Heft 3 – Tanzender Hund

Luhmanns  „schwarzen Hefte“ Nr.: 3

„Grundbuchblatt der modernen Kultur“

Wie einfach war es, als wir in Martin Heideggers „Schwarzen Heften“ Antisemitismus und menschenverachtende Zitate gefunden haben und damit sein gesamtes Werk infrage stellten konnten.

Niklas Luhmann hat uns leider diesen Gefallen nicht getan. Im Gegenteil, er bot uns logisch stimmige Konstruktionen einer Welterklärung an, in der nicht leicht Lücken gefunden werden können. Ein, zwei Generationen von Intellektuellen bot er damit ein Gerüst von Begriffen an, mit denen sie sich die Welt erklären. Dort, wo seine Theorie problematisch wurde, führte er das Paradoxon ein.

Wollten wir ihm aber hierin folgen, in der Meinung, wir könnten im Paradox seine offenen Stellen finden, wären wir falsch beraten.

Im Gegenteil, gerade dort, wo er ganz schlüssig erscheint, wird Luhmann problematisch.

Wie schon in einem früheren Heft angedeutet, geht Luhmann deduktiv vor. Er geht von einer Theorie der funktional differenzierten modernen Sozialsysteme aus, die er begrifflich ausgearbeitet hat und die er nun auf das Kunstsystem – die Frage was das Kunstsystem ist, bleibt hier noch offen – anzuwenden sucht.

Alles was er dann innerhalb der Kunsttheorie und insbesondere der modernen Kunst vorfindet, scheinen seine schon ausgearbeiteten Theorien zu bestätigen.

Das sich seit der Renaissance herausbildende autonome Kunstwerk, die Dinglichkeit der Objektkunst in der Moderne, die Geschmacksrezeption des 18. Jahrhundert usw., bestätigen seine Theorie der Beobachtung „erster Ordnung“ sowie, der davon streng zu scheidenden „Beobachtung zweiter Ordnung“, die sich seit der Renaissance als unabhängige, sich selbst autopietisch erneuernde Instanz  etablierte, so Luhmann.

In der ersten Ordnung wird festgestellt, dass das Kunstwerk ein Kunstwerk ist und sich sofern von anderen Dingen unterscheidet. In der Beobachtung zweiter Ordnung, in der Beobachtung der Beobachtung wird das Kunstwerk als besonderes erkannt.

Im Spiel der Form, in dem das was sich an ihr zeigt und was sich nicht zeigt oder offen lässt, zirkuliert der Betrachter, wie der Hersteller des Kunstwerkes.

Um aber ein Einheitsurteil zu Stande zu bringen, bedarf es der Unterscheidung des jeweiligen Werkes von anderen Kunstwerken. Eine, in der Kunstgeschichte üblichen Methode ist der Bild- und Objekt-vergleich, der dazu dient das Spezifische und Besondere des vorliegenden Werkes herauszuarbeiten.

Dass das Ergebnis dieser Unterscheidung letztlich kein Etwas ist, sondern ein Nicht-Etwas, ist seine „flankenoffene Form“, die die Offenheit des Kunstwerkes angibt.

In dem was in der Unterscheidung markiert wird, wird gleichzeitig auf das nicht markierte, auf den „umarked space“ hingewiesen.

In diesem Verhältnis von Bestimmtem und Unbestimmtem liegt dann, nach Luhmann, so verstehe ich ihn, die Qualität des Kunstwerkes.

In „Die Kunst der Gesellschaft“ ist dies alles noch viel ausführlicher beschrieben, hier sollte nur kurz der Gedankenaufbau skizziert und die verwendeten Begriffe eingeführt werden.

Auch wenn ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass Niklas Luhmann hier den Versuch unternimmt mit seinen Truppen, mit den Bataillons der Systemtheorie in ein ihm fremdes Gebiet vorzudringen, in das vermeintliche Kunstsystem, muss ich verwundert bemerken, welchen Gewinn der Künstler, der Kunstbetrachter,  und der der sich darüber theoretisch Gedanken macht, aus diesen Überlegungen ziehen kann.

Gerade das, was Luhmann die „Beobachtung zweiter Ordnung“ nennt, in welche er u.a. Herstellung und Betrachtung, Autorenschaft und Authentizität des Künstlers behandelt, zeigt ein inneres Verständnis jenes Prozesses, der zum autonomen Kunstwerk führt

Damit er hier seine systemtheoretischen Bataillons  geschlossen halten kann, kommt es aber leider zu  unabsehbaren Kollateralschäden.

„Will man Systembildung durch Kommunikation begreifen, muss man freilich die materiellen Realisationen der Kunstwerke aus dem Kommunikationssystem Kunst ausschließen. Sie sind Teil der Umwelt des Systems – aber ein Teil der Umwelt, der mit der Kommunikation durch strukturelle Kopplung verbunden ist. Nur ihre Objektheit zählt. Das System selbst kennt nur einen einzigen Operator: Kommunikation. Es reproduziert Kommunikation durch Kommunikation und nicht etwa über Zwischenoperationen, die aus Marmor oder Farbe, aus tanzenden Körpern oder aus Ton bestehen…………………..  Wie jedes soziale System ist auch das Kunstsystem auf der operativen Basis von Kommunikation geschlossen – oder es wäre von sich aus kein System, sondern allenfalls etwas, was ein Beobachter unter beliebigen Auswahlgesichtspunkten zusammenstellt.“
(S.131)

Damit das Kommunikationssystem der Kunst nicht mit Sprache, mit dem Sprechen über Kunst verwechselt wird, führt Niklas Luhmann die Unterscheidung von Erleben und Handeln ein:

„Künstler und Betrachter sind nur als Beobachter an der Kommunikation beteiligt, und die Abstraktion des auf Unterscheiden und  Bezeichnen bezogenen, Handeln und Erleben übergreifenden Beobachtungsbegriffs macht es möglich, diese Gleichheit der Beteiligten an Kommunikation zu formulieren.“(S.129)

Erleben und Handeln werden eingeführt um der Systemtheorie gerecht zu werden. Sie werden einerseits dem System (Erleben) andererseits der Umwelt (Handeln) zugerechnet.

Der Betrachter setzt der Determination durch die Umwelt eigene Unterscheidungen wie wahr/unwahr, Lust/Unlust, gefällt/gefällt-nicht, als Eigenreferenz (auch Mitteilung genannt) dem (der Information) entgegen.

„In beiden Sichtweisen …….. ist ein Beobachter vorausgesetzt, der die Unterscheidung placiert und unterscheiden kann, wohin er sie placiert.“(S. 130)

Gerade weil Luhmann seine Systemtheorie so konsequent durchzieht, zeigt diese hier ihre Schwächen.

Die Schwäche, alles aus der Sicht eines Beobachters zu bestimmen, wodurch eine rein intellektuell beurteilende Leistung das sinnlich-körperlich „Wahrnehmbare“ überspielt.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einem der Filzstapel  von Joseph Beuys, die mit Kupferplatten beschwert sind und denen er den Namen Fond gegeben hat und Sie würden sich von der eigenartigen Kraft der zu Platten verfilzten Tierhaare nicht affizieren lassen, Sie würden nur zu unterscheiden versuchen, Sie würden nur mit dem was ihnen an Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung steht diesem Erleben gegenüber treten, so wären sie verloren.

Luhmann würde hier einwenden, das ist schon richtig, aber die Wirkung des Materials zeigt sich innerhalb des Kommunikationssystems als dessen offene Flanke, als die Unterscheidung von dem Unterschiedenen, welches durch die Filzplatten ausgelöst wurde.

Mit Worten von Joseph Beuys geantwortet: kein Kommunikationssystem ernährt sich durch sich selbst! Die Wahrnehmung erscheint innerhalb des Kommunikationssystems nicht als das Nicht-Unterschiedene, sondern als Qualität.

Das Nicht-Unterschiedene oder die andere Seite der Form, das Kreuzen, wie Luhmann sagt, beschreibt den Vorgang von Wahrnehmung und Unterscheidung in einem sehr fortgeschrittenen Zustand der Betrachtung. Die bis ins körperlich wirkende  Provokation so eines Werkes wie Beuys es vorlegt, wird man mit Luhmann nur sehr dürftig beschreiben können!

Qualität – um mich nicht missverständlich auszudrücken – ist hier keine intellektuelle Eigenschaft oder Teil eines Bewertungssystems, sondern Qualität ist hier körperlich sinnliche Wahrnehmung und damit innerhalb des Stoffwechsels physisch wirksam.
Die in „Die Kunst der Gesellschaft“ anfänglich bestimmte, strikte Trennung von Wahrnehmung und Kommunikation zeigt hier ihre Wirkung. Wahrgenommenes wird systemtheoretisch innerhalb von Kommunikation, von Information ( Fremdreferenz) in Mitteilung (Eigenreferenz) umgewandelt. In dieser Form wird Wahrnehmung in Kommunikation wirksam.

Nach meiner Erfahrung reicht freilich nicht einmal der Wahrnehmungsbegriff aus, um ein Kunstwerk wie den „Fond“ von Beuys zu fassen. Im Begriff der Wahrnehmung wird immer ein helles Bewusstsein, ein wahrnehmendes Erfassen mitgedacht. Vor einer Filzplastik von Beuys sind Wahrnehmung und Wirkung nicht identisch, die Differenz ist aber auch nicht das Negative, oder die andere Seite der Form (N. Luhmann), sondern ist – hilflos nenne ich es so – eine körperliches Wissen, dessen Bewußtseins-Niveau mit dem des Tiefschlafes, oder dem Koma verglichen werden kann.

Wir haben wohl in der Kommunikation auch Möglichkeiten uns darüber zu verständigen, nur vermute ich, die Unterscheidung, Information/Mittteilung reicht hier nicht aus, ist hier doch der Körper der, der sich selbst mitteilt. In ihm Information von Mitteilung zu trennen scheint mir nicht durchgängig geeignet dieses körperliche Phänomen zu beschreiben.

Kommunikation ist nicht irgend eine über dem stofflichen Körpers schwebende Metaebene, sondern ist unabdingbar mit dem Sich-Aufrichten menschlichen Körpers, mit der Ausbildung der Sprechorgane, des Kehlkopfes und mehr, verbunden.

Kommunikation findet nicht, wie Luhmann meint, zwischen getrennten Körpern statt, sondern innerhalb der Körper. Der menschliche Körper ist ein Sprachorgan, er ist Sprache!
Was hier einfach als Behauptung so stehen gelassen werden muss.

An solchen Stellen bricht ein System zusammen, das vorwiegend auf der intellektuell bewussten Ebene des Beobachtens und der Grenzziehungen aufgebaut ist.

An solchen Stellen zeigt sich ein System, dem der Maler und Dichter schon skeptisch gegenüber stand als er Namen wie  „Beobachten“, „Beobachtung der Beobachtung“, „Operation“, „Unterscheidung“ und „Form“, hörte.
Worte, wie sie in der staatlichen Überwachung und insbesondere im Militär gebräuchlich sind und mit denen ganze Unterdrückungssysteme koordiniert und befohlen werden:

Operation medizinisch / Entfernung von Körperteilen / Eingriff in den Körper / Skalpell

Operation militärisch / Vorstoß in feindliche Gebiete/ Teil der militärischen Strategie

Beobachtungsposten
Beobachtungsturm
Spiegelsaal von Versailles / wechselseitige Kontrolle zur Aufrechterhaltung der höfischen Etikette
Der Blockwart
Stasi, Gestapo und die Tscheka
„Der Kiberer“ ( Österreichisches Wort für Polizist)
Der Erker an mittelalterlichen Häusern
„Der Völkischen Beobachter“
Observierung
Evaluierung
Beurteilungen, Benotungen, Bewertungen,
alles Beobachtungssysteme zweiter Ordnung
………

Hier nur aufgezählt, ein Vertiefung müsste folgen!

 

Obwohl Niklas Luhmann weder dumm noch stumm ist – im Gegenteil, er ist ungeheuer intelligent – erinnert er mich immer wieder an den „General Stumm von Bordwehr“ aus Musils Roman: „Der Mann ohne Eigenschaften“.

General Stumm wirkt wirklich etwas dumm, wenn er versucht mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und Begriffen des Militärs die Kultur und ihre Funktionen, denen er in dem Salon von Diotima in vielfältiger Weise begegnet, zu erklären.

Er hat dazu eine Art „Grundbuchblatt der modernen Kultur“ angelegt, das Weltanschauungen und große Namen enthält, von Buddha bis Ganghofer.

Der General hatte mit der Versorgung zu tun, so ist für ihn eine Schlacht halb gewonnen, sobald die Truppen mit genügend Lebensmittel versorgt sind. Nach diesem Modell erklärt er sich auch den Kulturbetrieb, der immer wieder mit neuen belebenden Ideen versorgt werden müsse.

Da gibt es Haupt und Nebenschauplätze und dem Generalstab entsprechend leitende Ideen, die zu finden er sich zur Aufgabe gesetzt hat.  Dabei stößt er auf die Staatsbibliothek, in der er angesichts zehntausender Bücher kapituliert.

Die „Reduktion der Komplexität“ geschieht General Stumm durch den Bibliothekar, der ihm jene Bücher aushändigt, die seine verehrte Diotima – die Dame des Salons, welche die „Parallelaktion“* leitet – auch gelesen hatte. Mit diesen Büchern gewappnet verlässt erglücklich die Bibliothek, wird er doch damit der Dame seines Herzens dienen. Das war für ihn „wie eine heimliche geistige Hochzeit“.

Das entsprechende Kapitel für Niklas Luhmann müsste dann in einem weiteren „Schwarzen Heft“ behandelt werden, welches um Luhmanns System der Liebe kreisen müsste, ein Kapitel seines Wirkens in dem ordentlich Sex be- und getrieben wird.

Irgendwie komme ich nicht umhin, auch im folgenden Zitat aus “ Der Mann ohne Eigenschaften“, Luhmann hinein-zu-lesen:

„Was ist denn überhaupt Geist?!“ fragte sich General Stumm. „Er geht doch nicht um Mitternacht in einem weißen Hemd um; was sollte er also – anderes sein – als gewisse Ordnung, die wir unseren Eindrücken und Erlebnissen geben?!

 

 

Niklas Luhmann, „Die Kunst der Gesellschaft“ Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main1995
Rober Musil „Der Mann ohne Eigenschaften“ Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1994

*Parallelaktion: „Das Jahr 1918 hätte das 70jährige Regierungsjubiläum Franz Joseph I. und das 35jährige Wilhelm II. gebracht. Aus diesem künftigen Zusammentreffen entwickelte sich ein Wettlauf der beiderseitigen Patrioten, die einander schlagen wollten und in der Welt, und im Kladderadatsch von 1914 enden.“ (R. Musil)

 

1 Kommentar zu „Heft 3 – Tanzender Hund“

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