhmann und weiter:
„Dies (Bekennerbriefe abzuschicken) scheint gemeint zu sein, wenn die Moral, gebunden an ihre eigene Terminologie, ein Postulat der Unverzichtbarkeit der Menschenwürde aufstellt.“(S.278)
Die Unverzichtbarkeit der Menschenwürde bezieht sich hier auf die Symmetrie der Kommunikation die es nicht erlaubt, dass Personen exkludiert, ausgeschlossen werden, sie werden, so die Regel, immer in den symmetrisch verlaufenden Kommunikationsprozess mit hineingezogen.

Jetzt kommt aber der entscheidende Satz: „ …als Kommunikationsteilnehmer sind andere nicht zu eliminieren es sei denn; man tötet sie. Ob das ein Verstoß gegen die Menschenwürde wäre, mag die Hermeneutik des Begriffs klären. Jedenfalls muss man, wenn man nicht tötet, ertragen, dass andere, die den Moralgeboten nicht folgen, trotzdem noch da sind. Wir können sie moralisch verurteilen, sie mit Verachtung strafen“ ….. „Das Kommunikationssystem Gesellschaft folgt eigenen Ordnungen, es kann nur Nichtkommunikation ausschließen, in dem es Kommunikation durch Kommunikation  reproduziert. Es kann nicht Menschen ausschließen, die ja ohnehin nicht zum System, sondern zur Umwelt des Systems gehören.“ (S.278)

Was geschieht hier gerade?
Der Bruch mit dem Humanismus, auf den Luhmann ebenso wie Martin Heidegger aus ganz anderen Gründen stolz waren, zeigt hier an Luhmanns theoretischem Konstrukt seine Wirkung.

Den Begriff der Menschenwürde bezieht hier Luhmann eindeutig nur auf das Kommunikationssystem. Menschenwürde ergibt sich nach Luhmann aus der Notwendigkeit wechselseitiger Kommunikation, aus dem, dass wir nur symmetrisch kommunizieren, wir immer in den Kommunikationsprozess mit einbezogen sind. Wechselseitige Kommunikation ist für Luhmann die Grundlage der  Menschenwürde. Zumindest lese ich das so aus den Formulierungen heraus.

So ist der Mensch als lebendiges Wesen, der außerhalb der Kommunikationssysteme steht, nur eine beiläufig hermeneutische Frage.  Ob er getötet wird, ist dann keine Frage der Menschenwürde, sondern nur eine Frage der Auslegung.

Entschuldigend kann angeführt werden, der Text ist in  unmittelbarer Nähe zum RAF-Terrorismus verfasst worden, die Ermordung von Manfred Herrhausen, dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank geschah im selben Jahr (1989) als der Text veröffentlicht wurde.

Vielleicht zeigt die von einem Juristen verfasste Systemtheorie in ihrer Ein- und Ausschließlichkeit gerade in so einem Fall ihre Begrenztheit auf!

Die Menschenwürde ist – so verstehe ich sie zumindest – gerade dem geschuldet, dass wir Menschen als körperliche Wesen die gleichen Voraussetzungen mitbringen ansehen. Die Menschenwürde ist der Anthropologie geschuldet und aus anthropologischen Erkenntnissen destilliert, nicht aus kommunikationssystemischen Gründen eingeführt worden.

Luhmann verlässt den Humanismus – den ich hier idealisieren will – dessen oberstes Bild das unversehrte empfindliche Menschenwesen ist, das durch seiner Verletzlichkeit auf den Anderen, auf das Soziale angewiesen ist. Luhmann sieht den menschlichen Körper nur als biologisch-psychisches System an und schließt ihn aus dem Sozialen aus. Ein Verlust, der sich im realen Leben zeigt.
Das uneinholbare, unüberholbare Ideal des menschlichen Körpers, wie ihn uns die Skulpturen der Griechen aus dem 6.Jahrhunders v. Christus vorführten und der seitdem die humanistischen wie christlichen Gedanken bestimmt, ist in seiner Offenheit und Plastizierbarkeit das, was dem Sozialen Zukunft gibt. Der Körper ist das Unerfüllte, das Kommende jenseits aller Stilisierung, die seine Verletzlichkeit maskiert.

 

 

Niklas Luhmann „Die Moral der Gesellschaft“Herausgegeben von Detlef Horster / Verlag Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1871

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