Heft 4 – #Luhmann_Sprech

 

Heft 4

#Luhmann_Sprech

Ja merkt ihr das denn nicht, das ganze deutsche intellektuelle Milieu ist von einer Sprachkrankheit befallen, die alle Reden, Papiere, Fachzeitschriften und Aufsätze insbesondere der philosophisch-soziologischen Provenienz mit dem Virus namens #Luhmann_Sprech infiziert hat.

Wie selbstverständlich hat ein junger Wissenschaftler etwas „beobachtet“, was ja noch nicht so arg wäre, würde dann nicht das Miteinander-Sprechen eine „Operation “ sein.

Die junge Professorin stellt in einem Fachaufsatz „Anschlussfähigkeit“ fest.

Der renommierte Herr Professor spricht neulich in einem Interview von einem „System der Systeme“, das gefunden werden müsste.

Universitätsabsolventen erkennen sich gegenseitig über „funktionale Differenz“ auf Twitter.

Blogs und Accounts heißen „draw a distinction“, etwas wie  „Option_sniper“, oder „Kitchens_Distinction“, selbstbewusst nennt sich jemand „Funktion_One“.

Es gibt „Wahl_Beobachter“, lyrisch gibt sich der „Mond_Beobachter“, kindisch die „Beobachterin Anne_Snuppi“.

Ein Ordinarius der Soziologie wird im Fernsehen und Rundfunk immer wieder zu aktuellen Fragen befragt und es gelingt ihm regelmäßig, einen neuen „Beobachtungsstandpunkt“ einzunehmen, so kann er sich immer wieder geschickt den Frage-Zusammenhängen entziehen.

Vor nicht allzu langer Zeit hat sogar unser österreichischer Bundespräsident die „Komplexität unserer Gegenwart“ bedauert und für Verständnis geworben, in dieser sich zurechtzufinden.

„Unterkomplex“ ist bei Intellektuellen ein sehr beliebter „Code“  geworden, mit dem sich der Kenner kennzeichnet.

Welcher kluge Kommentator hat nicht schon mit der „Reduktion von Komplexität“ in Diskussionen punkten können?

Bei mir punktete kürzlich ein Herr Professor mit dem „Overkill an Kontingenz“.

Früher sagte man dazu, „Er sieht vor lauter Häuser das Dorf nicht mehr“, heute müssen die „vorlauten Häuser“ zerstört werden, damit das Dorf gesehen werden kann.

Mit „offenen Optionen“, „möglichen Optionen“, „gewählten und nicht gewählten Optionen“, „Verteilung von Risiken“ punkten nicht der Bankkaufmann oder die Versicherungsfrau vor zahlreichem Publikum, sondern Philosophen und Soziologen, die uns die Gegenwart erklären.

Ohne eine „funktional differenzierte Gesellschaft“ kommt heute keine Diskussion mehr aus, egal ob der Sprecher und das Publikum wissen, von was hier gesprochen wird, geschweige denn die damit verbundenen Thesen hinterfragt worden wären.

Die „Differenz“ und das „funktionale Äquivalent“ sind noch bescheidene Beispiel der hybriden Pflanzkultur Bielefelder Zucht. Es gedeihen aber auch so exotische Blütenformationen, wie die:

„ pardoxiegenerierende Zirkularität“.

Ich bitte Sie, ist das nicht ein Prachtexemplar!

In den siebziger Jahren, als Habermas und Luhmann noch darum stritten, ob das Subjekt für Gesellschaftstheorie konstituierend angenommen werden kann, waren solche Wortblüten noch nicht auf der Anrichte.

Es war auch nicht denkbar, dass „operative Estimologie“ einmal wie selbstverständlich öffentliche Diskussionen bestimmen.

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Warum aber bestimmen Luhmannsche Termini derart zunehmend die Diskussion im deutschsprachigen Bereich?

Der Erfolg der Systemtheorie von Luhmann in den Einzelwissenschaften, innerhalb von Institutionen der Justiz, der Medizin, des Sozial- und Finanzwesens, in Lehre, Forschung, Beratung, Therapien scheint in keinem Verhältnis zur Häufigkeit des Gebrauches von Wörtern zu stehen, die Luhmann in die Diskussion eingebracht hat.

Wieso eignen sich „funktionale Differenz“ als Wieder-Erkennungs-Merkmale für diejenigen, die meinen den Durchblick zu haben?

Wieso kann man verblüffen, wenn man heute auf die „funktionale Ebene“ der Gesellschaft hinweist und den Standpunkt „der Beobachtung des Beobachters“ einnimmt.

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Wenn ich das alles so höre, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, wir haben es hier mit Wahrsagerei und Prophetie zu tun!

Es kommt mir vor, als hätte unser Roulette-Kapitalismus sich in unsere Sprache so eingenistet, dass wir nur mehr offene Möglichkeiten, Optionalitäten usw. sehen, mit denen wir zu rechnen haben, wie mit den dazu gehörigen Risiken und Chancen.

Im wirklichen Leben hat man nur im Computer- oder Ratespielen oder auf der Börse die Möglichkeit Optionen zu wählen.
Wo sieht man bitte im wirklichen Leben offenen Möglichkeiten, wenn es darum geht zu handeln?

Vielleicht merkt man im Nachhinein Möglichkeiten, die im Handeln nicht zu sehen waren. In erlebter Wirklichkeit gibt es keine ausgeschlossenen Möglichkeiten im Handeln, wie Luhmann andeutet, die gibt es nur in Statistiken und im Nachhinein.

Wo ist Zukunft möglich? – Außer in den Köpfen von Konstrukteuren, die immer schon die eigentlich Gläubigen waren.

Meine Vermutung:

Das Luhmann-Sprechen hat sich so verbreitet, da diese Worte eine zunehmende Sehnsucht nach Religion abzudecken vermögen.

Wir greifen zu Worten wie Optionen, um der Sehnsucht Herr zu werden, diese Welt zu begreifen .

In den Zeiten, als Religionen diese Sehnsucht noch befriedigten, war klar, diese Welt ist unerklärlich. Heute wo wir Globalisierung erleben und alles Konsum wurde, auch die Weltanschauung und wir die Weltherrschaft angetreten haben, wollen wir auch das Unbegreifliche begreifen!

Begriffen wie die „Reduktion von Komplexität“ wachsen dann Flügel, Throne werden ihm bereitet und alle himmlischen Heerscharen, Cherubine und Séraphine eilen zu Hilfe.

Religion scheint die Nähr-Flüssigkeit zu sein, in der all die Viren, Bakterien und Gehirnwürmer in Bielefeld gezüchtet wurden und -vorwiegend die deutschsprachige – Welt erobern.

Nur so kann ich mir erklären wieso kritische Geister, die weder den Holocaust leugnen, noch den Gulag abstreiten und sich an anderer Stelle kritisch mit nationalsozialistischem wie kommunistischen Terror auseinandersetzen, Begriffe verwenden, welche allesamt, entweder von der Juristerei, vom Militär und den Geheimdiensten geprägt wurden.

Die funktionale Ebene der Gesellschaft und damit deren Funktionieren ist scheinbar wichtiger geworden als die Kraft des Individuums, etwas an diesen Institutionen zu ändern.

Schicksalhaft gibt man sich einer Welt der „Kommunikation“ hin, deren erhabenstes Ziel es ist, weiter zu kommunizieren, in der „Moral und Ethik“ nur lästige Störaktionen darstellen und in der der Eine den Anderen nicht verstehen kann, außer über sein eigenes „System“.

Ich leihe mir das Ohr von jemanden aus dem Jahre 2030 und höre mir die von Luhmann-Begriffen durchsetzten Diskussionen an und muss grinsen:

So naiv waren die?
Damals!

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