Heft 2 – Luhmann, ein Plastiker?

Heft 2 – Luhmann, ein Plastiker?

„Die Konsequenzen einer Umstellung auf differenztheoretische Analysen zeichnen sich gegenwärtig erst in groben Umrissen ab, aber man kann vermuten, dass sie den Begriff der Welt betreffen und ihn radikal verändern.“ so Niklas Luhmann in „die Kunst der Gesellschaft“, Kapitel VI.

So selbstbewusst, wie er dies in den neunziger Jahren geschriebene hat, so wahr ist der Satz geworden.

Nicht nur seine differenztheoretischen Ansätze, auch alle anderen formalisierten gesellschaftstheoretischen Instrumente, welche Luhmann uns zur Verfügung gestellt hat, haben unsere Weltsicht verändert.
Leider hat sich seine Vermutung, dass wir die komplexe moderne Welt damit besser begreifen könnten in ihr Gegenteil verwendet, seine Worte brachten die Welt auf den Punkt, in der es keine Welt mehr gibt!

Ich möchte das hier am Begriff der Differenz demonstrieren.

Er sitzt den Begriff Differenz an den Anfang seiner theoretischen Überlegungen. Mit ihm wird der Anfang des Denkens gesetzt, so Luhmann.

Setzt man Differenz an den Anfang, so kann daraus nur ein rationalistisches Konstrukt werden. Die vor der Differenzierung herrschende Leere muss Luhmann irgendwie benennen und sagt Welt dazu, die ein unmarkierter Zustand ist und bleibt.

Erst im setzen einer Unterscheidung beginnt, im Wechsel vom diesseits zum jenseits der Grenze, von der Außensicht zur Innensicht, im Kreuzen der Grenze, die Möglichkeit etwas zu fassen.

Ein Denkansatz der den Einsichten der Phänomenologie widerspricht, die uns klarmacht, jedes Denken hat schon begonnen bevor ich damit beginne. Oder anders gesagt: Wir leben schon in einer Welt, wir sind in eine Welt hinein geboren, mit der immer schon umgegangen wurde.

So nimmt Luhmann an, wir würden ein Kunstwerk von der Welt unterscheiden. Genau genommen unterscheide aber nicht ich zwischen Kunstwerk und Welt, sondern ich nehme diese Konvention an und stelle mich darauf ein. Von Unterscheidung zu sprechen wäre hier zu viel gesagt!

Bei all den Begriffen die Luhmann verwendet ist die Gefahr, dass etwas, was sich im Verlauf einstellt, oder als Ergebnis herausstellt, an den Anfang gesetzt wird.

Unterscheiden ist wohl in der Frage der Wahrnehmung von Kunst sehr entscheidend. Die gesamte Kunstbetrachtung  als Unterscheidungsvorgang anzusehen, fasst das Phänomen nicht, sondern schneidet Teile heraus und verdeckt so Vorgänge, die ganz anderer Qualitäten bedürfen als die der Trennung.

Und Trennen voraussetzen zu müssen um etwas zu verstehen, im Gegensatz zu, ist wohl eine Art des Denkens, aber eine begrenzte.

Auch hier, wie in den meisten Büchern und Aufsätzen, geht Luhmann von dem systemtheoretischen Denkmodell aus, dem das Phänomen, in dem Falle die Kunst, dann zu-geformt wird.

Er geht von seinem Konstrukt aus, innerhalb von Kommunikation müsste es Selbstreferenz (Mitteilung) und Fremdreferenz (Information) geben. Und fragt dann, ob diese nicht auch in der Kunst gefunden werden könne. Und wie vorauszusehen findet er sie dann natürlich auch in der Kunst, diese Unterscheidung.

Um sein Denkmodell aufrecht zu halten braucht er im weiteren die Sequenzierung der Wahrnehmung in ein Nacheinander. Es ist ihm aber nicht möglich den ersten Eindruck als den wahrlich Entscheidenden für die weitere  Kunstbetrachtung zu erkennen, der gebraucht wird, um die folgenden Teilwahrnehmungen letztlich wieder in ein Ganzes zu integrieren.

Dieses Phänomen der Erstwahrnehmung, die, man könnte sagen jene Synthese vorwegnimmt und aufbehält, welche in der Folge erst entstehen soll, wurde von vielen, die sich mit Kunst auseinandergesetzt haben beschrieben.

Der Schritt von Unterscheidung zu Unterscheidung, welcher sich dann zirkulär schließt, aber nach Luhmann nicht abschließt, sondern sich für weitere Unterscheidungen offen hält, orientiert sich nach Luhmann wohl am Sinn, aber synthetisiert sich nie zu einer Gesamtsicht.

Dies ist der Systemtheorie geschuldet, welche wohl Systeme benennt, die wieder in andere Systeme aufgehen oder mit diesen in Verbindung treten, deren Setzungen aber nach meiner Sicht irgendwie willkürlich erscheinen, und mehr der Biografie des Autors, als der Sache entsprechen.

Auch scheint mir das Soziale nur über Systeme zu fassen ungeeignet!

Was natürlich einer ausführlichen Begründung in einem weiteren Heft bedarf.

Der Form-Begriff, von dem die Differenz nicht zu trennen ist, ist ein-, zwei- oder wechselseitig gefasst.

Für Aristoteles war Forum noch die belebte und die beseelte, deren Eigenschaft eine innere Spannung ist, aus der das Leben, die Seele im Tod entweicht.

In der Architektur drückt sich dies in der Entasis der griechischen Säule aus. Dieser leichte gespannt Bogen, der im Klassizismus übersehen wurde und diesen Bauten eine rationalistische Strenge verleiht, spricht von beseelter Form. Die griechischen Bauten scheuten auch den rechten Winkel, wie das direkte Aufeinandertreffen von Horizontaler und Vertikaler nur vermittelt ( über Kapitelle ) zugelassen wird.

Sehen wir uns die Zeichnungen von Joseph Beuys, die Skulpturen von Brancusi an, so finden wir diese Gespanntheit der Linie, die den Figuren „Leben“ verleiht.

Wenn man, so wie das Luhmann anstrebt, der Form Leben geben will, der Form Inhalt geben will,  so kann man nicht einfach nur mit Form beginnen, sondern muss mit einem Formbegriff beginnen, der selbst lebendig und nicht abgestorben und tot ist, einer, der nichts anderes kann als zwischen innen und außen zu unterscheiden.

Der Gegensatz von Form ist auch nicht die Unordnung und das Wesentliche der Form ist nicht Unterscheidung. Ihr Verhältnis von innen und außen ist nicht Scheidung sondern Verbindung. Ist nicht abschließen sondern öffnen, wie der Kopf mit seiner Kugelform das sich öffnen anzeigt.

Das Verständnis der Form orientiert sich in der europäischen Geschichte an den Jünglingen und jungen Frauen, die im sechsten Jahrhundert v. Chr. als Skulpturen in Griechenland in die Welt treten.

Form ist, an diesen Plastiken abzulesen, die Einheit des stehenden, gehenden, sich bewegenden, Diskus werfenden Menschen. In Form wird die Vielheit an Muskulatur, Knochenbau, Organik, Gestik, Blick, Raumorientierung und Anwesenheit vereinigt und harmonisiert.

Diese korrespondieren über Größe, Proportionalität, Materialität und Oberflächenbehandlung mit dem Außen, sind im Zusammenspiel Teil des Außen, oft wie eine Art Negativität gegenüber dem Außen (Beispiel: Giacometti).

Nur der Künstler, der mit dem gleichzeitigen Blick auf den inneren Aufbau, wie auf die äußere Raumwirkung zeichnerisch oder plastisch gestaltet, wird jenes Interesse erreichen, das mit Schönheit bezeichnet wird.

Dieser Vorgang könnte als ein Unterscheiden bezeichnet werden womit Michelangelos Aussage, als Bildhauer müsste man nur alles was nicht dazugehört wegschlagen, wörtlich genommen wäre

.

Schaut jemand mit dem Blick des Zeichners, des Plastikers auf Luhmanns Systemtheorie, scheint diese mit dem Begriff der Differenz wohl etwas zu erfassen, aber irgendwie vom Ende her, wie von außen (auch vom Äußeren des Inneren) wird versucht an den Vorgang ran zu kommen.

Besser ist mir das nicht sangbar!

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