Heft 1 – Wahrnehmung Kommunikation Sinn

Luhmanns „Schwarze Hefte“ nachgereicht

Heft 1– Wahrnehmung, Kommunikation, Sinn

Da unter deutschen Intellektuellen und öffentlich reputierten Soziologie Professoren ein „Luhmann-Sprech“ grassiert, sehe ich mich gezwungen einige Beiträge der „schwarzen Hefte“  von Niklas Luhmann nachzureichen.

Mit der Hoffnung, es wird Niklas Luhmann ähnlich wie Martin Heidegger ergehen, dessen „Schwarze Hefte“ eine kritische Relektüre seiner Schriften ermöglichte.

Niklas Luhmann hatte das Glück, aus anderer Sicht das Pech, nach dem Krieg gewirkt zu haben, denn sonst wäre er dem Verdikt des „banal Bösen“ von Hannah Arendt ausgesetzt gewesen.

Seinen Schriften fehlt, trotz der Bemühungen die Moral als soziologische Bestimmtheit zu erklären, jene Moral, welche Hannah Arendt als Quelle des Denkens ansetzt und ohne die nach Arendt kein Denken Denken ist.

Ich hoffe natürlich an dieser Stelle inständig, dass mir, da ich ja nicht alle Schriften von Luhmann gelesen habe, nachgewiesen werden kann, dies sei nicht der Fall und Luhmanns Denken ist sehr wohl von Moral inspiriert.

Vorher aber einige Eckpunkte aus seinem Werk, die meine Vermutung nähren, hier einen rationalistisch formalistischen Denkansatz vorzufinden.

Da ich mich als Maler und kunsttheoretisch Denkender mein Leben lang in diesem Bereich bewegt habe, nehme ich mir jenes Werk vor, in dem er auf die Frage der Kunst eingeht („Die Kunst der Gesellschaft“), um die Begriffe Wahrnehmung, Kommunikation, Verstehen, Differenz, Beobachtung, Sinn und nicht zuletzt den zentralen Begriff der Form, auf ihren Gehalt hin zu befragen.

Die Denkmöglichkeit in Systemen zu denken, welche das gesamte Denken von Luhmann bestimmt, sieht immer und überall ein Systeme, mit einem Innen und Außen, beziehungsweise der Spiegelung des Außen im Inneren, des Innen im Außen.

Dieses Denkschema führt dann immer wieder zu notwendigen Trennungen, die in der Folge aber nicht als Trennungen die einer Theorie geschuldet sind angenommen werden, sondern die In-der-Sache-selbst-liegend angesehen wird.

Ähnlich wie bei Physikern oder Chemikern, die irgendwann einmal vergessen, dass ihre Atome und Moleküle Denkmodelle darstellen, die so in der Natur nicht vorkommen, sondern nur die geeignetsten Modelle sind die Natur zu beschreiben, geht es der Systemtheorie luhmannscher Prägung.

Da bei Luhmann schon diese Verwechslung von Modell und Wirklichkeit stattfindet, ist die Gläubigkeit der Nachfolger schon vorprogrammiert, für die dann Begriffe wie Reduktion von Komplexität, das Unterkomplexe, Differenz  und die theoretische Annahme von Systemen wie Liebe, Geld, Recht und der Verwechslung mit deren sozialer Wirklichkeit, zu unreflektierten Gewohnheiten verkommen.

Systemtheoretische Begriffe gehören heute zu populären Welterklärungen, die alles gleichzeitig und gar nichts aussagen. Sie dienen jungen Akademikern dazu, sich in der Welt zu orientieren, wie damals, als der Existenzialismus Mode wurde. Ich frage mich nur, was hat den Rollkragenpullover der Existenzialisten bei den Systemtheoretikern ersetzt: Das T-Shirt unterm Anzug?

So trennt Luhmann das System der Wahrnehmung von dem System der Kommunikation – Systemtheoretisch geeignet, für die Beschreibung der Wirklichkeit nicht immer geeignet.

Kommunikation wird bei Niklas Luhmann nicht als das was wir unter Kommunikation in üblicher Weise verstehen beschrieben: Die Verständigung einzelner autonomer Individuen. Sondern Kommunikation ist das System in jedem Einzelnen, in dem er Kommunikation autopoietisch selbst herstellt.

In sich klärt, was für ihn Mitteilung und was Information ist.

Ich verstehe Information (Fremdreferenz) und Mitteilung (Eigenreferenz)für mich.

Beobachtung wird dann Wahrnehmung bezogen auf Kommunikation genannt!

So wird das Individuum zu einem autistischen Wesen, das den anderen nur über sein Äußeres, dem wiederum ein Außen und Innen zuerkannt wird, der aber eine in sich geschlossene Monade – so Luhmann – bleibt.

Aus dem Grund muss dann auch Wahrnehmung und Kommunikation getrennt werden, da ja Wahrnehmung ein Element ist, durch das von außen etwas in diese geschlossene Monade eindringt, während Kommunikation dasjenige ist, das innerhalb der geschlossenen Monade sein eigenes Bild der Außenwelt entwirft und in diesem Entwurf festlegt, was davon Außenwelt und was Innenwelt ist.

Dass für Luhmann, über die Befragung der Kunst, in diese Eingangs Voraussetzungen Bewegung kommen wird, ist zu ahnen, wird die Wirkung von Wahrnehmung auf Kommunikation in der Kunst eher ungewöhnliche gestaltet.

Will Luhmann die Trennung Wahrnehmung – Kommunikation aufrechterhalten, muss er in der Folge einiges unternehmen, um Wahrnehmung so zu kommunizieren, dass diese letztendlich als getrennte Einheit zu verstehen ist.

Um diese getrennten Welten zu verbinden, hat Luhmann einen nicht gerade sehr einfallsreichen Kommunikator eingeführt, den Sinn.

Der, so kommt mir vor, überhaupt immer dann in Einsatz kommt, wenn es mit der notwendigen Trennung der Systeme brenzlig wird.

Dass im Verstehen man sich verständlich machen muss wie man versteht, und nicht im naturalistischen Sinne den anderen verstehen kann, dass Verstehen ein Innenwelt Phänomen darstellt, ist zutreffend und notwendig. Verstehen muss als eine im Individuum innerweltlich stattfindenden Vorgang (Operation genannt ) beschrieben werden.

„Nur weil die operative Schließung das Innere des Lebens, Wahrnehmens, Imaginierens, Denkens des anderen verschließt, ist er als ewiges Rätsel attraktiv.“ (N.L.) Kann auch anders gelesen werden: „Da ich gegenüber dem anderen und meine Umwelt offen bin, verstehe ich mich selbst und kann dadurch verstehen, wie ich den anderen verstehe.“

„Da ich wahrnehme, muss ich mir diese Wahrnehmung kommunizieren, wofür mir die Sprache und andere Formen der Ritualisierungen zur Verfügung stehen.“

Der Unterschied zwischen dieser und der Auffassung von Luhmann ist nicht sehr groß, die Membrane zwischen Innen und Außen bleibt dünn und durchlässig in beiden Fällen. Nur, schließt Luhmanns Sicht das Ich ab, während die andere Interpretation das Ich im Öffnen als Ich schließt.

Diese andere Position könnte zum Beispiel Emmanuel Levinas, mit seiner Offenheit dem Antlitz des anderen gegenüber, einnehmen.

Wahrnehmung ist nach meiner Sicht auch nicht von Kommunikation zu trennen, da Kommunikation nicht nur auf Zeichensysteme zu beschränken ist, sondern immer auch die äußerliche Wahrnehmung der Zeichen und Nicht-Zeichen braucht. In Bezug auf Wahrnehmung und Zeichen muss aber angenommen werden, dass die Zeichen als etwas anderes, als das was sie bezeichnen, nämlich das, was sie als Wahrnehmungsqualität (= Nicht-Zeichen) sind wahrgenommen werden.

Diese Wahrnehmungen können wohl die Kommunikation irritieren – wie Luhmann annimmt – das was als Wahrnehmung irritiert wird aber nicht als Kommunikation erlebt, sondern bleiben Wahrnehmung. Die Irritation bedarf zuerst keiner Erklärung, sie provoziert Erklärung, die eng am wahrnehmbaren (an der Beschreibung) 1 bleiben muss, will sie ihr entsprechen.

(Fußnote: 1
Beschreibung ist einerseits Kommunikation, andererseits in der Kommunikation der Verweis auf nicht-kommunizierbares der Wahrnehmung, die ihrerseits von Qualitäts-Bezeichnungen durchsetzt ist.)
Die damit einhergehende permanente Rückkoppelung von begrifflich, kommunikativer Leistung, bzw. der Leistung von Worten und Sätzen und der Wahrnehmung selbst, ist so eine verwobene, dass eine Trennung nicht einmal in zeitliche Sequenzen möglich ist. Denn sobald eine Wahrnehmung begrifflich bereichert ist, ist sie so. Umgekehrt erscheint der Begriff als einer, der immer schon diese Wahrnehmung enthalten hat.

Das ist das was in dem Satz „die Sprache spricht“ – sie bringt Sicht selbst hervor- ausgedrückt wird.

Die Wahrnehmungsorgane, Wahrnehmungsqualitäten, Worte und Gesten sind so verbunden, dass Trennung nötig ist um das verbindende kenntlich zu machen.

Mit einem eigensinnig, irritierend, gleitenden Phänomen der Wahrnehmung innerhalb von Kommunikation muss gerechnet werden.

In der Trennung von Wahrnehmung und Kommunikation spiegelt sich sehr verdeckt auch eine Trennung von Natur und Mensch, Geist und Körper wieder, oder anders gesagt die Trennung des Phänomens des Sozialen, von dem Phänomen Natur.

Das ist die rationalistische Erbsünde der Philosophie an die Soziologie weitergereicht!

Diese Erbsünde setzt bei Luhmann sehr früh ein, wenn er zum Beispiel Wahrnehmungsprozessen immer ein Bewusstsein zuweist und diese auf Nerventätigkeit bezieht.

Ein irgendwie gearteter Anteil von Bewusstheit muss der Wahrnehmung zugeordnet werden, aber ansonsten ist die Quelle der Wahrnehmung der gesamte Körper. Der gesamte menschlich-tierische bzw. tierisch-menschliche  Körper ist mit all seinen organischen Funktionen ein Wahrnehmungsorgan.

„Ich denke mit dem Knie!“ von Joseph Beuys, ist kein Metapher, sonder wörtlich gemeint. Der Plastiker denkt mit seinen Bewegungsorganen.

Der menschliche Körper ist das sich plastisch Öffnende, welches durch seine Umwelt plastiziert wird. Von daher ist auch das sich Schließende des menschlichen Körpers zu verstehen, nämlich als etwas das um sich öffnen zu können auch schließen muss. Der menschliche Körper ist eine durchlässige Membrane zwischen sich öffnen und verschließen. Wobei das verschließen ein Teil des sich Öffnens ist.

Wo anfänglich in Luhmann noch ein Levinas, ein Arnold Gehlen hinein gelesen werden kann, ist dies in seiner Darlegung was Form ist, nicht mehr möglich.

Hier schießt der Formalismus bei Luhmann völlig ins Kraut. Es wird der Differenz gehuldigt, die in ihrem Hin und Her zwischen dem Einen und dem Anderen markierte und nicht markierte Räume wie Welten wechselseitig erschließt. Differenzierend wird letztlich nur formalisiert, aber inhaltlich Sinngebendes behauptet.

In der Beschreibung kommt Luhmann natürlich nicht darum hin die Differenz in eine Welt zu setzen, die für sich als Inhalt leer angenommen werden muss, da ja erst die Differenz Inhalt herstellt. Wobei der beschreibende Gebrauch des Weltbegriffes letztlich dann doch mit Inhalt gefüllt werden muss, der dann Sinn genannt wird.

Irgendwo in diesem wabernden Brei von Sinnen-Welt findet dann dieses Markieren, diese markige Differenzierung statt, die Bedeutung schafft und Inhalt im formalisieren kreiert.

Ich bitte Sie, hat nicht der Unsinn des ersten und zweiten Weltkrieges den Sinn-Begriff längst in den Kehricht Haufen der Sinnfragen gekippt?

Zuerst gibt es keine Welt wird angenommen, dann braucht man aber den Begriff der Welt, um Differenz einzuführen – die Schlange mit zwei Gesichtern – und dann wird doch bemerkt: Irgendwas fehlt! So wird Sinn nachgereicht.

2 Kommentare zu „Heft 1 – Wahrnehmung Kommunikation Sinn“

  1. Hallo Günter, hier noch nicht ein Kommentar. Ich hab’s mir erst mal als pdf runtergeladen und werde mit Anmerkungen lesen. Bisher schon liebe ich Deine Leichtfüßigkeit. Poroblehem: Ich bin kein Luhmann-Leser. Bisher noch nicht. Kenne nur aus Sekundärgelesenem und dem allgemeinen Argumentationsatmosphäre, u.a. unserer Twitter-Bekanntschaften. Also fachlich unter aller Sau meinerseits. Vielleicht aber schweineklug. Mal sehen. Ball flachhaltend, herzlich, Andreas

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